Über die baltischen Länder nach Russland

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Von Zentraleuropa aus auf dem Landweg die baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland zu erreichen war bis vor kurzem eine Herausforderung: Grenzüberschreitende, schnelle Zugverbindungen zwischen den Hauptstädten gab es mehrere Jahre lang nicht. Alternativen waren lange Busfahrten – oder das Fahrrad, wie bei meiner Rad-Zugtour durch das Baltikum & Skandinavien 2022. Seit Neustem gibt es jedoch tolle Zugverbindungen in das Baltikum, von denen ich auf meiner Reise profitiere. In mehreren Etappen hangle ich mich immer weiter in den Nordosten der EU vor.

Erste Etappe: Von Polen nach Litauen

Ganzjährig besteht nun eine attraktive Verbindung zwischen Polen (u.a. Kraków, Warszawa, Białystok) und Litauen (u.a. Kaunas, Vilnius). Nur an der Grenze ist ein unkomplizierter Umstieg zwischen dem polnischen und dem litauischen Zug nötig.

Umstieg am polnisch-litauischen Grenzübergang Mockava

Geopolitisch ist diese Route besonders spannend, denn alle Landwege zwischen Zentraleuropa und den baltischen Ländern zwängen sich durch die nur 65 Kilometer schmale „Suwałki-Lücke“. Westlich begrenzt Kaliningrad (also Russland) das Gebiet, östlich Belarus. Mit einem Blick auf die Landkarte lässt sich gut nachvollziehen, welche strategische Bedeutung dieser Abschnitt insbesondere für die baltischen Länder hat. Wenig verwunderlich ist daher, dass zwischen Białystok und Kaunas vergleichsweise viele Züge mit militärischem Gerät aus verschiedenen Ländern Europas unterwegs sind.

Kurz vor Kaunas treffen die Nord-Süd-Routen auf einen Ost-West-Korridor, der die russische Exklave Kaliningrad mit „Festland-Russland“ über Belarus verbindet und im Personen- als auch im Güterverkehr genutzt wird. Die russischen Personenzüge Kaliningrad-Moskau halten in Litauen und damit in der EU nur aus betrieblichen Gründen, ein Ein- und Aussteigen ist nicht erlaubt. Im Juni 2022 geriet dieser Korridor in den Fokus, als Litauen Russland den Transit für unter EU-Sanktionen stehende russische Güter (z.B. Kohle, Baustoffe, etc.) untersagte. Russland sprach von einer „Blockade Kaliningrads“ (wenngleich nicht-sanktionierte Waren weiterhin den Korridor nutzen dürften) und drohte mit Konsequenzen. Auch innerhalb der EU gab es unterschiedliche Meinungen zum Vorgehen Litauens. Um eine Eskalation zu verhindern, beendete Litauen nach einem Monat die Blockade.

Fußgängerzone in Kaunas (Litauen)

Zweite Etappe: Von Litauen nach Lettland

Ganz neu, seit März 2024, verbindet ein Direktzug die Hauptstädte Litauens (Vilnius) und Lettlands (Riga) – in einer unschlagbaren Reisezeit von 4 Stunden! Der Zug ist so erfolgreich, dass ich das vorletzte Ticket des Zuges ergattere. Für die folgenden Tage ist der Zug sogar ausgebucht. Ich vermute allerdings, dass es selbst bei ausgebuchtem Zug noch möglich ist mitzufahren, da einige Fahrgäste in einer größeren Stadt vor der Grenze wieder aussteigen.

Fliegende Vorbeifahrt an den Grenzsteinen von Litauen und Lettland

Diese direkte Verbindung ist ein Vorgeschmack auf schnelleres Reisen im Baltikum – und damit auf das, was die sogenannte „Rail Baltica“ verspricht. Die Rail Baltica ist DAS zentrale Infrastrukturprojekt der baltischen Länder und der EU: Geplant und gebaut wird derzeit eine neue Eisenbahnverbindung, die die baltischen Länder zum einen direkt miteinander und zum anderen mit Zentraleuropa verbinden wird.

Ankunft in Riga

Durch die frühere Zugehörigkeit der baltischen Länder zur Sowjetunion ist die Schieneninfrastruktur in russischer Breitspur angelegt und in Ost-West-Richtung ausgerichtet. Zumindest politisch ist die Orientierung aber jetzt eine ganz andere. Die Rail Baltica wird in Nord-Süd-Richtung verlaufen und, um kompatibel mit der Eisenbahn in Zentraleuropa zu sein, in Normalspur errichtet. Gerade in den letzten beiden Jahren hat das Projekt aus geopolitischen Gründen eine besondere Bedeutung bekommen. Stellenweise sind die Bauaktivitäten bereits voll im Gange, wie z.B. bei Kaunas. Die Planungen laufen aber auch noch und weitreichendere Ideen, wie z.B. ein Tunnel zwischen Tallinn/Estland und Helsinki/Finnland werden immer wieder diskutiert.

Dritte Etappe: von Lettland nach Estland

Auf dem letzten Abschnitt in den Norden zwischen Lettland und Estland tun sich die Bahnen weiterhin schwer mit einer länderübergreifenden Abstimmung und zwingen Fahrgäste zu einem 4-stündigen Aufenthalt in dem Grenzstädtchen Valga. Da ich mir Valga vor 2 Jahren auf meiner Radtour schon angeschaut habe, fahre ich gleich mit dem Bus nach Tartu weiter, eine der Kulturhauptstädte Europas in diesem Jahr.

Alles in einem: Busbahnhof, Parkplatz, Marktplatz, Versammlungsort in dem kleinen Örtchen Torva in Estland

Vierte Etappe: von Estland an die russische Grenze

Vorab zu meiner Reise wurde ich häufiger gefragt, ob eine Reise auf dem Landweg nach Russland überhaupt möglich sei. Finnland hat im Winter seine Grenzen temporär geschlossen. Von Estland und Lettland ist es weiterhin möglich, direkt nach Russland zu reisen, vermutlich auch wegen der nennenswerten russisch-sprachigen Minderheiten, die in diesen EU-Ländern leben.

Für die Weiterreise entscheide ich mich für den eher in der „Wildnis“ gelegenen Grenzübergang Koidula im südlichen Estland, bei dem ich mir aber zunächst unsicher bin, ob ich diesen auch zu Fuß passieren darf oder – wie bei EU-Außengrenzen oft üblich – einen Pkw oder Bus nutzen muss. 

Der Zug zum letzten Bahnhof vor der Grenze, ist erstaunlich gut besetzt, dafür dass dieser Bahnhof eigentlich im Nirgendwo liegt und es dort außer ein wenigen Ferienhütten nichts gibt. Ich spreche ein paar Zugreisende an, ob sie wüssten, ob man zu Fuß über die Grenze könne. Dabei stellt sich raus, dass alle Reisenden über diesen Grenzübergang nach Russland möchten. Ein Weiterkommen sollte also gesichert sein. Um nachts nicht auf der Grenze zu stranden, entscheide ich mich, im Autohof vor der Grenzstation (mit der einzigen Übernachtungsmöglichkeit auf estnischer Seite weit und breit) eine Nacht zu verbringen. Am nächsten Tag starte ich gleich in der Früh ganz frisch.

Endstation Koidula: Ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter

Mein nächster Blog-Beitrag: „Auf der Transsibirischen Eisenbahn von Europa bis an das Japanische Meer“

Veröffentlichung: vsl. innerhalb der nächsten 1-2 Wochen

Mein Blog reist mir zeitlich immer ein bisschen hinterher. In dieser Zeit stelle ich meine Erlebnisse zu spannenden Beiträgen zusammen. Du möchtest aber wissen, wo ich mich aktuell befinde? Du möchtest meine Route und eine Auswahl von Foto-Schnappschüssen? Dann begleite mich gerne auch hier!

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