Meine letzten Tage in Russland: Die beinahe unendliche Geschichte, eine Grenze zu passieren (Teil 2 von 2)

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Fortsetzung von Teil 1: Sashas Papa empfiehlt mir, gleich morgen (Montag) in der Früh zur Behörde für Migrationsangelegenheiten zu gehen, die Situation darzulegen und um eine Verlängerung meines Visums zu bitten. … Mit dieser erleichternden Information entscheide ich mich in Vladivostok zu bleiben und morgen bei der Behörde vorzusprechen.

Am Montag bin ich vorsichtshalber bereits eine halbe Stunde vor Öffnung bei der Behörde für Migrationsangelegenheiten. Immer mehr Menschen – insb. aus zentralasiatischen Ländern, wie deren Dokumente verraten – versammeln sich vor der noch verschlossenen Tür. Kleine Diskussionen brechen aus, wer „nur kurz“ etwas bestätigen lassen muss und daher zuerst rein darf. Ich ahne, dass es ein Hauen und Stechen wird, in das Gebäude zu kommen.

Um 9 Uhr öffnet das Amt, ich werde zum Glück gleich zu einem Schalter gelotst, an dem noch wenig los ist und darf relativ schnell vorsprechen. Die Dame an Schalter 1 teilt mir mit, dass sich ihre Kollegin an Schalter 6 um Visa-Angelegenheiten kümmert. Sie öffnet aber erst um 10 Uhr. Ich warte – mit der Ungewissheit, ob Schalter 6 wirklich der richtige für mich ist. Um 10.30 Uhr ist der Platz weiterhin unbesetzt, ich warte. Nach weiteren 15 Minuten nimmt die Bearbeiterin ihren Arbeitsplatz ein.

Ich schildere ihr meine Situation mit den Schwierigkeiten an den Grenzübergängen und mit meinem seit Mitternacht abgelaufenen Visum. Sie zählt daraufhin im Kalender die 16 Tage nach, die ich gemäß meines Visums in Russland bleiben darf und meint, es sei doch alles gut: Mir würden noch 2 Tage verbleiben, um Russland zu verlassen. 

Wie kann das sein, habe ich mich vertan? Ich habe die Tage doch mehrmals durchgezählt! Dann fällt mir der Irrtum auf: Ich mache der Bearbeiterin deutlich, dass sie gerade auf das falsche Kalenderblatt geschaut hat, nämlich auf den April. Sie zählt erneut durch und sagt dann: „Очень плохое!“ – was so viel heißt wie: „Sehr schlecht!“. Ihr Gesichtsausdruck signalisiert mir, dass sie mit „sehr schlecht“ auch sehr schlecht meint. Sie erklärt mir etwas auf Russisch, was ich jedoch kaum verstehe. In dieser Situation helfen meine Russisch-Basiskenntnisse nicht mehr weiter. Wir versuchen es mit Google-Translator. Einen Vorschlag, wie ich weiter vorgehen soll, kann ich auch daraus nicht ableiten. Sie bittet mich im Korridor Platz zu nehmen und ich verstehe sie so, dass ich auf ihr weiteres Zeichen warten soll.

Ich warte etwa eine Stunde, es passiert nichts. Mittlerweile ist es 12 Uhr und ich fürchte, in die Mittagspausen reinzurutschen, damit eventuell einen (Behörden-)Arbeitstag zu verlieren und einen weiteren Tag ohne gültigem Visum in Russland zu sein. Um das zu verhindern, traue ich mich zu ihr und frage, was ich nun tun soll. Zunächst verstehe ich ihren Vorschlag wieder nicht, doch dann wird es mir klar: Ich möge morgen bitte mit einer Begleitung wiederkommen, die bei der Übersetzung unterstützt. Der Verzug um einen weiteren Tag wäre unproblematisch.

Nach den Behördengängen bleibt ein bisschen Zeit für Erkundungstouren in Vladivostok.

Glücklicherweise spricht Ekaterina (Name geändert), die ich in Vladivostok kennengelernt habe, gutes Englisch und könnte übersetzen. Allerdings muss sie tagsüber arbeiten. Zudem ist mir nicht wohl dabei, jemanden, der im Alltag voll ausgelastet ist um Hilfe zu bitten, ohne zu wissen, wie viel Zeit dieser Prozess auf dem Amt in Anspruch nehmen wird. Ich frage sie dennoch, ob sie mich beim Behördengang begleitet – sie sagt gerne zu.

Am Dienstag sind Ekaterina und ich zur vereinbarten Zeit um 10.30 Uhr an Schalter 6 der Migrationsbehörde. Umgehend werden wir in ein anderes Büro geschickt. Dort teilen uns die Beamten mit, dass ich zur Bearbeitung eine zertifizierte Übersetzerin benötige. Das ist Ekaterina allerdings nicht, sodass wir die Behörde unverrichteter Dinge wieder verlassen.

In ihrem Restaurant angekommen, recherchiert Ekaterina potentielle Übersetzerinnen und Übersetzer. Die einzige Übersetzerin, die kurzfristig verfügbar ist, kann erst morgen (Mittwoch) Nachmittag. Damit ist wieder ein Tag verloren, es ist jedoch nicht zu ändern.

Bunte Straßenbahn in Vladivostok

Zurück im Hostel berichte ich meinem Bettnachbar Vladimir (Name geändert) von den Erfahrungen an der Grenze und von den Vorgängen auf der Behörde. Vladimir arbeitet bei der Polizei in einer anderen Region Russlands und ist mit den bürokratischen Vorgängen, die in meinen Fall greifen, vertraut. Er setzt alle Hebel in Gang, spricht sich mit seinen Kollegen und Vorgesetzten aus seiner Region ab und geht mit mir – seiner und meiner Devise folgend „Fragen kostet nichts“ – am Nachmittag nochmals zur Migrationsbehörde.

Zwar kann auch er nichts daran ändern, dass ich eine Übersetzerin benötige. Allerdings unterstützt er mich dabei, wichtige Informationen zusammenzustellen, die zeigen, dass die offiziell zugänglichen Dokumente für die Grenzübergänge unvollständig sind und nicht aufzeigen, dass ich mit meinem Pass diese nicht queren darf. Darüber hinaus tragen wir die Dokumente zusammen, die genau darlegen, dass ich rechtzeitig ausreisen wollte und der Overstay kein Vorsatz war. Belegen kann ich das mit meinen Tickets, mit meinen georeferenzierten Aufenthaltsdaten dank Polarsteps und mit den Fotos, die ich vor Ort gemacht habe.

In Vladivostok

Am Mittwoch um 14 Uhr treffe ich mich mit der Dolmetscherin bei der Migrationsbehörde, zuerst sprechen wir in einem Büro vor, dann in einem anderen. Sehr viele Unterschriften sind nötig, Erläuterungen, langes Warten, nochmalige Erläuterungen und nochmaliges Warten. Ergebnis ist ein Bescheid, mit dem ich innerhalb einiger Tage ausreisen muss und jeden Grenzübergang nutzen darf. Im Protokoll legen wir fest, dass ich den Grenzübergang in Pogranicnyy nutzen werde. Um 20 Uhr sind wir mit allen Angelegenheiten fertig. Welch eine Erleichterung!

Abendstimmung in Vladivostok

Am Donnerstag in der Früh mache ich mich umgehend auf den Weg zur Grenze, nutze erst einen Zug, für die zweite Etappe einen Bus und erreiche den Ort Pogranicnyy gegen 15 Uhr. Dort muss ich in den grenzüberschreitenden Bus umsteigen und bitte am Schalter um ein Ticket. 

Unterwegs zur Grenze

Nach Inspektion meines Passes und der weiteren Dokumente gibt mir die Schalterdame zu verstehen, dass sie mir kein Ticket ausstellen kann. Mit einem elektronischen Visum, das ich hatte, dürfe ich diesen Grenzübergang nicht nutzen, sagt sie. Ich müsse nach Poltavka. (Zur Erinnerung: Mir wurde am vergangenen Sonntag auf dem Weg nach Poltavka empfohlen, nach Pogranicnyy zu fahren! [vgl. Teil 1]) Ich erläutere ihr abermals die Hintergründe meines Bescheids und dass ich mit diesem jeden Grenzübergang nutzen kann. Doch sie kann mit dem Bescheid nichts anfangen. Der Ticketagent dieser Station mischt sich in das Gespräch ein und unterstützt seine Kollegin.

Der Ort des Geschehens: Ticketschalter in Pogranicnyy

Fast alle meine Geduldsfäden reißen – doch ich erinnere mich an meinen Joker, den ich fortwährend auf dem Laufenden halte, wie ich voran komme: Vladimir. Ich rufe ihn an und reiche das Telefon an die Dame weiter. Sie diskutieren. An den Gesichtszügen der Dame am Ticketschalter kann ich meine Erfolgsaussichten, ein Ticket zu bekommen, einschätzen. Ihr Gesichtsausdruck ändert sich nicht, sie kann mir weiterhin kein Ticket ausstellen. Mehrmals wird das Gespräch beendet.

In seiner stoischen Ruhe schreibt mir Vladimir nur „wait a minute“. Vladimir kommuniziert aus der Ferne mit der Migrationsbehörde in Vladivostok, mit den Beamten an der etwa 20 km entfernten Grenzstation und mit der Dame des Busunternehmens am Schalter mir gegenüber.

Nach ca. 1,5 Stunden verändert sich der Gesichtsausdruck der Dame dann doch: Sie stellt mir ein Ticket für den in etwa 15 Minuten abfahrenden Bus aus!

Nun aber wirklich: Auf zum Grenzkontrollpunkt!


Gegen 18 Uhr erreicht der Bus den russischen Kontrollpunkt an der Grenze zu China, die Sonne scheint. Viele Chinesen schleifen Pakete hin und her, es wird entladen und beladen. In dem wuseligen Treiben gehen die Reisenden meines Busses unter. Ob ich den Anschluss auf der anderen Seite wieder finde?

Eine hochrangige Person des Immigration Services winkt mich zu ihr und bittet mich, ihr zu folgen und dann direkt zur Passkontrolle zu gehen. Nach einer kurzen Durchsicht der Unterlagen werde ich in einem separaten Raum gebracht und mir wird vom dem wirklich freundlichen Beamten versichert: „No worries, only formalities.“ Er entschuldigt sich in sehr gutem Englisch ausdrücklich für die entstandenen Unannehmlichkeiten. Es folgen kurze Absprachen zwischen den Kollegen, ein Nicken und schlussendlich wird der Ausreisestempel in meinem Reisepass platziert.

Nach dieser VIP-Behandlung sucht mir der Beamte einen bereits abfahrbereiten Bus hinter dem Kontrollpunkt heraus, bittet den chinesischen Fahrer, mich auf die chinesische Seite mitzunehmen und wünscht mir eine gute Reise. Währenddessen steckt der Bus, mit dem ich gekommen bin, noch in der Abfertigung.

Jetzt kann nichts mehr schiefgehen!

Der Bus biegt wieder auf die Hauptstraße ein. 10 Kilometer sind es bis zur eigentlichen Grenzlinie. Es ist sehr bergig, die Straße steigt spürbar an, links und rechts ist nichts als dichter Wald: Niemandsland im Grenzgebiet. Ich komme mir vor wie im Dschungel. Nur die großen Antennentürme oben auf den Bergen fallen in dieser Wildnis auf.
Auf der Bergkuppe und nach 10 Minuten Fahrt lichtet sich der Wald: ein Tor. Ich rolle über die Grenzlinie nach China und verlasse damit Russland. Vor mir taucht ein riesiges, einem Flughafen gleichenden Gebäude auf: das chinesische Grenzterminal.

Nach der nun geglückten Ausreise hoffe ich, dass die chinesischen Grenzbeamten von der temporären Aussetzung der Visapflicht für ausgewählte Nationen wissen und ich einreisen darf. Mit dem nächsten Blogbeitrag wird sich zeigen, ob die Einreise geklappt hat.

Kurzer Rückblick Russland: Das Hin und Her wegen der unvollständigen Informationen und der dadurch entstandene bürokratische Aufwand hat meine Etappe in Russland letztlich sehr geprägt. An der Länge der Blogbeiträge ist das gut erkennbar.
Dennoch: Abgesehen von diesem „Grenzerlebnis“ hatte ich während meiner Reise quer durch Russland über 2,5 Wochen ausschließlich (!) positive Begegnungen. Meine Nationalität tat dem absolut keinen Abbruch – häufig führte sie sogar zu noch größerer Neugier. Bei dem Interesse und der Hilfsbereitschaft, die mir allerorten entgegengebracht wurde, fragte ich mich häufig, ob umgekehrt ausländische Reisende in Deutschland ebenso behandelt würden. Sicher war und bin ich mir nicht.

Alle weiteren Erfahrungen zu meiner Reise in Russland teile ich gerne im persönlichen Austausch.

Mein nächster Blog-Beitrag: vsl. „Heiliger Berg Changbaishan – unterwegs im geheimnisvollen Nordosten Chinas“

Veröffentlichung: vsl. in ca. 2 Wochen

Mein Blog reist mir zeitlich immer ein bisschen hinterher. In dieser Zeit stelle ich meine Erlebnisse zu spannenden Beiträgen zusammen. Du möchtest aber wissen, wo ich mich aktuell befinde? Du möchtest meine Route und eine Auswahl von Foto-Schnappschüssen? Dann begleite mich gerne auch hier!

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