Sicherheit und Terrorismus im Irak – ein Einheimischer berichtet

Categories Donbass, Abchasien und Irak, Irak, Türkei

Zur Mittagszeit sind wir in Erbil, der Hauptstadt Kurdistan‐Iraks abgefahren. Während draußen unerträgliche 45 Grad herrschen, ist es im Inneren des Reisebusses angenehm kühl. Ohnehin kann ich mich über den Komfort nicht beschweren: Der außen strahlend weiße und innen in dezentem weinrot gehaltene Bus mit lockerer Bestuhlung macht den Eindruck, gerade das Werksgelände verlassen zu haben.

Bis Zahok, dem Grenzübergang zur Türkei sind es ca. 160 Kilometer. Der kürzeste Weg würde über Mossul führen. Da Mossul jedoch nicht von Kurden, sondern von Irakern kontrolliert wird, nehmen wir einen leichten Umweg – und verbleiben bis zur Grenze auf kurdischem Gebiet. Nach ca. 2 Stunden Fahrt beträgt die minimale Entfernung nach Mossul gerade einmal 40 Kilometer Luftlinie. Unvorstellbar, dass zu meiner Linken, nur einen Katzensprung entfernt, kürzlich die Hölle tobte und hier, wo ich mich gerade befinde, die Menschen in Sicherheit waren. Schwarz und weiß im gleichen Land – wie geht das?

Beim nächsten Halt steigt ein Mann ein, der beide Seiten kennt: Mein Sitznachbar, den ich im Folgenden mit T. abkürze, ist Araber und kommt aus Mossul. Er wohnt allerdings seit 13 Jahren in Kurdistan und unterrichtet dort Englisch. Ich nutze die Chance und frage ihn alles, was sich in mir an Fragen in den letzten Tagen angesammelt hat. Die Antworten gebe ich nachfolgend sinngemäß in Deutsch wieder.

Auf dem Weg von Erbil an die türkische Grenze passieren wir den Fluss „Zab“. Dieser mündet später in den Tigris.

Du bist Araber. Wie ist dein Verhältnis zu Kurden?
Ich lebe nun seit 13 Jahren in Kurdistan‐Irak. Wir kommen miteinander sehr gut aus, viele meiner Freunde sind Kurden. Außerdem unterrichte ich ja vorwiegend kurdische Kinder. Das Problem liegt in der Politik. Es begünstigen sich immer die eigenen Glaubensrichtungen: Die sunnitischen Politiker setzen sich nur für die eigenen Interessen ein und schieben sich das Geld zu, genauso die Kurden und die Schiiten. Das löst natürlich großen Neid und Unzufriedenheit aus – insb. wenn eine Partei alle anderen dominiert.
Zu weiteren Konflikten führen unsere Ölressourcen. Kirkuk ist die Ölweltstadt. Es heißt: Falls irgendwann das Öl ausgehen sollte, dann fließt in Kirkuk der letzte Tropfen. Es ist nicht verwunderlich, dass jede Gruppierung die Ölquellen für sich beansprucht. So kann unser Land nicht funktionieren!

Der IS wurde 2016 aus Mossul vertrieben. Wie sieht es in Mossul derzeit aus?
Um den IS zu bezwingen, hat die irakische Armee große Teile der Stadt einfach platt gemacht. Die Stadt ist in weiten Teilen immer noch zerstört. Der Aufbau geht nur schleppend voran. Nach Baghdad war Mossul mit 5 Mio. Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Iraks. Heute leben in Mossul angeblich wieder um die 3 Mio. Einwohner. Im Innenbereich ist es einigermaßen sicher, nur die Außenbereiche sollte man meiden. Mein Eindruck ist, dass Mossul nun die Stadt mit scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten ist: Land lässt sich günstig erwerben. Jobs bekommt man ohne Probleme – jedoch bei schlechter Bezahlung.

Bei der Rückgewinnung von IS‐Gebieten wurden sicherlich nicht alle Terroristen festgenommen. Wo sind die verblieben?
Zum einen haben sich Terroristen in Nachbargebiete abgesetzt, z.B. in die Türkei, in das westliche Syrien und den Irak. Sie sind in den Untergrund abgetaucht und werden manchmal auch von der Bevölkerung geschützt. Wir nennen das „schlafende Zellen“. Zum anderen halten sie sich noch immer in unzugänglichen Bergregionen versteckt. Doch auch die Bevölkerung ist zunehmend skeptisch und verrät Verstecke.
Übrigens: Der Handel mit den festgenommenen Terroristen aus anderen, westlichen Ländern ist ein großes Geschäft für den Irak. Kürzlich zahlte Frankreich mehrere Millionen Euro, um einen Terroristen freizukaufen. Der Staat [Irak] ist in Sachen Lösegeldforderungen also nicht unbedingt besser als die Terroristen.

Ein ziemlich großer Teil der Terroristen kommt ja gar nicht von hier, sondern z.B. aus Westeuropa und Russland. Wie schaffen die es über die Grenzen?
Die Grenzen zwischen der Türkei und Syrien sowie zwischen dem Irak und Syrien führen durch unbewohntes, unzugängliches Gelände. Die Gruppen verabreden sich und bringen sich gegenseitig über die Grenzen.

Bei der Vielzahl an Nationalitäten, die für den IS kämpfen: Woran erkennen die, die gegen den Terrorismus kämpfen, wer auf welcher Seite steht?
Die Kämpfer fühlen das mit dem Herzen. Es kommt übrigens auch vor, dass Terroristen die Seiten wechseln – je nachdem, welche Lage für sie dann vorteilhafter ist.

Kennst du Leute, die zum IS gewechselt sind? Oder hast du sowas in deinem Bekanntenkreis gehört?
Es wird immer wieder spekuliert, dass der ein oder andere in Verbindung zum IS stehen könnte. Direkt kenne ich aber niemanden.

Zwischenstopp in Zahok – wenige Meter vor der irakisch‐türkischen Grenze

Mir würden vermutlich noch mehr Fragen einfallen, doch diese Informationen muss ich erstmal verdauen. Ohnehin sind wir jetzt an der Grenze angelangt und machen uns fertig für das Grenzprocedere. Ganz aufgeregt sind ein paar Mitreisende. T. erklärt mir, dass diese Personen Händler seien, die aus der Türkei in den Irak importierte Zigaretten und Spirituosen wieder zurück in die Türkei bringen. Im Irak gibt es so gut wie keine Steuern, die Waren werden günstig einkauft und anschließend in der Türkei, wo die Steuern deutlich höher sind, schwarz verkauft.

Ein sympathischer älterer Herr im Anzug, Kurde (wie fast alle Mitreisenden), flüstert mir auf Deutsch zu, bei der Kontrolle auf türkischer Seite nicht zu erwähnen, dass ich aus Kurdistan käme. Den Wink mit dem Zaunpfahl, nämlich, dass die Türken überhaupt nicht auf autonom geführte Gebiete stehen, verstehe ich und beschränke mich bei dem tatsächlich etwas längeren Interview des türkischen Grenzbeamten auf „Irak“.

Bei der weiteren Fahrt – nun auf türkischem Staatsgebiet – schlängeln wir uns eine ganze Weile am Tigris entlang, der hier die Grenze zu Syrien bildet. Das Nachbarland kann ich nur an vereinzelten Laternen erahnen. Es ist bereits dunkel.

Aus der schläfrigen Dunkelheit reißen uns die Check‐Points der türkischen Polizei, die sich mit blau‐rotem Blinklicht schon von weitem andeuten. Mit großer Sorgfalt wird geprüft, dass sich in den Fahrzeugen nichts befindet, was die Integrität der Türkei in den überwiegend von Kurden bewohnten Gebieten gefährden könnte. Als ein Polizist den Bus betritt und beginnt, die Ausweise zu prüfen, fängt ein kleines Mädchen an zu weinen: Mit seinem außerordentlich großen Maschinengewähr hat er sichtbar Mühe, durch den Gang des Busses zu schreiten und die Personalien aufzunehmen.
Gegen Mitternacht passieren wir Cizre. Die meisten „Händler“ steigen aus, neue Fahrgäste nehmen Platz. Es geht weiter in die Nacht hinein, immer entlang der syrischen Grenze.

 

Die letzten Reisetage

Das Ende der Reise zeichnet sich ab. Ich nehme weiter Kurs auf Dresden. Um mich an unsere westliche Welt zu gewöhnen, lege ich weitere Zwischenstopps ein, u.a. in Şanliurfa, Adana, Istanbul und Budapest. Das Hineingleiten in unsere Welt per Bahn und Bus gibt mir nochmal die Möglichkeit, die Welten Revue passieren zu lassen, in die ich in den letzten vier Wochen kurzzeitig abgetaucht bin:

Dazu zählen die Ostukraine mit ihrer schier aussichtslosen Lage; Abchasien, dem Urlaubsparadies mit Sowjetcharme; die herzlichen Aufenthalten bei meinen Freunden in Armenien und im Iran sowie die für mich gänzlich neue Welt Kurdistan‐Irak. Verrückt, welche sonderbaren Ziele sich erreichen lassen, allein damit, in Dresden in einen normalen Zug zu steigen und immer weiter Richtung Süd‐Osten zu fahren.
Mit diesen Gedanken schließe ich meine Berichte zur Sommerreise 2019.

 

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