Unterwegs in Kurdistan‐Irak

Categories Donbass, Abchasien und Irak, Irak

Für den Rückweg vom Iran nach Deutschland nutze ich dieses Mal nicht den vertrauten Weg direkt in die Türkei, sondern betrete etwas südlich dieser Route neues Terrain: den Irak – genauer: die Autonome Region Kurdistan‐Irak.

Was ist Kurdistan‐Irak?

Das Gebiet, in dem Türkei, Iran, Irak und Syrien aneinandergrenzen wird überwiegend von Kurden bewohnt. Obwohl dadurch maßgeblich Kurden die Gesellschaft in dieser Region prägen, werden ihnen auf nationaler Ebene nur begrenzt Rechte zugestanden. Seit Jahrhunderten kämpfen Kurden für mehr Selbstbestimmung und sogar für ein eigenes Staatsgebiet: Kurdistan.

Im Irak mangelte es Kurden nicht nur an den grundlegenden Rechten. Unter Saddam Hossein wurden sie sogar verfolgt und getötet: Giftgasanschläge löschten in den 1980er Jahren etliche Regionen aus. Als diese Gräueltaten international als Völkermord eingestuft wurden, folgte die Wende: Anfang der 1990er gelang es den Kurden, auch mit Unterstützung der USA, das Saddam‐Regime zu besiegen. Den Kurden wurden fortan verbindlich mehr Rechte zugesprochen. 1992 gründete sich die Autonome Region Kurdistan‐Irak, die den nördlichen Teil des Iraks umschließt. Die Region verwaltet sich seitdem selbst: Entscheidungen werden lokal im eigenen Parlament diskutiert und getroffen. Für die Sicherheit auf kurdischem Gebiet sind die Peschmerga – die kurdische Armee – verantwortlich.

 

Ist es sicher, nach Kurdistan‐Irak zu reisen?

Infolge der jüngsten Ereignisse ist es nicht verwunderlich, dass der Irak stets mit Gewalt und Terrorismus in Verbindung gebracht wird. Der kurdische Teil blieb jedoch hiervon verschont und wird auch international als sicher eingestuft. In Erbil, der Hauptstadt Kurdistan‐Iraks haben sich mehrere Auslandsvertretungen (u.a. die Deutschlands) niedergelassen. Erbil entwickelt sich zu einem Messestandort, der Tourismus in der Region insgesamt erlebt einen Aufschwung.

Verantwortlich für die stabile Sicherheitslage sind in besonderem Maße die Peschmerga. Während irakische Soldaten in brenzligen Situationen desertieren (so passiert bei der Einnahme von Mossul durch den IS), gelang es den Peschmerga mit Unterstützung der westlichen Alliierten, den IS zurückzudrängen und Städte zurückzuerobern. Die Peschmerga verfügen über ein spezielles Wissen, Terrorismus zu bekämpfen und beweisen einen Kampfgeist, der auch international Beachtung findet. Bemerkenswert ist, dass in den Reihen der Peschmerga auch begeistert Frauen kämpfen.

Funpark in Sulaimaniyya mit dem größten Riesenrad im Nahen Osten

 

Verhältnis zum „großen“ Irak

Den Kampf gegen den Terrorismus und das Zurückdrängen des IS haben die Peschmerga auch dazu genutzt, das von Kurden kontrollierte Gebiet auszuweiten, so z.B. auf die Ölhauptstadt Kirkuk, die davor vom Irak kontrolliert wurde. Mittlerweile haben zwar die irakischen Truppen die Peschmerga wieder auf das Gebiet vor der Offensive zurückgedrängt.
Das Verhältnis bleibt angespannt. In einem Votum haben die Kurden 2017 mehrheitlich dafür gestimmt, sich gänzlich vom Irak zu lösen. Diese Abstimmung wurde jedoch vom Irak nicht anerkannt, weitere Schritte nicht eingeleitet. Eine Abspaltung wird international mit Sorge gesehen, denn ein Aufflammen des Konflikts mit dem „großen“ Irak könnte die Sicherheitslage destabilisieren und den Kampf gegen den Terrorismus beeinträchtigen.

Land…

In Kurdistan‐Irak leben ca. 6 Mio. Menschen, davon gut 2 Mio. in der Hauptstadt Erbil und 2 Mio. in Sulaimaniyya. Durch eine massive Landflucht wachsen diese Städte in einem atemberaubenden Tempo. Als Antwort auf den massenhaften Zuzug und den ohnehin stattfindenden Bevölkerungswachstum entstehen an den Stadträdern gigantische Hochhaussiedlungen, Businesstower und Shoppingmalls.

… und Leute

Wer den Iran bereist hat, der weiß, was Gastfreundlichkeit bedeutet. Bereits im Vorfeld „warnten“ mich Kenner, dass Kurden ihre Gäste mindestens genauso freundlich empfangen. In der Tat: Neugierige Blicke sind gewiss, ebenso Einladungen nach Hause. Interessanterweise fragen Bekanntschaften häufig, ob ich aus Amerika käme. Soweit ich mich erinnern kann, hat mich das im Iran bislang niemand gefragt. Noch etwas ist erstaunlich: Wenn ich zu erkennen gebe, dass ich aus Deutschland komme, ist die Antwort „Avropa!“ – und nicht „Germany!“ oder „Almania!“, wie in den Nachbarländern üblich. In Kurdistan‐Irak ist der Kontinent scheinbar präsenter als das Land.
Einige Male werde ich angesprochen mit „Hey, du kommst aus Deutschland!? Ich habe früher in Frankfurt/München/… gewohnt.“. Die Freude, einen Deutschen wiederzusehen und Deutsch zu sprechen ist dem Gegenüber ins Gesicht geschrieben.

Ooooh, hat er sich gefreut, einen Deutschen zu sehen. Vor vielen Jahren in Deutschland hat er das gemacht, was wir als „schiefe Bahn“ bezeichnen. Jetzt, in Sulaimaniyya, serviert er frische Säfte. Der Saftladen ist seiner.

 

Zwischenfazit

Fortwährend vergleiche ich mit dem Iran: Was ist anders? Was vielleicht besser? Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass es im Iran etwas geordneter zugeht. Manchmal fühle ich mich in Kurdistan‐Irak an meinen Aufenthalt im wilden Pakistan erinnert. Natürlich erreicht Kurdistan‐Irak nicht dieses Level – doch das wilde Treiben auf der Straße lässt diesen Eindruck aufkommen.

Was mein Bild von Kurdistan‐Irak immens trübt, ist der Müll: Was nicht mehr benötigt wird, bleibt an Ort und Stelle liegen. Zwar kehren in den großen Städten abends Putzkolonnen die Überreste zusammen, die Landschaft ist jedoch übersät von Plastiktüten und Flaschen. Kaum vorstellbar ist auch, in welche Mengen Plastikflaschen genutzt werden: Die einzig verfügbaren Größen sind 0,5-Literflaschen. Andere Möglichkeiten, an Trinkwasser zu kommen, gibt es fast nicht.
Überrascht bin ich auch von der Verschwendung von Wasser: Straßen und Hofeinfahrten werden fortwährend gereinigt – in einer Region, in der es im Sommer nicht regnet und wo hinter der letzten Häuserzeile einer Stadt die Wüste beginnt. Unschöner Nebeneffekt: Bei astronomischen Temperaturen von rund 45 Grad gammeln die Abfälle in den Wasserlachen vor sich hin.

In meinem nächsten und dann letzten Artikel meiner diesjährigen Sommerreise widme ich mich dem Thema Sicherheit und Terrorismus im Irak. Die Fakten hierzu liefert mir ein aus Mossul stammender Iraker, den ich auf der Fahrt in die Türkei kennenlerne. Der Bericht erscheint am 30.11.2019.

 

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