Abchasien: Ruinen im Paradies

Categories Donbass, Abchasien und Irak, Georgien

Wäre Abchasien ein Staat, wäre es vermutlich weltbekannt: Es würde die Spitze aller alphabetisch sortierten Dropdown‐Menüs anführen (Abchasien/Abkhazia) und Afghanistan vom Spitzenplatz verdrängen. Nun ist Abchasien jedoch kein souveräner Staat, sondern „nur“ eine autonome Region innerhalb Georgiens. So sehen das fast alle Staaten dieser Welt – außer die Abchasen selber. 1992 haben sie sich für unabhängig erklärt und die „Republik Abchasien“ ausgerufen. Auch Russland und eine handvoll nicht anerkannter Länder sieht in der Republik Abchasien einen souveränen Staat – sehr zur Verärgerung Georgiens.

Abchasien ist kein Landstrich mit überwältigenden Vorkommen an natürlichen Ressourcen wie Öl, Kohle oder Erzen, für deren Erschließung es sich lohnt, Kriege zu führen. Abchasien erstreckt sich über 200 Kilometer entlang des östlichen Bereichs des Schwarzen Meers – ungefähr zwischen dem russischen Sochi und dem georgischen Poti/Batumi. Als eine von drei natürlichen Routen, den Kaukasus in Nord‐Süd‐Richtung zu queren, ist diese Region seit jeher ein Schmelztiegel der Kulturen: Griechen, Römer, Mongolen, etc. hinterließen in dieser Region ihre Spuren.
Das, was Abchasien seinen besonderen Charme gibt, sind die teilweise krassen landschaftlichen Gegensätze: Auf der einen Seite eine Küstenlinie mit Stränden und türkisblau‐schimmerndem Meer; im Hinterland auf über 4.000 Meter Höhe aufragende Berge. Das subtropische Klima taucht das Land in sattes Grün und ermöglicht den Anbau von Tee, Obst und Tabak. 

 

Krieg zwischen Palmen

Zu Sowjetzeiten war Abchasien DIE Destination für russischsprachige Touristen schlechthin. Von dieser Blüte zeugen weiterhin die zahlreichen Prachtbauten in den Seebädern Sochumi, Novy Afyon und Gagri. Abchasien verschwand als Reiseziel von Karte mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 und dem dann startenden Krieg um die Unabhängigkeit. Das akzeptierte Miteinander von Abchasen und Georgiern geriet außer Kontrolle und entwickelte sich – auch wegen des Eingriffs anderer kaukasischer Völker, die ihre „Landsmänner“ unterstützen wollten – zu einer barbarischen Auseinandersetzung mit Massakern und ethnischen Säuberungen. Ohne das Hin und Her im Detail wiedergeben zu wollen, standen sich die Konfliktparteien an Gräueltaten in Nichts nach.

Sukzessive übernahm Russland die Kontrolle über Abchasien und rückte mit seinen Soldaten weit in das souveräne Staatsgebiet Georgiens vor. In einer weiteren Auseinandersetzung im Jahr 2008 verlor Georgien jegliche Kontrolle über die Region.
An dieser Situation hat sich bis heute nichts geändert. Äußert skurril mutet dabei an, dass es für die „Autonome Region Abchasien“ weiterhin eine Exilregierung mit Sitz in Georgiens Hauptstadt Tblisi gibt – die aber tatsächlich keinen Einfluss auf die Region ausübt. Die Regierung der „Republik Abchasien“ sitzt dagegen in der Hauptstadt Sochumi. Einen diplomatischen Austausch zwischen beiden Regierungen gibt es nicht. 

Unterwegs an Sochumis Uferpromenade

Dass es irgendwann zu einer Lösung dieses Konflikts kommt, ist unwahrscheinlich. Mittlerweile haben sich Einwohner und auch Anrainer mit dem Zustand arrangiert. Wenngleich georgische Interessen in Abchasien nicht vertreten werden, was sich z.B. darin äußert, dass Anfragen auf georgisch von der Verwaltung nicht beantwortet werden, ziehen im südlichen Teil Abchasiens wieder vermehrt Georgier zu.

Spannungen sind weiterhin auf der Tagesordnung: Als im Frühsommer 2019 die Menschen in Georgien (u.a. in Tblisi) auf die Straße gingen, um gegen die Missstände der georgischen Regierung zu demonstrieren, schlossen die Abchasen kurzerhand ihren einzigen Grenzübergang von und nach Georgien und kappten damit auf unbestimmte Zeit die Lebensader für die in Abchasien lebenden Georgier. 

 

Russland bleibt Schutzmacht

Nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich ist Russland in Abchasien omnipräsent. Die offizielle Währung ist der russische Rubel. Russische Investoren bauen das im Krieg weitgehend zerstörte Land wieder auf. Neben vor sich hin verrottenden Kriegsruinen, werden Paläste wieder aufgebaut sowie Restaurants und Amüsements errichtet, die dem Anspruch russischer Urlauber gerecht werden. Mittlerweile strömen wieder mehr und mehr Urlauber aus Russland in das Land.
Die einzige, nennenswerte Lebensader zwischen Abchasien und dem Ausland ist ein nördlicher Grenzübergang hinüber in das russische Adler/Sochi. Busse pendeln zwischen der Hauptstadt Sochumi und dem Grenzübergang. Im Sommer verkehren bis zu 3 Fernzüge über diesen Grenzübergang nach St. Petersburg und Moskau.

In einem dieser Fernzüge sitze ich. In Abchasien rolle ich noch durch dicht bewaldete Berghänge, in denen sich ab und an verwunschene Ruinen auftun. Dann quere ich den Grenzfluss zu Russland – und finde mich nach 5 Minuten Fahrzeit in einer Umgebung mit blinkenden Funparks, einem Formel 1‐Ring, Autobahnen und Autobahnkreuzen, Hochhäusern, Sportstätten für Olympische Spiele und Shopping‐Malls wieder. Ja, Kontraste können manchmal richtig weh tun.

Ich fahre nun weiter nach Vladikavkaz, der Hauptstadt Nordossetiens und reise entlang der Georgischen Militärstraße nach Tblisi/Georgien. Es folgen Armenien, Nagorno‐Karabakh (Artsakh) und der Iran. Mein nächster Beitrag, wird sich vertieft dem dann anschließenden Reiseabenteuer widmen: Kurdistan‐Irak. Veröffentlichung vsl. am 9.11.2019.

 

1 thought on “Abchasien: Ruinen im Paradies

  1. Dear Ferry, du hast wieder mal eine meiner trotz höheren Alters immer noch bestehenden Bildungslücken anregend gefüllt. Liest sich gut und wie eine bizarre Geschichte aus dem Nationalitäten‐ und Nationalismus‐Kabarett der Welt. Weiter so!- und Globus umrundende Grüße von León Wolfgang

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