Winterreise nach Belarus (Teil 2)

Categories Weißrussland

Mein letztes Besuchsziel ist die weißrussische, 500.000 Einwohner zählende Stadt Gomel in unmittelbarer Nähe zu Russland und der Ukraine. Gomel verband ich seit jeher mit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. In Folge des Super‐GAUs 1986 im etwa 150 km entfernten ukrainischen Tschernobyl wurden vor allem die Gebiete im Südosten Weißrusslands – also rund um Gomel – kontaminiert. Und das, so wurde mir gesagt, geplant: Die nach Moskau weiterziehenden Regenwolken wurden gezielt dazu gebracht, sich noch über weißrussischem Gebiet abzuregnen.

In der Stadt selbst zeugt auf den ersten Blick nichts von dieser Vergangenheit. Meine Gastgeber berichten mir, dass man sich mit den Nachwehen von Tschernobyl arrangiert hat und diese zur Normalität gehören. Normal ist beispielsweise, dass Kinder und Erwachsene aus der Region regelmäßig Sanatorien aufsuchen und einen Anspruch auf vergünstigtes Essen in anderen Teilen der Republik haben. Die Auswirkungen sind also doch noch – 33 Jahre nach der Katastrophe – deutlich zu spüren.

Meine Gastgeberin in Gomel ist Lehrerin. Ziemlich schnell waren wir uns beide einig, dass meine Präsenz den Unterricht bereichern würde. So bot sich mir die Gelegenheit, eine Klasse einen Tag lang zu begleiten. Hier auf dem Bild ist „meine Klasse“ zu sehen.

Nach 6 Tagen Aufenthalt in Weißrussland trete ich den Heimweg nach Deutschland an. Ein kleines Highlight ist (zumindest für mich) die Rückfahrt von Minsk nach Deutschland: Zweimal pro Woche verbindet der „Strizh“ (Russisch für „Mauersegler“) Moskau und Berlin und legt die fast 2.000 Kilometer in 21,5 Stunden zurück. Eine extrem schnelle Verbindung, wenn man bedenkt, dass auf der Strecke eine EU‐Außengrenze mit umfangreichen Kontrollen passiert wird und die Spur des Zuges von russischer Breitspur und Normalspur wechselt. Der Zug verlässt Minsk abends um 19.30 Uhr 

Im Speisewagen – in dem die Speisen tatsächlich frisch zubereitet werden – komme ich mit einer Moskowiterin ins Gespräch, die den Zug schon über ein dutzend Mal genutzt hat. Auf ihrer Strecke Moskau‐Kassel, sagt sie mir, sei das Zugfahren inklusive Transferzeiten fast genauso schnell wie das Fliegen. Obendrauf sei es auch bequemer. Sie erzählt mir von der Kundengruppe, die den Zug hauptsächlich nutzt: Menschen mit Flugangst und ältere Damen. Tatsächlich teile ich mir mein Abteil mit einer älteren, russischen Dame, die ihre Tochter in Brandenburg/Havel besucht. Die Moskowiterin übersetzt mir zudem die Erläuterungen des Zugchefs, der mir bestätigt, dass es ein Privileg sei, als Steward auf diesem Zug zu arbeiten und, dass das Personal hierfür extra trainiert werde.
Wir lachen über die Sanktionen der EU ggü. Russland, die u.a. untersagen, Milchprodukte und Fleisch aus Russland in die EU einzuführen (sowie vice versa) und schließlich zu dem Kuriosum führen, dass das Menü im Speisewagen an der weißrussisch‐polnischen Grenze wechselt. Die Behälter mit den entsprechenden Zutaten werden dann verschlossen, wie ich selbst mitansehen dürfte. Sie bereitet mich zudem auf die scharfen Grenzkontrollen vor, die nach etwaigen Nahrungsmitteln fahnden werden. Eigentlich war mir das bekannt. Als ich mich vor der Abfahrt in Minsk mit diversen Süßspeisen eingedeckte, hatte ich das dann doch vergessen. Ich lasse es drauf ankommen. Und es geht gut: Es interessiert sich niemand für mein Gepäck.
Morgens um kurz nach 6 Uhr erreichen wir Deutschland. Bei der Ankunft stehen die Stewards – wie bei einem russischen Zug üblich – an den Wagenausgängen Spalier. Ein interessanter Farbtupfer in einem deutschen Bahnhof.

Übrigens: Die Fahrt in diesem Zug zwischen Berlin und Minsk kostet im Schlafwagen gerade mal 80 EUR.

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