Winterreise nach Belarus (Teil 1)

Categories Weißrussland

Gerade mal 650 Kilometer ist Weißrussland von uns entfernt und dennoch dringen erstaunlich wenig Informationen über das Land zu uns nach Deutschland. In den letzten Jahren fungierte weißrussischer Boden als Plattform für Friedensgespräche im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Ansonsten wird dem Land in den westlichen Medien häufig der Titel „letzte Diktatur Europas“ vergeben.

Bereits 2013 machte ich mir ein Bild von Land und Leuten. Mein Besuch im Februar 2019 ist damit ein Wiedersehen: Ich besuche erneut meine Freunde in Brest ganz im Westen des Landes und erkunde Vitebsk und Gomel im äußersten Nord‐ bzw. Südosten an der russischen Grenze.
Genauso wie 2013 bin ich in den ersten Stunden meines Besuchs überrascht vom Straßenbild: modern und eher westlich. Die klassischen sowjetischen Autofabrikate wie Lada suche ich erstmal vergeblich, auch der Kleidungsstil entspricht eher unserem Verständnis. In Brests Fußgängerzone reiht sich ein Café neben das andere – wenngleich keine westliche Kette darunter ist.
Geändert hast sich seit meinem letzten Besuch an vielen öffentlichen Orten (z.B. an Bahnhöfen) die Beschilderung: Hinzugekommen ist Chinesisch. China investiert massiv im Land. In Minsk entsteht derzeit unter chinesischer Federführung ein riesiger Industriepark, der wegen der neu geschaffenen Arbeitsplätze medial hervorgehoben wird.
Vermutlich wird das chinesische Engagement auch dazu genutzt, einen Ausgleich zum nach wie engen Verhältnis mit Russland zu schaffen. Trotz der seit 1991 bestehenden Unabhängigkeit ist das rohstoffarme Weißrussland insb. im Energiebereich durch die Versorgung mit Gas und Öl auf das große Russland angewiesen. Möglicherweise zukünftig sogar noch stärker: Auf Basis eines vor vielen Jahren ausgehandelten Vertrags werden sukzessive russische und belorussische Verwaltungs‐ und Wirtschaftssysteme harmonisiert. Für Reisende bspw. äußert sich das heute darin, dass an der belorussischen und russischen Grenze regulär keine Personenkontrollen stattfinden. Für Weißrussen und Russen ist das durchaus eine Erleichterung – für EU‐Bürger und Drittstaatler ist es jedoch problematisch: Ohne Personenkontrolle bei der Einreise hält man sich im jeweiligen Land illegal auf. Im Zugverkehr ist dieses Problem mittlerweile so gelöst, dass Züge zwischen der EU und Russland über Weißrussland doch wieder kontrolliert werden.
Letztlich bestimmt das politische Klima die Geschwindigkeit der Harmonisierung – und das schwankt angeblich täglich. Fakt ist: Mit zunehmender Angleichung steigt die Sorge, noch abhängiger von Russland zu werden. Der Ukraine‐Konflikt hat auch in Weißrussland Spuren hinterlassen und jedes Zugeständnis ggü. Russland könnte die Unabhängigkeit Weißrusslands einschränken.

Mein erster Eindruck, dass Weißrussland sich von der sowjetischen Zeit verabschiedet hat, wird in den weiteren Tagen meines Aufenthalts doch noch korrigiert: Auffällig sind die gigantischen Plattenbausiedlungen, die gefühlt auch die (Ost-)Deutschlands übertreffen. Anscheinend haben Weißrussen ein Faible für große Gebäude, denn auch die, die nach dem Zerfall der Sowjetunion errichtet wurden, erreichen unglaubliche Dimensionen. Auffällig ist, dass postsowjetische Gebäude sehr häufig in Gelbtönen gestrichen wurden und damit ein freundliches Antlitz bekamen. Da ich nur zwei Extreme wahrnehme – Mini‐Holzhäuser in den Dörfern vs. riesige Plattenbaugebiete in den größeren Orten – stelle ich mir die Frage: Wo haben die Menschen eigentlich vor dem Bau dieser gigantischen Plattenbausiedlungen gewohnt? 

Plattenbau in Minsk

Durch das Zugfenster bietet sich recht häufig der Blick auf marode Fabrikanlagen, die insb. bei dem grauen Winterwetter kein sonderlich einladendes Bild abgeben. Doch eines ist sehr bemerkenswert: Es ist extrem sauber, kein Müll! Und, ob im Bahnhof, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in der Warteschlange in den Supermärkten: Es geht diszipliniert und geregelt zu. Nichts wird dem Zufall überlassen. Seien es die Damen der Klohäuschen, die ihre Welt pikobello halten, oder sei es das Brot in der Kantine, das Scheibe für Scheibe abgerechnet wird. Wird nicht uns Deutschen nachgesagt, wir wären penibel?
Auch wenn der Lebensstandard nicht an den deutschen heranreicht, habe ich doch den Eindruck, dass die Leute mit dem, was sie haben, zufrieden sind. Oder, in anderen Worten: „Die Weißrussen arrangieren sich.“ Die Menschen, die ich kennengelernt habe, arbeiten viel – für ein sehr bescheidenes Saler. Doch das System gibt Sicherheit: Z.B. das Bildungssystem: Das Medizinstudium ist kostenlos, sofern man anschließend mind. 2 Jahre in Weißrussland bleibt. Über die Sicherheiten hinaus bietet sich auch die Möglichkeit zu reisen, sofern die Ersparnisse das erlauben.
Keiner meiner Gastgeber und keine meiner Reisebekanntschaften hat die Absicht den Lebensmittelpunkt in das westliche Ausland zu verlagern, um dort ein „besseres Leben“ zu führen. Als ich das schreibe, denke ich an den Iran, wo gefühlt jeder junge Mensch ins westliche Ausland möchte, wenn er es könnte. Doch die Prämisse ist auch in Weißrussland: Wer vom System profitieren möchte, der muss sich fügen. Und so soll es vorkommen, dass Vorlesungen von Herrschaften besucht werden, die deutlich machen, dass Studenten nur dann einen Universitätsabschluss und einen Arbeitsplatz bekommen, wenn sie sich an die Regeln halten.

Den zweiten Teil meines Reiseberichts veröffentliche ich im April 2019.

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