Auf nach Algerien!

Categories Algerien, Nordafrika, Tunesien

Es ist doch verrückt: Millionen von Deutsche fliegen Jahr für Jahr nach Mallorca. Gerade einmal 300 Kilometer von Deutschlands „17. Bundesland“ und sogar nur 150 Kilometer vom spanischen Festland entfernt liegt ein Staat, der uns weitestgehend unbekannt ist: Algerien. Dabei ist Algerien nicht irgendein Land in Afrika, sondern immerhin der größte Afrikas und der 10. größte weltweit.
Nicht nur wegen der allgemeinen Unkenntnis über dieses Land stieg mein Interesse für einen Besuch, sondern insbesondere durch unsere Familienhistorie: Von der DDR entsendet, lebten meine Eltern und mein Bruder Gerrit 1981 und 1982 in einer Wüstenstadt in der Sahara. Auch wenn ich zu dem Zeitpunkt noch „Quark im Schaufenster“ war, habe auch ich einen Teil des Wüstensandes eingeatmet; einerseits durch das heimliche Öffnen der kleinen Apotheker‐Fläschchen, in denen meine Eltern die verschiedenen Wüstensande in unserem Wohnzimmer als Erinnerung aufbewahrten, andererseits wegen der vielen Erzählungen meiner Eltern, wie z.B. Folgende: „Als wir einen Ausflug nach Constantine [Anmerkung: eine Stadt im kühleren Norden, nicht mehr Sahara] machten, schrie der Gerrit [mein Bruder, damals 4 Jahre alt] als er den Wasserhahn öffnete: ‚Papa, Papa, hier kommt ja kaltes Wasser raus!‘. Das war eine richtige Sensation, denn in der Wüstenstadt kam nur heißes Wasser aus dem Hahn.“
Die Erlebnisse haben demnach auch mich sehr stark geprägt. Die politische Lage und damit auch die Sicherheit hat sich in den vergangenen 36 Jahren erheblich geändert – ich werde darauf in einem späteren Beitrag eingehen. Für mich stand jedoch fest: Algerien ist das Land, das ich als nächstes besuchen möchte.

Auch wenn geografisch absolut keine Überlappungen mit meiner Großen Asienreise 2015/16 bestehen, gibt es doch eine sehr offensichtliche Gemeinsamkeit: In den ersten Tagen meiner Reise bewege ich mich entgegen der gewöhnlichen Flüchtlingsströme: War es im Oktober 2015 die Route Ungarn‐Serbien‐Bulgarien‐Türkei‐Iran‐Pakistan der ich folgte, so fahre ich nun über München‐Österreich/Brenner‐Norditalien nach Sizilien. Dass die Flüchtlingsproblematik immer noch aktuell ist, merke ich zunächst an den peniblen Kontrollen an der österreichisch‐italienischen Grenze, später dann an den vielen gestrandeten Seelen aus Schwarzafrika, die auf den öffentlichen Plätzen der italienischen Städte ihr Dasein fristen.

Tunnel, Meerblick, Tunnel, Meerblick – so erlebe ich die Zugfahrt zwischen Napoli und Palermo. Auf den rund 700 Kilometern gibt es noch ein weiteres Highlight: Der Zug wird in Villa San Giovanni (Kalabrien) auf die Fähre geschoben und über die „Straße von Messina“ nach Messina (Sizilien) trajektiert.

Für die Überfahrt über das Mittelmeer legen diese Flüchtlinge bekanntlich viel Geld auf den Tisch und riskieren in Überladenen, nicht seetüchtigen Schiffen ihr Leben. Weil ich deutscher Staatsbürger bin, muss ich keine dieser Risiken in Kauf nehmen, sondern darf den mehrmals wöchentlich verkehrenden Liniendienst in Anspruch nehmen. Den Sprung von Europa (Palermo) nach Afrika (Tunis) schafft meine Fähre innerhalb von 12 Stunden. Für das Bett in der passablen Kabine mit Dusche verlangt die Fährgesellschaft 50 Euro, in der Gegenrichtung ist es sogar noch günstiger. Was wohl die Schlepper verlangen?

Tunesien, hier bin ich. Auch wenn ich auf dem afrikanischen Kontinent bin, erwarte ich hier keine Giraffen und Nashörner – aber zumindest Sonne und Wärme. Doch Fehlanzeige: In Tunis ist es bitterkalt, stürmisch und zeitweise ziemlich regnerisch. Der Wetterbericht verspricht für die nächsten Tage keine Besserung für das nördliche Tunesien und Algerien. Im Gegensatz dazu strahlt die Sonne über der Sahara, rund 350 Kilometer weiter südlich.
Ich stimme mich mit Caro, mit der ich ab sofort gemeinsam reise, ab: Ohne Frage, wir fahren in den Süden. Wegen der Sicherheitsbestimmungen bei Reisen in das südliche Algerien halten wir vorsichtshalber Rücksprache mit der algerischen Botschaft. Der in der Sahararegion liegende Grenzübergang zwischen Tunesien und Algerien scheint für uns passierbar zu sein. Einen weiteren Vorteil hat die spontane Planänderung: Auf dem Weg zur Grenze entdecken wir durch Zufall einen spektakulären Canyon, der einige Überraschungen für uns bereit hält. Die Bilder im Anhang verraten mehr.

Kurz vor dem Abstieg in den Canyon.

Nach einer erholsamen Nacht in der Wüstenoase Tamarza passieren wir die letzte größere tunesische Stadt Tozeur und erreichen nach weiteren ca. 1,5 Stunden den in der Wüste liegenden Grenzübergang. Die tunesischen Grenzbeamten freuen sich, Deutsche abfertigen zu dürfen, stempeln uns nach einem Small Talk aus und schicken uns mit dem nächsten verfügbaren Fahrzeug durch das Niemandsland zur etwa 5 Kilometer entfernten algerischen Kontrollstelle.
Noch bevor wir uns einen Überblick verschaffen, wo wir uns zur Kontrolle anstellen müssen, werden wir angesprochen und unsere Pässe in Augenschein genommen. Visa sind vorhanden – die erste Prüfung überstehen wir. Unsere Pässe werden an einen freundlich schauenden, eher einem US‐Schauspieler ähnelnden Herren in ortsüblicher Tracht weitergereicht. In recht gutem Englisch fragt er nach unserem „Guides Touristiques“, den wir für die Weiterreise nach Algerien benötigen würden. Wir erklären ihm, dass die algerische Botschaft bzw. der Herr, mit dem wir dort Rücksprache gehalten haben, keine Sicherheitsbedenken hatte und auch keinen Guides Touristique für erforderlich hielt.
Unser Grenzbeamter bleibt freundlich, bittet uns in sein Büro. Wir erklären alles noch einmal, er ebenfalls: Für die Weiterreise brauchen wir aus Sicherheitsgründen einen Guides Touristiques, der uns während der Reise begleitet. Er telefoniert, nach einigen Minuten holt er aus: „Good news: You can go, the boss said!“.
Wir sind erleichtert, füllen die notwendigen Einreisedokumente aus und warten. Von den anwesenden Grenzbeamten werden wir nett umsorgt, Wasser wird gebracht. Nach einiger Zeit kommt unserer Ansprechpartner zurück: „The boss called again. Not good news: You cannot go. I‘m really, really sorry.“ Weiteres Nachfragen wäre sinnlos. Wir müssen die Entscheidung akzeptieren – sie wird nicht ohne Grund so getroffen worden sein. Ohne überhaupt in Algerien eingereist zu sein, fahren wir durch das Niemandsland wieder zurück an die tunesische Grenzstelle. Die tunesischen Grenzbeamten schauen uns verdutzt an.

Im nächsten Beitrag erfährst Du, ob und wie die Reise weitergeht.

 

 

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