Algerien – ein sicheres Reiseland?

Categories Algerien, Nordafrika, Tunesien

In meinem letzten Beitrag berichtete ich von unserem ersten Versuch, in Algerien einzureisen – der jedoch wider Erwarten fehlschlug. Auf der algerischen Seite des Grenzübergangs wurden wir abgewiesen, weil wir keinen sog. „Guide Touristiques“ vorweisen konnten, der uns bei den Fahrten durch Algerien hätte begleiten können.

Diese Vorkehrung war uns nicht neu: Bei der Reisevorbereitung hatten wir bereits gelesen, dass dieser Guide für Reisen in das südliche Algerien vonnöten sei. Wir versuchten, uns bei den algerischen Botschaften in Berlin und Tunis rückzuversichern. Doch die Mitarbeiter konnten oder wollten uns nicht zu den Bestimmungen aufklären, geschweige denn erläutern, welche Regionen zum „Süden“ gehören.
Da wir nicht vorhatten, südlicher als 500 Kilometer zu reisen – Algerien hat immerhin eine Nord‐Süd‐Ausdehnung von reichlich 2.000 Kilometern – gingen wir davon aus, dass die Bedingungen nicht bei uns greifen würden.
Nach der Zurückweisung am Grenzübergang sind wir schlauer: Algeriens Norden besteht aus einem nur ca. 300 Kilometer schmalen Küstenstreifen, auf den sich aber 95% der Bevölkerung konzentriert. Mit „Süden“ sind die 1.700 Kilometer „darunter“ – kurz: Sahararegion – gemeint. Und in dieser befinden wir uns nun.

Die Grenzbeamten schicken uns an einen tunesisch‐algerischen Grenzübergang ca. 200 Kilometer nördlich, der definitiv nicht mehr zur Sahararegion gehört. Zwar sind an diesem Übergang die tunesischen Beamten unsicher und behaupten, wir bräuchten ein Guide Touristiques für die Weiterreise auf algerischem Staatsgebiet. Doch nach Rücksprache mit der „anderen Seite“ bekommen wir grünes Licht und schaffen es tatsächlich nach Algerien. Unsere erste Station ist die Stadt Tebessa.

Blick über Tebessa

Wie sicher ist Algerien? Warum gibt es diese Beschränkungen? Auch wenn die letzten kritischen Ereignisse mehrere Jahre zurückliegen, besteht auch weiterhin eine Reisewarnung. Das Auswärtige Amt begründet dies mit andauernden terroristischen Aktivitäten und der Gefahr des Kidnappings.
Die jüngste Geschichte Algeriens wird von Konflikten geprägt, die zwar offiziell für beendet erklärt sind, doch die Menschen geprägt haben. Dazu gehört die französische Kolonialzeit, die mit dem Algerienkrieg zwischen 1954 und 1962 ein Ende fand und mit dem Sieg Algeriens zu dessen Unabhängigkeit führte. Für Aufsehen sorgte dieser Krieg, weil selbst das christlich geprägte Frankreich barbarische Foltermethoden nutzte. Fast 60 Jahre nach Kriegsende werden die Schandtaten der Franzosen noch immer am Leben gehalten: Im Mémorial du Martyr in Algiers bspw. werden die Foltermethoden mit überlebensgroßen Wachsfiguren nachgestellt – ohne an Details zu sparen. Damit sich die Gräueltaten in den Köpfen einbrennen, werden scharenweise Kindergarten‐ und Schulgruppen an den angsteinflößenden Szenen vorbeigeführt.
Die aktuellen Gefahren beim Reisen in Algerien stehen jedoch vielmehr im Zusammenhang mit dem algerischen Bürgerkrieg, der 1991 u.a. wegen Verarmung der Gesellschaft, Unterdrückung von Minderheiten und Korruption ausbrach. Zwar wurden die großen aufständischen Gruppierungen (wie z.B. die islamische Heilsfront) mit Amnestien zur Kapitulation bewogen und der Bürgerkrieg damit um 2002 beendet. Doch längst nicht alle Strömungen wurden in den Abkommen berücksichtigt und so gibt es scheinbar weiterhin kleinere Gruppierungen, deren Gewalt sich insb. gegen den Staat richtet.

Das Mémorial du Martyr ist eines der Wahrzeichen Algiers. Im Untergeschoss wird der Algerienkrieg veranschaulicht. Gänsehaut erzeugen die überlebensgroßen Wachsfiguren, die Folterszenen französischer Soldaten nachstellen. Die zahlreichen Kindergartengruppen, die durch das Museum geschleust werden, deuten darauf hin, dass diese Art der Konfrontation mit der algerischen Geschichte Pflicht ist.

Selbstverständlich diskutieren wir die aktuelle politische Lage und die Sicherheit für Reisende auch mit unseren Gastgebern. Erstaunlicherweise erhalten wir andere Einschätzungen: Die Meisten halten die Warnungen für übertrieben und sehen hinter der „Angstmaschine“ die Regierung selbst. Es sollen möglichst wenig Anlässe gegeben werden, Algerien als attraktives Reiseland darzustellen, um die internen Missstände wie Korruption und Menschenrechtsverletzungen nicht nach außen dringen zu lassen.
Die Wahrheit bleibt uns verborgen, doch ich vermute, dass mehrere Gründe zu dieser beitragen: Dass ein Land mit solch gigantischen Vorkommen an Rohstoffen ganz offensichtlich zu den unterentwickelteren Staaten gehört, ist ein deutliches Indiz für Vetternwirtschaft. Gleichzeitig sind die Ratschläge der gutmütigen Grenzer ein deutliches Indiz dafür, dass nicht nur die für Touristen eher ungefährliche Korruption lauert, sondern eben auch „unsichtbare“ Kidnapper, die mit Ausländern eben mehr erlösen als mit „einfachen“ Algeriern. Auch wenn ich mich in keinem Moment meiner Reise unsicher fühle, halte ich es für angebracht, mit gesundem Menschenverstand zu reisen und die Bestimmungen ernst zu nehmen.

Wie so oft bei Reisen sind es die Bekanntschaften, die Erinnerungen an ein Land prägen. In meinem nächsten Beitrag werde ich rückblickend auf die Menschen eingehen, die unsere Reise zu einem richtigen Erlebnis gemacht haben.

 

3 thoughts on “Algerien – ein sicheres Reiseland?

    1. Lieber Wolfgang – haha, ganz bald. Ich geb mir Mühe, Dich noch im August mit mehr Futter zu versorgen 🙂 !

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