Vom Iran über Nakhchivan in die Türkei

Categories Aserbaidschan, Iran, Kaukasus und Iran, Türkei

Nach einem wieder sehr kurzweiligen Aufenthalt im Iran, u.a. in Zanjan, Kashan, Tehran, Semnan und Mashhad, breche ich zur Rückreise nach Deutschland auf und wähle hierfür den vertrauten Weg über die Türkei und den Balkan. Um für ein bisschen Abwechslung zu sorgen, fahre ich vom Iran nicht direkt in die Türkei, sondern weiche auf die alternative Route durch Nakhchivan, einer autonomen Enklave Aserbaidschans, aus.

Die Lage Nakhchivans kann spektakulärer kaum sein: Im gebirgigen Norden und Nordosten grenzt Nakhchivan an das verfeindete Armenien, im Süden an den Iran, im Westen teilt es sich einen nur 18 Kilometer langen Grenzstreifen mit der Türkei. Der Übergang auf dem kurzen Streifen zur Türkei ist gleichzeitig der wichtigste Versorgungsweg, denn abgesehen von zwei weiteren Übergängen zum Iran ist Nakhchivan nur auf dem Luftweg zu erreichen.

Nakhchivan war keineswegs immer derart isoliert: Bis zum 18. Jahrhundert war die Region ein wichtiges Handelszentrum, wurde dann Teil des Russischen Reiches und von 1918 bis 1920 Teil des damals direkt angrenzenden Aserbaidschans. Unter Stalin wurde ein Teil Aserbaidschans an Armenien abgegeben und isolierte damit Nakhchivan vom Rest des Landes. Ab 1924 hatte Nakhchivan den Status einer autonomen Republik innerhalb der Sowjetunion. Als 1990 die Sowjetunion zusammenbrach war Nakhchivan die erste Republik, die ihre Unabhängigkeit erklärte. Doch diese Unabhängigkeit dauerte nur kurz an – das Land wurde bald (isolierter) Teil Aserbaidschans.

Blick auf den Aras von der Grenzbrücke, die den Iran (rechts) und Nakhchivan (bzw. Aserbaidschan, links) miteinander verbindet.

Zurück zu meiner Reise: Abgesehen von der interessanten Lage möchte ich meinen Besuch auch nutzen, um die Eindrücke meines Aserbaidschanbesuchs in 2013 anzupassen, denn das Land habe ich nicht in guter Erinnerung behalten: reservierte Menschen, ein Reichtum, der sehr offensichtlich nur auf Öl basiert und eine langwierige Grenzkontrolle mit Unterstellungen zu Aufenthalten in Karbakh (nach aserbaidschanischem Gesetz stellt der Aufenthalt in Karabakh eine Straftat dar).

Wegen meines Armenienaufenthalts vor zwei Wochen mache ich mich wieder auf Fragen zu einem Karabakh‐Besuch gefasst und organisiere mein Reisegepäck so, dass kein Verdacht aufkommt. Doch nichts dergleichen, die erste Grenzbeamte fragt mich freundlich, ob ich bereits in Aserbaidschan gewesen sei und wie es mir gefallen habe. Auch die weiteren Grenzbeamten, die mich und meinen Pass beinahe gleichgültig prüfen, stellen keine verfänglichen Fragen.

Dennoch, im Gesicht der Menschen, denen ich in der Grenzstadt Culfa begegne, sehe ich meinen Eindruck des ersten Besuch bestätigt. Die Menschen sind extrem reserviert. Ein Lächeln kommt nur wenigen über die Lippen. Allgegenwärtig präsent sind Uniformierte – ich traue mich kaum zu fotografieren. Bereits ein Schnappschuss am Bahnhof in Culfa führt mich in ein kleines Verhör, dem ich nur durch ein „Я не понимаю русских.“ („Ich verstehe kein Russisch.“) entkommen kann.
Ich steige in den Zug und fahre Richtung Nakhchivan City. Die Strecke folgt auf 40 Kilometern in jeder Windung dem Fluss Aras, der Aserbaidschan und Iran voneinander trennt. Auch der Grenzzaun verläuft immer direkt neben dem Gleis. In regelmäßigen Abständen hält der Zug an und sammelt die Soldaten auf, die auf den Stellungen im Tal ihren Dienst tun.

Von Culfa bis Nakhchivan City führt die Bahnstrecke stets entlang des Grenzzauns, der Iran ist damit sprichwörtlich nur einen „Steinwurf“ entfernt.

Kurz vor Nakhchivan City weitet sich das Tal und öffnet sich zu einer Steppe. Die Zugfahrt endet schließlich in dem geheimnisvollen Vierländereck aus Aserbaidschan, Iran, Türkei und Armenien. Am Berghang zu meiner Rechten liegt das armenische Dörfchen Yeraksh, in dem ich 2013 übernachtet habe. Trotz der geografischen Nähe ist Armenien unheimlich weit weg – Grenzübergange gibt es wie gesagt nicht.
Vor mir liegt nun der Grenzübergang zur Türkei. Ich laufe die letzten Kilometer entlang einer langen Lkw‐Kolonne, die auf ihre Abfertigung warten. Vor der untergehenden Abendsonne ragen die beiden Ararats in die Höhe.

Noch befinde ich mich in Nakhchivan (Aserbaidschan). Vor mir erheben sich – bereits in der Türkei – der Kleine Ararat (ca. 4.000 Meter hoch) und der Große Ararat (ca. 5.100 Meter hoch). Die Erhebung zu meiner Linken – rund 2 Kilometer entfernt – gehört zum Iran, das Marschland zu meiner Rechten (nicht auf dem Bild sichtbar) zu Armenien. In diesem spannenden Gebiet warten die Trucker auf ihre Zollkontrolle für die Weiterfahrt in die Türkei.

In den wenigen Reiseberichten, die es von Nakhchivan‐Reisenden gibt, wurde stets vor diesem Grenzübergang gewarnt. Unfreundlich und korrupt seien die Beamten. Außerdem dürfe man die Grenze nicht zu Fuß, sondern nur in einem Fahrzeug queren. Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst, zumal mir keine Alternativen bleiben: In den Iran kann ich ohne Visum nicht erneut einreisen, der Luftweg ist ebenfalls keine spontan verfügbare Option.
Doch es kommt vollkommen anders: Die Grenzbeamten sind überraschend freundlich, lassen mich mit meinem Problem, zu Fuß den Grenzübergang nicht passieren zu dürfen, nicht alleine und versuchen mir eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren – während ich in ihrem Büro pausiere. Selbst Speis und Trank bieten sie mir an. Eine Mitfahrgelegenheit ergibt sich noch vor vollkommener Dunkelheit und somit erreiche ich die Türkei etwas entspannter als zunächst vorgestellt.

Nun bin ich ganz im Osten der Türkei. Das Schild an der Grenzbrücke weist mich sogar darauf hin, am östlichsten Punkt der Türkei zu sein. Bis Istanbul sind es noch gut 1.600 Kilometer. Verrückt: Trotz der Entfernung habe ich nach dem Sprung über die Grenze das Gefühl, schon fast in Deutschland zu sein. Möglicherweise liegt das an den vorangegangen Transtürkeifahrten, die in den komfortablen Nachtzügen tatsächlich wie im Flug vergangen sind.

Das Gefühl, „Deutschland sei um die Ecke“, wandelt sich doch noch in ein „Wann komme ich endlich an?“. Und zwar dann, als ich wirklich fast daheim bin, nämlich auf dem Balkan: Serbiens erbärmlicher Infrastrukturzustand führt zu einer kaum vergleichbaren Entschleunigung, die beinahe darin mündet, dass scheinbar sichere Anschlüsse mit Umsteigezeiten von 4,5 Stunden gefährlich ins Wanken geraten.
Trotz dieser Probe auf den letzten Kilometern halte ich meinen Plan und erreiche pünktlich Dresden. Meine Reise geht zu Ende, doch in lebhafter Erinnerung bleiben meine Abenteuer und Bekanntschaften in Polen, in der Ukraine, in Russland, Georgien, Armenien, Karabakh, Iran, Azerbaidschan, in der Türkei und in den Balkanländern.

 

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