Hoch hinaus in Georgien und Armenien

Categories Armenien, Georgien, Kaukasus und Iran

Georgien ist bekannt für gute Weine, Kirchen und Klöster, schneebedeckte Gipfel, einsame Bergregionen und die Schwarzmeerküste. Auf dieser Reise interessiert mich vor allem eine Stadt in Zentralgeorgien, die bis vor Kurzem nur Wenigen ein Begriff war, zunehmend aber in den Fokus der Öffentlichkeit gerät: die Bergbaustadt Chiatura. Liebhaber von lebendiger Industriegeschichte kommen hier voll auf ihre Kosten.

In der Umgebung von Chiatura wird seit Ende des 19. Jahrhunderts Mangan abgebaut, einem Erz, das bspw. bei der Herstellung von Stahl als Legierungsbestandteil eingesetzt wird. Die sehr bergige Region machte die Arbeitswege der Bergleute lang und beschwerlich, was sich in einer vergleichsweise niedrigen Produktivität niederschlug.

Blick über Chiatura

Um Arbeits‐ sowie Alltagswege zu vereinfachen und die Produktivität zu erhöhen, entstand in und um Chiatura in den 1950er Jahren ein umfangreiches Seilbahnnetz.
Zurück ins Jetzt: Die Manganvorräte sind beinahe erschöpft, es ist davon auszugehen, dass in rund 15 Jahren der Manganabbau eingestellt wird. Der Niedergang ist der Stadt deutlich anzusehen: zahlreiche leerstehende Wohnungen, eine geschundene Umwelt. Der in Georgien allgegenwärtige marode Charme ist in Chiatura noch präsenter.
Und die Seilbahnen? Der Großteil der Bahnen wurde in den letzten Jahren stillgelegt und teilweise abgebaut, andere fahren heute noch und zeigen sich in einem Zustand, bei dessen Anblick die meisten auswärtigen Besucher mehrmals überlegen, ob sie tatsächlich mitfahren möchten – obwohl die Mitfahrt kostenlos ist. Für die Einwohner stellen die Seilbahnen nach wie vor ein Alltagsverkehrsmittel dar, schlichtweg, weil es an Beförderungsalternativen in dem unwegsamen Gelände fehlt.

Seilbahneldorado Chiatura: Diese Bahn steht jedoch bereits seit ein paar Jahren still.

Ein bisschen Zukunft lässt sich allerdings erahnen: Kürzlich wurde die zentrale Seilbahnstation in der Innenstadt Chiaturas, die vier Linien miteinander verband, abgerissen. Eine neue Station ist in Bau.
Der besondere Charme Chiaturas hat sich herumgesprochen: Nicht nur Freaks reisen nach Chiatura, sondern auch normale Touristen machen einen Abstecher nach Chiatura. Selbst die Einheimischen haben den Tourismus für sich entdeckt und errichten nun die ersten Hostels.

Nach Aufenthalten in der „heimlichen“ Hauptstadt Kutaisi und den Bäderstädten Tskaltubo und Bojormi schließe ich meinen Georgienbesuch in der „richtigen“ Hauptstadt Tblisi ab. Die Stadt lässt sich mit teilweise gegensätzlichen Worten umschreiben: ruhig, pulsierend, westlich, sowjetisch, marode, modern, klassisch georgisch und international. Auffallend häufig höre ich Persisch, ja klar, für Iraner ist Georgien ein beliebtes Reiseziel für einen Kurzurlaub: relativ nah, ohne Visumpflicht und mit Annehmlichkeiten, die im Iran zum Konflikt mit dem Gesetz führen würden.

Der Nachtzug bringt mich von Tblisi nach Yerevan, der Hauptstadt Armeniens. Yerevan bleibt dieses Mal nur eine kurze Zwischenstation. Mein Tagesziel ist, den Sevan‐See zu umrunden und dann weiter in den Osten Armeniens, Richtung Karabakh, zu fahren.

Unterwegs mit einer Imkerfamilie im östlichen Armenien

Karabakh – auch als „Nagorno‐Karabakh“ oder „Artsakh“ bezeichnet – ist ein vorwiegend bergiges Gebiet mit wechselvoller Geschichte durch fremde Einflussnahme, Krieg und Vertreibung: 1920 löste Stalin die Region mit vorwiegend armenischer Bevölkerung aus Armenien heraus und gliederte sie als autonome Region in Aserbaidschan ein. Ende der 1980er Jahre wurden Rufe für eine Unabhängigkeit von Aserbaidschan lauter, nicht zuletzt wegen des überproportionalen aserbaidschanischen Bevölkerungswachstums, der den armenischen Einfluss reduzierte. Es begann ein Krieg, in dem Karabakhtis scheinbar übermächtigen Aseris und Sowjets gegenüberstanden. Nach dem Fall der Sowjetunion trat Armenien für die Karabakhtis ein und kämpfte fortan gegen Aserbaidschan. Während des Krieges flohen zahlreiche Aseris aus den armenischen Gebieten und vice versa.
1994 wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Der Status Karabakhs blieb ungeklärt – und ist dies nach wie vor. Karabakh ist heute eine selbsternannte Republik, die von keinem anderen Land als souveräner Staat anerkannt wird. In Stepanakert, der Hauptstadt, gibt es ein Parlament, einen Präsidentenpalast und ein Nationalmuseum.
Ein international anerkanntes Referendum wird als denkbare Lösung gesehen, den Konflikt zu lösen, lässt jedoch auf sich warten. Während Armenien ein Referendum so schnell wie möglich herbeiführen möchte, hält Aserbaidschan ein solches erst in 15 bis 20 Jahren für realisierbar.
Während Stepanakert in neuem Glanz erstrahlt und schicker ist als alle anderen armenischen Städte, sind die Narben, die der Konflikt hinterlassen hat anderenorts noch auszumachen. So z.B. in dem auf einem Hochplateau liegenden Städtchen Shushi, von dem aus aserbaidschanische Soldaten das tieferliegende Stepanakert beschossen haben.
In den Köpfen der Menschen, selbst bei denen, die den Krieg nicht miterlebt haben, sitzt der Schock tief: Der „Feind“ existiert weiter. Den vor 23 Jahren ausgehandelten Waffenstillstand mit Frieden gleichzusetzen ist trügerisch – wie ein Übergriff von aserbaidschanischer Seite im April 2016 belegt.
Offiziell ist das Gebiet der Republik Karabakh weiterhin aserbaidschanisches Staatsgebiet. Nach aserbaidschanischem Gesetz ist das Bereisen der Region verboten, ein Verstoß kann z.B. ein Einreiseverbot in Aserbaidschan zur Folge haben. Um sicherzugehen, auch zukünftig nach Aserbaidschan reisen zu können, bin ich natürlich NICHT nach Karabakh gefahren, Bilder gibt es daher auf meinem Blog nicht… .

Auf die letzten rund 160 Kilometer durch den südlichen Zipfel Armeniens bis zur iranischen Grenze freue ich mich besonders: Schon 2013 hat mich dieser Teil Armeniens mit der spektakulär durch die Berge verlegten Straße und den grandiosen Ausblicken fasziniert.

Im südlichen Zipfel Armeniens

Ein wenig besorgt bin ich, ob ich bei dem geringen Verkehrsaufkommen an diesem Tag mein Ziel, Tabriz im Iran, erreiche. Unbedingt vermeiden möchte ich, nachts an der Grenze hängen zu bleiben. Doch es kommt sehr viel besser als erwartet: Dank dem schnellen Sergej bin bereits am späten Nachmittag an der Grenze. Tschüss Armenien!
Auf der Grenze sprechen mich zwei Iraner an und fragen: „Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit nach Tabriz? Wir haben noch Platz in unserem Auto und können dich mitnehmen.“ Ich muss schmunzeln. Willkommen im Iran!

 

Im dritten und letzten Beitrag meiner Kaukasus‐/Iranreise werde ich von meinen Erlebnissen im Iran berichten und von den Gegebenheiten auf der anderen Seite des Zauns: nämlich von denen in Aserbaidschan. Die Veröffentlichung plane ich für Februar.

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