Kaum im Iran und schon zu Hause

Categories Iran, Türkei und Iran

Nanu, was ist denn hier los? Während es bei der Ausreise aus der Türkei noch zivilisiert zuging, herrschen an der iranischen Immigration tumultartige Zustände. Menschen drücken sich durch die Absperrungen, Gepäckstücke werden darüber geworfen. Die Sicherheitsbeamten versuchen vergebens, der Lage Herr zu werden. Vom Aussehen der Menschen gehe ich davon, dass die meisten von ihnen Iraner sind, doch solch ein rüpelhaftes Verhalten kenne ich von Iranern eigentlich nicht. Nach 10 bis 15 Minuten werden die Tore dicht gemacht. Es kehrt Ruhe ein.

Ich stelle mich mit der Meute an der Passkontrolle an. Als ich an der Reihe bin, bekomme ich rasch einen Stempel in den Pass gedrückt, werde jedoch gebeten, in einen Nachbarraum mitzugehen. Eine Beamte wartet bereits auf mich – mit einem Lächeln. Was kommt jetzt? Zunächst weist sie mich darauf hin, dass ich mich gar nicht mit den anderen Reisenden hätte anstellen müssen, sondern gleich hätte zu ihr kommen können. Für die etwas „speziellen“ Grenzgänger sei sie da. Dieser Raum ist mir durchaus aufgefallen, doch ich hatte ihn als Informationspunkt für die hiesige Freihandelszone wahrgenommen. Ich nehme auf der Ledercouch Platz. Der Raum ist freundlich eingerichtet und hell erleuchtet. Sie fragt mich, wo ich im Iran hinfahre, wen ich besuche und bittet mich, die Adressen meiner Gastgeber auf einem leeren Blatt niederzuschreiben. Ein Verhör? Keineswegs, denn diese Situation fühlt sich ganz und gar nicht nach einem Verhör an. Die Beamte lächelt weiter und freut sich, dass ich bereits so häufig ihr Land besucht habe. Sie fragt, wie die Berichterstattung über den Iran derzeit in Deutschland sei. Ich überlege kurz und muss sie leider enttäuschen, denn in meiner Wahrnehmung spielt der Iran derzeit in deutschen Medien wegen der anderen (Kriegs-)Schauplätze nur eine untergeordnete Rolle. Sie fährt fort und sagt, dass sich mit der neuen Regierung seit 2013 Einiges verbessert habe. Habe ich richtig gehört? Solche Worte von einer Staatsdienerin?

Bis Tabriz, etwa 300 Kilometer von der Grenze entfernt, möchte ich heute auf jeden Fall kommen. Wenn es gut läuft, schaffe ich sogar den Nachtzug nach Tehran. Ich schlendere durch das staubige Grenzstädtchen Bazargan, auf der Suche nach einem Bus oder Gemeinschaftstaxi zur nächstgrößeren Stadt. Mich sprechen zwei Herren in einem SUV an und fragen, ob ich Hilfe benötige. Ich antworte, dass ich nach Maku (das ist die nächstgrößere Stadt) möchte. Sie bieten mir an, mich dorthin zufahren. Ich lehne dankend ab – sie bestehen aber darauf. Da eine alternative Mitfahrgelegenheit nicht in Sicht ist, kann ich dieses Angebot schlecht ablehnen. Ich steige ein. Wir kommen ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass mein Fahrer eiliger Geschäftsmann ist. Daher übergibt er mich am Ortsausgang an seinen Angestellten, der mich weiterfahren soll. Fahrzeugwechsel. Während der Fahrt überlege ich, wie ich solch eine Großzügigkeit honorieren könnte. Was habe ich aus Deutschland dabei, was ich weitergeben könnte? Gebe ich Geld? Es kommt anders als gedacht: Überraschenderweise fragt der Fahrer kurz vor dem Ziel von sich aus nach 10 US‐Dollar. Ich bin etwas verwirrt, einerseits, weil es nicht der iranischen Gepflogenheit entspricht, nach Geld zu fragen und andererseits, weil es für iranische Verhältnisse für diese Entfernung deutlich zu viel wäre. Da ich merke, dass mich der Fahrer über den Tisch ziehen möchte, bitte ich ihn mehrmals, mich aussteigen zu lassen. Er telefoniert mit seinem Chef, der mit seinem Verlangen offensichtlich auch nicht einverstanden ist. Schließlich hält er. Auch wenn mir ein paar persische Schimpfwörter einfallen würden, halte ich mich zurück und lasse ihm neben ein paar Scheinen, die den realen Wert der Dienstleistung entsprechen, beim Aussteigen einen bösen Blick zukommen (sofern mir das gelingt). Das reicht als Zeichen der Verärgerung aus. Im Iran – DEM Land der Gastfreundschaft – ist das „Strafe“ genug.

Warum berichte ich davon? Weil ich vermutlich nur durch diesen Vorfall auf meine nächste tolle Begegnung gestoßen bin. Ich ergattere noch ein Ticket für den Bus nach Tabriz und treffe beim Warten auf vier Studierende aus Tabriz: Nazila, Fatemeh, Niloofar und Hossein. Bei der Busfahrt kommen wir aus dem Quatschen nicht mehr heraus. Und auch bei der Ankunft in Tabriz merken wir, dass wir lange noch nicht am Ende sind. Hossein lädt uns zu sich in seine Wohngemeinschaft ein. Alle bisherigen Planungen meiner Gastgeber für diesen Abend werden über Bord geworfen und stattdessen die Abendgestaltung nach meinen Wünschen ausgerichtet.

Nach dem späten Abendessen wird das Gespräch etwas ernster: Wir diskutieren die aktuellen politischen Entwicklungen im Iran, insb. vor dem Hintergrund der Präsidentschaftswahlen am 19. Mai. Ich bin erstaunt, dass Ahmadineschad auch dieses Mal versucht, sich als Kandidat aufstellen zu lassen. Auch wenn er bei den Iranern, die ich kenne, verhasst ist, ist sein Einfluss in bestimmten Kreisen immer noch spürbar. Die Gefahr, dass er kandidiert, hält sich jedoch in Grenzen, da er durch den Wächterrat vermutlich nicht zugelassen wird. Erstaunt bin ich auch darüber, wie gut sich meine Gastgeber, die keine Politikstudenten sind, mit dem sehr komplizierten politischen System auskennen. Mehrere Male habe ich bereits festgestellt, dass Iraner ihr gesellschaftliches und politisches System – unabhängig von ihrer Aktivität – recht gut kennen. Gleichzeitig frage ich mich, wer mir das deutsche Wahlrecht auf Anhieb erklären könnte?

Auch den folgenden Tag gestalten meine Gastgeber vollständig nach meinen Wünschen. Zu gerne würde ich mich revanchieren und meine Gastgeber nach Deutschland einladen – oder im Ausland treffen. Dieser Wunsch wird sich – in absehbarer Zeit – nicht realisieren lassen: Hossein besitzt keinen Reisepass und wird – solange er keinen Wehrdienst geleistet hat – keinen bekommen. Durch das Studium bleibt er vom Wehrdienst verschont. 2 Jahre würde er ansonsten eingezogen werden und sich auf Bahnhöfen, Kasernen, an der Grenze zu Afghanistan, Pakistan, dem Irak oder sonstwo die Füße mehr oder weniger platt stehen. Einzige Möglichkeit, doch noch ein bisschen Auslandsluft zu schnuppern ist ein Freibrief der Uni. Doch den hat er noch nicht.

Abschied zu nehmen fällt schwer, doch es besteht die Chance, dass wir uns in Tehran oder auf dem Rückweg noch einmal sehen. Mit dem Nachtzug fahre ich weiter nach Tehran.

Die Fortsetzung der Reise innerhalb des Irans folgt im nächsten Beitrag.

 

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