Wann fährt der nächste Zug nach … Tehran?

Categories Türkei, Türkei und Iran

Nach fast 8 Monaten Reiseabstinenz und dem Frühling vor der Tür steigt die Lust von Tag zu Tag, wieder auf Entdeckungstour zu gehen. An einem Land kann ich mich nicht sattsehen – und so verschlägt es mich im April erneut in den Iran. Rund zweieinhalb Wochen habe ich für die Reise geplant. Wie bei meiner großen Asienreise 2015/16 auch, werde ich ausschließlich auf dem Land‐ und Seeweg reisen. Hauptverkehrsmittel sind (Nacht-)Züge, stellenweise nutze ich Busse, Fähren und das Auto. Meine Reiseroute habe ich auf www.tripline.net veröffentlicht.

Verschwendete Zeit“ mögen die einen bei der vergleichsweise kurzen Reisezeit sagen. Ganz im Gegenteil, meine ich, denn das Abenteuer beginnt schon beim Einsteigen in den Zug in Deutschland. Der Balkan und die Türkei versprechen atemberaubende Landschaften und interessante Bekanntschaften. Warum also Zeit für Flughafentransfers, Warten auf dem Flughafen und im Flugzeug selber verschenken?

Ebenso wie bei meiner großen Asienreise 2015/16 werde ich einige meiner Erlebnisse hier auf meinem Blog in mehreren Beiträgen veröffentlichen. Los gehts!

Rund 3.500 Kilometer sind es bis zur iranischen Grenze. Gut 4 Tage plane ich dafür ein: 2 Tage bis Istanbul und weitere 2 Tage zum Durchqueren der Türkei. Die Bandbreite der Reisegeschwindigkeit kann größer kaum sein: In Rumänien und Bulgarien zuckeln die Züge meist im Schneckentempo vor sich hin – auch 10 Jahre nach dem EU‐Beitritt ist man hier nicht wesentlich schneller unterwegs als noch vor 50 Jahren (wenn nicht sogar noch langsamer). Doch ankommen tut man trotzdem. Eine deutliche Verbesserung stellt die im Februar wiederaufgenommene Nachtzugverbindung zwischen Sofia in Bulgarien und Istanbul dar. Vorbei sind die Zeiten quälender Busfahrten mit unfreundlichen Busfahrern und verhältnismäßig teuren Tickets. Herumgesprochen hat sich die neue Verbindung indes noch nicht: Mit mir fallen gerade einmal 9 weitere Reisende in Istanbul aus dem Zug. Zwischen Istanbul und Ankara geht es dann mit 250 km/h voran – zumindest abschnittsweise. Ab und an schleicht auch der Hochgeschwindigkeitszug mit nur 80 km/h durch die Westtürkei. Vor den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2014 wurde die Strecke auf Anordnung von Recep Tayyip Erdoğan (damals noch Ministerpräsident) vorzeitig in Betrieb genommen. Wo die für schnelle Fahrten relevante Sicherheitstechnik fehlt, geht es eben noch langsam voran.

In den letzten Tagen wurde in den deutschen Medien intensiv über das Referendum in der Türkei berichtet. Genau an dem Tag des Referendums bin ich in Istanbul und in Ankara. Bei der Vorbereitung meiner Reise bin ich mir unschlüssig, ob es eine gute Idee ist, sich an diesem Tag in den Metropolen der Türkei aufzuhalten. Das Erstaunliche jedoch ist: Hätte ich in Deutschland von dem Referendum nicht gelesen bzw. nicht gehört, dann hätte ich in der Türkei selbst von diesem wichtigen Ereignis zunächst nichts wahrgenommen. Den ersten Berührungspunkt habe ich in Ankara, als mich in einem Restaurant der Wirt fragt, wie ich zu der Abstimmung stehen würde. Er zeigt sich als eiserner Verfechter des „Evet“ – also des „Ja“, das Erdoğan mehr Macht einräumen würde. In seiner Begründung, teilweise sogar auf Deutsch, verweist er darauf, was Erdoğan in den letzten Jahren alles erreicht hat. Wer als türkischer Staatsbürger was erreichen möchte, meint er, dem stünden alle Türen offen. Die Türkei habe sich in den letzten Jahren massiv erneuert. In der Tat: Auch für mich als Reisenden ist der Wandel des Landes sehr offensichtlich. Vor 12 Jahren, bei meinem ersten Türkei‐Besuch, sah es ganz anders aus. Die Infrastruktur hat sich seither rasant weiterentwickelt. Reichen diese subjektiven Feststellungen, ein „Ja“ für mehr Autorität zu rechtfertigen? Misst sich das Wohl einer Gesellschaft an neuen Häusern, neuen Autobahnen und schnellen Zügen?

Einen Bezug zum Referendum herzustellen ist vermutlich nicht vollständig richtig, doch in Ankaras Vororten, die ich nun passiere, zeigt sich, wozu eine autoritäre Regierung tatsächlich fähig ist: Flächendeckend werden an den Berghängen Einfamilienhäuser platt gemacht – vermutlich, um neuen Hochhäusern Platz zu machen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jeder einzelne dieser Bewohner den Erneuerungsplänen zustimmt. Vermutlich zählt deren Meinung nicht.

Auf der Fahrt in den Osten der Türkei nach Kars – einem Tag nach dem Referendum – lerne ich einige junge Türken kennen. Sie allesamt haben mit  „Nein“ (Hayır) gestimmt. Sie sind enttäuscht über den Ausgang der Abstimmung, bei der 51 % der Türken mit „Ja“ und 49 % mit „Nein“ gestimmt haben sollen. Eine Studentin, deren Namen ich an dieser Stelle nicht wiedergeben möchte, ist extra für die Stimmabgabe nach Ankara gereist, um dort, an ihrem Hauptwohnsitz ihre Stimme abzugeben. 1.100 Kilometer – eine Strecke. Die Welt werde nicht zusammenbrechen, sagt sie, doch das neue politische Gefüge wird ihr sicher keine Vorteile bringen. Die Ungerechtigkeiten, die sie als angehende Lehrerin bei der Wahl ihres Schulstandorts erfährt, werden sich auch in Zukunft nicht verringern.

Ich bin nun in Kars angekommen. Hier – ganz im Nordosten der Türkei, unweit der georgisch‐armenischen Grenze – ticken die Uhren tatsächlich noch ein bisschen anders. Die eben erwähnte Studentin meinte, wenn man die Jugendlichen aus Kars fragen würde, wo sie denn so hinfahren würden, dann würden sie meist „Ich fahre nach Kars.“ antworten. Von ihrem Heimatort würden sie sich kaum wegbewegen. Auffällig ist die Militärpräsenz: Auf dem Bahnsteig stehen ca. 40 – 50 Männer in Reih und Glied – bewacht von mehreren Soldaten. Erst als alle Reisenden den Bahnsteig verlassen haben, werden sie in ihre eigenen Busse gescheucht. Welchen Hintergrund diese Ansammlung wohl hat?

In einem Dolmuş, einem Kleinbus, geht die Reise weiter nach Igdır. Nach rund einer Stunde Fahrt erhalte ich eine SMS „Willkommen in Armenien. Telefonate in die EU kosten…“. Die Straße führt relativ nah entlang der armenischen Grenze, durch die Frontscheibe des Busses bietet sich ein grandioser Ausblick auf das etwas tiefer liegende Nachbarland. In der Ferne erblicke ich die Kühltürme des Kernkraftwerks Mezamor, das ca. 40 % des armenischen Strombedarfs deckt. Jetzt, genauso wie vor vier Jahren, als ich in Armenien unterwegs war, staune ich über diese Grenze. Das „Da drüben“ scheint so nah zu sein – ist es in der Realität jedoch nicht. Es gibt keinen einzigen Grenzübergang zwischen Armenien und der Türkei. Insbesondere wegen des Genozids an den Armeniern vor rund 100 Jahren, der von der Türkei weiterhin geleugnet wird, sind die politischen Beziehungen beider Länder weiterhin fragil bis nicht existent.

Vor mir liegt nur der Ararat, der mit 5137 Metern höchste Berg der Türkei. In den letzten Tagen, als ich meinen Reisebekanntschaften davon erzählte, dass ich am „Ararat“ vorbeifahren werde, habe ich immer fragende Blicke erhalten. Wie mir dann klar wurde, kennen Türken den Namen „Ararat“ meist nicht, sondern nennen ihren heiligen Berg „Ağrı“, sprich „Are“. Ich frage mich: Warum tragen bei uns so viele Dönerimbisse dann den Namen „Ararat“?

Der Grenzübergang Türkei/Iran ist nicht mehr fern – salopp gesagt: rechts um den Berg herum und dann noch einmal links abbiegen. Noch vor der Abfahrt in Deutschland kam mir die Idee, dieses Mal links um den Berg herumzufahren. Nach etwa 100 Kilometern würde ich dann die aserbaidschanische Exklave Naxçıvan erreichen, von der ich – nach einem Zwischenstopp – ebenfalls in den Iran weiterreisen könnte. Online habe ich bereits ein Visum für Aserbaidschan beantragt. Das im Januar 2017 eingerichtete e‐Visumverfahren erweist sich dann doch nicht als ganz so innovativ und flexibel, wie ich es mir vorgestellt habe. Mein Visum erhalte ich nicht rechtzeitig und ohne Visum kann ich nicht in Aserbaidschan einreisen. Daher wähle ich nun den Weg „rechts um den Ararat“, passiere Doğubeyazıt mit dem weltbekannten Ishak‐Pascha‐Palast und erreiche kurze Zeit später die türkisch‐iranische Grenze.

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