Reisen mit der Eisenbahn in China

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Das kann ja heiter werden“ sind meine Gedanken, als ich meine erste Fahrt mit der chinesischen Eisenbahn organisiere und versuche herauszubekommen, wo ich meine Tickets herbekomme. Die sonst so einfache Prozedur „Tausche Geld gegen Fahrschein“ stellt sich in China als nicht ganz so einfach dar: Die Website des staatlichen Mobilitätsdienstleisters „China Railway“ ist ausschließlich auf Chinesisch. Selbst bei ausgeprägten Chinesischkenntnissen würde ich scheitern, denn bezahlen kann ich nur mit einer chinesischen Kreditkarte. Und ein Ticketkauf am Schalter? Einige Reiseführer und Blogs stellen klar, dass das wegen der angeblichen Sprachbarriere aussichtslos sei. Stattdessen wird empfohlen, Tickets über spezielle Drittanbieter zu buchen. Nicht nur wegen des Preisaufschlags, sondern auch wegen der eingeschränkten Flexibilität bei der Buchung (die Reisebüromitarbeiter buchen manuell und dadurch mit gewisser Zeitverzögerung) zählt dieser Weg nicht zu meiner Vorzugsvariante.

Ich will es wissen und probiere es am Schalter aus. Die Schalterhalle in meinem ersten größeren Bahnhof, Kunming, ist proppenvoll: Mehrere hundert Menschen wollen nur das eine: ein Ticket. In Englisch ist hier nichts ausgewiesen. Wo stelle ich mich am besten an? Zu meiner Linken sehen ich einen erstaunlich verwaisten Schalter. Ohne zu wissen, was ich an diesem Schalter tatsächlich bekomme, begebe mich dorthin, spreche meinen Zielort so chinesisch wie möglich aus – und siehe da: Die Schalterfrau versteht mich! Ich werde noch nach meiner Wunschverbindung gefragt und schließlich nach meinem Reisepass. Anschließend halte ich meinen Fahrschein in den Händen. Weniger Glück haben die anderen chinesischen Reisenden, die es ebenfalls an diesem Schalter versuchen. Sie werden – aus welchem Grund auch immer – abgewiesen.
Nach mehreren Fahrkartenkäufen auf verschiedenen Bahnhöfen kommt es etwas Routine auf: In die Menschenmenge stürzen, warten, einen Schritt vor und erneut warten. Diszipliniert schiebt sich die Menschenmenge Stück für Stück voran. Mehr und mehr wird der Fahrkartenkauf zum ultimativen „China‐Reiseerlebnis“: Ich könnte den Prozess vereinfachen und mein Reiseziel und die Reisedaten auf Chinesisch niederschreiben. Das wäre zu einfach. Ich teste, wie weit ich mit meiner Aussprache komme. Für den Fall, dass es nicht klappt halte ich meine Chinakarte bereit und zeige dann auf den Zielort. Nicht nur ich habe Spaß an dem Procedere, sondern auch das meist junge Personal mir gegenüber. Eine Langnase lässt sich in den Städten, wo ich mich aufhalte, sonst nur selten blicken. Sobald ich an den Schalter herantrete wird verlegen geschaut, eilig Personal von anderen Schaltern herangezogen, und mit rudimentären Englischkenntnissen – unterstützt von Händen (und Füßen) – versucht, meinen Fahrtwünschen gerecht zu werden. Auch bei den wartenden Fahrgästen sorgt meine Anwesenheit für Aufsehen. Einmal werde ich gefragt, woher ich komme. Ich antworte „Deguo“ (was auf Chinesisch „Deutschland“ bedeutet). Anschließend geht ein erstauntes Raunen durch die Schalterhalle.
Auch wenn es amüsant ist – für den Fahrkartenkauf geht viel Zeit drauf: 45 bis 60 Minuten sind für ein Ticket die Regel. Nicht zu beneiden sind die Chinesen hinter mir in der Schlange. Mir ein Ticket auszustellen dauert besonders lange: Personalisierte Tickets sind Pflicht, nicht nur für Chinesen, sondern auch für mich. Während chinesische Personalausweise in Bruchteilen von Sekunden elektronisch ausgelesen werden, müssen meine persönlichen Angaben per Hand eingegeben werden. Erklärungsbedürftig ist fast immer, was auf meinem Reisepass Name und was Vorname ist. „Deutsch“ (Nationalität) ist für Chinesen häufig naheliegender als „Quast“. Und so heiße ich halt „Ferry Deutsch“. Am Reisen sollte mich das nicht hindern.

Eigentlich kann die Fahrt nun losgehen. Halt! Nein, noch nicht ganz. Vor dem Betreten des Bahnhofsgebäudes und seinen Wartebereichen wird mein Ticket samt Reisepass geprüft, ich werde durchsucht und mein Gepäck durchleuchtet. Mal mehr, mal weniger gründlich. Überraschend häufig eher weniger gründlich. In diesen Fällen erfolgt der Check so: Gepäck auf das Band des Röntgenprüfgeräts legen, Gepäck wieder aufnehmen, 10 Meter MIT Gepäck laufen und dann persönliche Kontrolle über sich ergehen lassen – wie sinnvoll. Ab und an lösen diese Kontrollen bei mir ein bisschen Nervenkitzel aus – weniger wegen der Befürchtung, nicht in den Bahnhof gelassen zu werden (ich heiße ja laut Ticket „Ferry Deutsch“ und nicht „Ferry Quast“), sondern den Zug wegen unerwarteter Warteschlangen an den Checkpoints zu verpassen. Wartezeit optimieren und kurz vor Abfahrt zum Zug stürmen – so, wie ich es aus Deutschland gewöhnt bin – kann in China nach hinten losgehen. Einige Male öffnen sich die Tore zum Bahnsteig noch ein letztes Mal. Nur für mich! Den Zug erreiche ich trotzdem immer. Wie gut, dass auch chinesische Züge manchmal Verspätung haben.

Apropos: Hinsichtlich Verspätungen gibt es in China enorme Unterschiede. Normale Personenzüge, die bis zu zwei Tage durch China touren und sich die Gleise mit Güterzügen teilen, bringen mich ab und an zur Verzweiflung, weil aus meiner für Abend geplanten Ankunft eine nächtliche wird. Im Hochgeschwindigkeitsverkehr ist das ganz anders: Verspätung? Fehlanzeige! Gut, nun stellen sich auf diesen Strecken keine langsamen Güterzüge in den Weg. Dennoch: Dass eine solch hohe Pünktlichkeit erzielt wird ist bemerkenswert. Zum einen, weil die Hochgeschwindigkeitsstrecken abschnittsweise sehr ausgelastet sind und Züge in einem Abstand von nur wenigen Minuten folgen. Zum anderen wegen des äußerst komplexen Halteregimes: Die Fahrpläne scheinen keinem Rhythmus zu folgen, wie wir es mit Taktfahrplänen aus Europa gewöhnt sind. Die Züge halten mal hier und mal dort. Dadurch kommt es bei Halten ständig zu Zugüberholungen. Sobald der eine Zug von seinen 200 – 300 km/h abgebremst hat und im Bahnhof seine Fahrgäste entlädt bzw. aufnimmt, braust der nachfolgende Zug in voller Fahrt vorbei. Chinesen betreiben das System mit Präzision. Um diese hohe Zuverlässigkeit zu gewährleisten, werden im Hochgeschwindigkeitsverkehr exakt drei Minuten vor Abfahrt keine Fahrgäste mehr auf den Bahnsteig gelassen.
Wegen des intensiven Ausbaus hat sich der Hochgeschwindigkeitsverkehr auch auf eher luftverkehraffinen Relationen mehr als 500 Kilometer) zu einer ernstzunehmenden Alternative zum Luftverkehr entwickelt. Während am chinesischen Himmel sich die Luftfahrzeuge zunehmend den Platz streitig machen und der chinesische Luftraum wegen der Überlastung zu den verspätungsanfälligsten weltweit gehört, wurden und werden am Boden enorme Kapazitäten zur Personenbeförderung mittels Hochgeschwindigkeitszügen geschaffen. Wohlgemerkt: Die Bodenkapazitäten für den Luftverkehr werden ebenso massiv erweitert.

Obwohl die Nachfrage nach Verkehrsdienstleistungen weiterhin steigt, bin ich beim Anblick der Menschenmassen, die sich bereits heute in den Bahnhöfen sammelt, immer wieder fasziniert: Wie wurden die Menschen vor 10 Jahren, als es diese Infrastruktur noch nicht gab, befördert? Ist das tatsächlich alles neue Nachfrage? Die Frage kann ich mir selbst beantworten: Ja, es ist sehr wahrscheinlich neue Nachfrage. Chinesen sind früher nicht so weit und nicht so häufig gereist. Wie kaum ein anderes Land verdeutlicht China, wie sich das Mobilitätsverhalten durch den Ausbau von Verkehrsinfrastruktur verändern kann. Während sich in Deutschland beim Infrastrukturausbau Fahrzeiten nur marginal verringern, sind die Änderungen in China durch den Hochgeschwindigkeitsverkehr deutlich spürbar: Reisen, die vor wenigen Jahren noch 18 Stunden in Anspruch nahmen sind nun in 3 Stunden zu bewältigen – ein Phänomen, das in China nicht nur punktuell auftritt, sondern flächenmäßig und von dem viele Millionen Menschen (sofern sie es sich leisten können) profitieren. Nicht nur der Hochgeschwindigkeitsverkehr trägt zu dieser Entwicklung bei, sondern ebenso der Straßenverkehr: In den letzten Jahren wurde massiv in die Straßeninfrastruktur investiert und entlegene Orte des Landes erschlossen, die sonst keine Menschenseele zu Gesicht bekommen haben. Und auch Flugplätze schießen wie Pilze aus dem Boden.
Auch ich profitiere von diesen gigantischen Infrastrukturinvestitionen und lege mit dem Zug die Strecke von Xi’an nach Guangzhou – ca. 2.000 Kilometer und damit vergleichbar mit der Strecke Napoli‐Flensburg – in gerade mal 11 Stunden zurück, abzüglich einer zweistündigen „Mittagspause“ in Wuhan.

Kontinuierlich mit 300 km/h durch die Gegend zu rasen ist ein Erlebnis, doch China lässt sich so nicht kennenlernen. Deswegen sind die normalen, in der Regel ca. 18 Wagen langen Personenzüge, die mit maximal 120 km/h durch China cruisen eine gute Abwechslung. Für die „gewöhnlichen Chinesen“ sind diese Züge insb. wegen des Preises auf längeren Entfernungen das Verkehrsmittel Nummer eins. Dementsprechend vielschichtig ist das Klientel. Während die Ruhe in Hochgeschwindigkeitszügen fast nur durch den Trolley der Stewardess gestört wird, herrscht in den normalen Personenzügen ein buntes Treiben. Ein ständiges Kommen und Gehen von Rauchern, die sich in Wagenübergänge und leider teilweise auch in Fahrgasträume drücken. Ein Erlebnis sind aber vor allem die Bahnbediensteten, die während der Fahrt Billigprodukten feilbieten und zur Verkaufsförderung mit einer Show die Fahrgäste sichtbar erheitern. Erstaunlicherweise wirkt die Show: Die Fahrgäste kaufen den Krimskrams.
Unterhaltung bieten jedoch nicht nur diese Verkaufskünstler, sondern auch die Lokführer. Es scheint, als würden die Lokführer während der Fahrt ständig jemanden per Fingerzeig begrüßen. Doch dann stelle ich fest: Nein, das was sie tun hat einen sicherheitsrelevanten Hintergrund, denn mit dem Fingerzeig wird die Signalstellung nochmal per Körperbewegung bestätigt – um eben vorzubeugen, dass haltzeigende Signale wortwörtlich übersehen werden.

Irgendwann ist auch die längste Fahrt in einem chinesischen Schnellzug zu Ende. Doch Gedanken darüber, ob ich bereits aussteigen muss, brauche ich mir nicht zu machen. Jedes Mal, wenn ich mich meinem Fahrziel nähere, kommt der Zugbegleiter zu mir und gibt mir zu verstehen, dass mein Fahrtziel bald erreicht wird. Der Service kann sich sehen lassen.
Mit großer Wahrscheinlichkeit steige ich dann wieder an einem Bahnhof aus, der scheinbar komplett aus Marmor besteht: Die Bahnsteige, die Unterführungen, die Wartebereiche – einfach alles. Mich würde brennend interessieren: Wo kommen diese Unmengen an Marmor her! So viele Marmorvorkommen, um die chinesischen Bahnhöfe derart großzügig auszustatten gibt es doch gar nicht… .

 

Mein Rückblick

Dass China bleibende Eindrücke hinterlässt habe ich in meinem vorletzten Beitrag „China: Beim Monster zu Hause“ bereits zum Ausdruck gebracht. Das Reisen mit der Eisenbahn trägt erheblich dazu bei, Chinas Wandel vom schlafenden Riesen zur Weltmacht hautnah zu erleben. In nur wenigen Ländern dieser Welt habe ich so deutlich und direkt gespürt, welche wichtige Funktion die Eisenbahn für die Volkswirtschaft einnimmt. Während wir ab und zu (z.B. im Streikfall) mit einem Augenzwinkern meinen, „es ginge auch ohne“, wäre dieser Fall für China schlichtweg undenkbar. Ich kann mir nicht vorstellen, wie diese vielen Menschen und Güter zu befördern wären. Einfach überwältigend!

Noch ein Tipp: Wer sich für eine Reise mit der Eisenbahn interessiert und sich nicht sofort ins Getümmel in der Tickethalle stürzen möchte, dem empfehle ich www.chinahighlights.com. Auf dieser Seite lassen sich Fahrpläne abrufen und Verfügbarkeiten prüfen, sowie gegen einen Aufpreis Tickets bestellen.

In meinem nächsten Blog‐Beitrag gehts nach Russland. Vsl. gegen Ende September lässt sich an dieser Stelle nachlesen, wie es mir in Sibirien und Co. ergeht.

 

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