China: Beim Monster zu Hause

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China genießt in der westlichen Welt nicht das beste Ansehen: keine Meinungsfreiheit, ein rasantes Wirtschaftswachstum, von dem vorwiegend die ohnehin schon wohlhabende Oberschicht profitiert, Lebensmittelskandale, höchst umstrittene Machtdemonstrationen außerhalb Festlandchinas – wie derzeit die Landaufschüttungen im Südchinesischen Meer, eine Investitionspolitik, die weniger entwickelte Länder ausbeutet (siehe hierzu mein Beitrag zu Kambodscha; übrigens berichteten in Vietnam Einheimische Ähnliches: „Die Chinesen kaufen uns das Land und die Frauen weg. … Ihre Fabriken verschmutzen unsere Gewässer.“). Zudem unterstützt China Nordkorea und ab und zu lässt China beim Verfassen von internationalen Abkommen, z.B. beim Klimaschutz, die westliche Welt verzweifeln. Nun könnte man meinen, dass diese Tatsachen ausschließlich politische Fragestellungen betreffen und nicht im Einflussbereich der gewöhnlichen Chinesen liegen. Die normale Bevölkerung ist sicherlich anders. Doch vermutlich werden mir die meisten Leser zustimmen, dass ebenfalls den Chinesen nicht nur Gutes nachgesagt wird: Ellenbogenmentalität und Kopiermeister ohne Grenzen – das sind die gängigen Vorurteile. Auch Reisende, die ich unterwegs treffe, bereiten mich auf meinen Chinaaufenthalt vor: „Du wirst in China alleine sein.“ Einer meinte gar, auf einer Bergspitze nachts alleine gelassen worden zu sein, weil ihm keiner mitgeteilt hatte, wann die Seilbahn schließt.
Mit all diesen negativen Bildern im Kopf mache ich mich auf nach China. Um etwas flexibler bei der Reiseplanung zu sein, habe ich mir ein Visum für die zweifache Einreise besorgt. Falls es mir nicht gefallen sollte, könnte ich Reißaus nach Taiwan, dem so viel Gutes nachgesagt wird, nehmen.

In der Nähe des vietnamesischen Sapas überquere ich die Grenze und erreiche das chinesische Hekou, Yunnan‐Provinz. Nur eine handvoll anderer Vietnamesen und Chinesen betreten mit mir das moderne Immigration‐Gebäude. Die chinesische Beamte begrüßt mich freundlich, alle Formalitäten sind schnell erledigt. Abschließend werde ich darum gebeten, meine Zufriedenheit hinsichtlich des Einreiseprozesses zu kund zu tun. Das ist das erste Mal seit langem, dass mich jemand nach meiner Zufriedenheit fragt! Mit diesem nutzerfreundlichen Grenzübertritt hätte ich nicht gerechnet. Auch bei meiner abendlichen Erkundungstour erlebe ich mehrere Überraschungen: Die Innenstadt Hekous könnte die einer westdeutschen Stadt sein: Die Fußgängerzone wird gesäumt von Betonhäusern im Einheitsgrau. In hell erleuchteten Geschäften, die die chinesischen Schwesterunternehmen von Pimkie, New Yorker und Accessorize sein könnten wird angepriesen, dass heute wieder „Sale“ ist. Abseits der Fußgängerzone reihen sich fast ausschließlich Autos deutscher Marken.

Etwas Kopfzerbrechen macht mir das Essen. Nicht, weil ich nichts finde, sondern weil ich nicht weiß, was ich zuerst probieren soll. An vielen Ständen wird aufgespießtes Gemüse, Fleisch und Fisch gegrillt und gedünstet. Von wegen China sei kulinarisch eine Wüste. China ist ein Paradies – auch für die, die kein Fleisch mögen! Netterweise lädt mich ein Gruppe von Geschäftsleuten zum Essen ein – so habe ich die Möglichkeit, von deren Buffet alles zu probieren.
Mein nächstes Ziel ist Kunming, die Hauptstadt der Yunnan‐Provinz. Bis vor kurzem war die Fahrt von Hekou nach Kunming eine halbe Weltreise. Seit 2014 verkürzt eine Eisenbahnneubaustrecke die Reisezeit von ca. 12 auf ca. 6 Stunden. Meine Hoffnung, etwas von der spektakulären Gebirgslandschaft Yunnans zu sehen löst sich schnell in Luft auf: Die ersten Stunden führt die Strecke fast ausschließlich durch kilometerlange Tunnels. Anstelle – wie sonst üblich – die Tunnel im rechten Winkel zum Bergrücken anzulegen, wurden die Tunnels entlang der Bergrücken angelegt. Ich frage mich, wie viel Investitionsmittel der Bau dieser Strecke verschlungen hat und ob sich die Investition irgendwann amortisieren wird – denn bislang nutzen nur 4 Personenzüge und ein paar Güterzüge je Richtung und Tag die Strecke.
Kunming ist meine erste chinesische Metropole. Unzählige 20‐ und mehrgeschossigen Hochhäuser künden schon weit vor der Ankunft die 3,6 Millionen Einwohner zählende Stadt an. Die meisten Hochhäuser jedoch sind nicht bezogen. Und: Obwohl die meisten dieser Giganten leer stehen, befinden sich unzählige weitere im Bau. Wer soll da drin wohnen? Vielleicht ist in Kunming der Babyboom ausgebrochen und die Stadt bereitet sich auf das Bevölkerungswachstum vor – denke ich mir.
Die Innenstadt macht mit einer Mischung aus Berlin Alexanderplatz, Zürich und Prag (ja, das geht) einen europäischen Eindruck. Nach den lauten und oft stickigen Städten Südostasiens ist es in Kunming deutlich ruhiger: Sehr viele Kunminger fahren einen Elektroroller. Das gewohnte Über‐die‐Straße‐laufen‐ohne‐zu‐schauen funktioniert hier nicht mehr – zum einen, weil ich die Roller nicht höre und zum anderen, weil die Autofahrer, erneut sehr häufig im Besitz eines Fabrikats deutscher Autobauer, nicht bremsen. Klimatisch ist die Lage eine willkommene Erholung: Nach der Hitze Südostasiens sind die Nächte angenehm kühl, tagsüber ist es schön warm.

Meine ursprüngliche Idee, nach kurzer Zeit China wieder zu verlassen, weil es doch woanders schöner und die Menschen netter sein könnten, lege ich ziemlich schnell ad acta. Vielmehr frage ich mich, ob ich meine Reiseziele nach China, also Japan und ein Korea überhaupt schaffe. Denn in China gibt es viel zu entdecken. In der chinesischen Gesellschaft fühle ich mich ebenfalls sehr wohl.
Beim Blick auf die Landkarte bin ich immer wieder erstaunt: Myanmar, Bangladesch, Indien – Länder, in denen ich vor wenigen Monaten war und die in mancherlei Hinsicht außergewöhnlicher kaum sein können sind so nah. Und trotzdem fühle ich mich hier in China wie in einer anderen Welt. Hier ist vieles modern, alles scheint vorhanden und möglich zu sein.
Viel Zeit erfordert die Reiseplanung. Was lohnt sich anzuschauen? Wie komme ich dorthin? China ist riesig und die Infrastruktur entwickelt sich in einem rasantem Tempo. Karten aus dem letzten Jahr sind häufig wieder veraltet. Städte, die kürzlich noch viele Stunden Fahrt entfernt lagen sind nun in wenigen Stunden erreichbar. Weil sich Umsteigeverbindungen mit Zug nicht wie bei uns mit einem Knopfdruck ausgeben lassen, stellt mich die Routensuche insb. in die Gebiete abseits der gewöhnlichen Ziele internationaler Besucher (wie Beijing, Shanghai, Xi’an) vor mehrere Herausforderungen:

  • Wie übersetze ich die chinesischen Schriftzeichen meiner Reiseziele und die der möglichen Umsteigeorte?
  • Wie heißt der Bahnhof, der am nächsten an meinem Reiseziel liegt? Oft verbinden mehrere Strecken die gleichen Städte, nutzen aber nicht die gleichen Bahnhöfe.
  • Für welche Züge gibt es noch Tickets? Chinesische Züge sind 1 bis 2 Tage vor der Fahrt meist komplett ausgebucht, Schlafplätze in Nachtzügen bereits Wochen vorher.

Nach den ersten spektakulären Sehenswürdigkeiten in der Yunnan‐Provinz (Lijiang, Tiger Leaping Gorge) und in der Hunan‐Provinz (Zhanggjiajie National Park) stelle ich ernüchternd fest: Ich bin nicht der Einzige, der sich für diese Sehenswürdigkeiten interessiert. Ich schwimme meist in einem Meer vieler chinesischer Touristen. Das 40.000-Einwohner zählende, historische Städtchen Lijiang bspw. besuchen 8 Millionen Touristen pro Jahr! Zum Vergleich – wer sich an meinen Beitrag erinnert: Myanmar (das ganze Land) empfing im Jahr 2015 rund 5 Millionen Besucher. China ist seit Indien das erste Land mit einem nennenswerten Inlandstourismus. Dieser steckt zwar noch in Kinderschuhen, aber dennoch scheint das ganze Land gleichzeitig auf den Beinen zu sein. Chinakenner berichten, dass viele, vor 5 Jahren noch verschlafene Orte heute völlig überrannt sind. Den Chinesen sei der Urlaub nicht vergönnt – im Vergleich zu den meisten Westeuropäern, für die Urlaub ein mehrmals im Jahr wiederkehrendes Ereignis ist, haben die gewöhnlichen Chinesen nur ein Mal im Jahr die Gelegenheit, ihren Heimatort zu verlassen. Die Form des Erholungssuchens unterscheidet sich ebenfalks fundamental von der gängigen westlichen: Während wir es in der Regel bevorzugen, individuell ferne Orte zu entdecken (Motto: „Ich bin der Erste, der was Neues entdeckt hat!“), reisen Chinesen im Kollektiv und ziehen in großen Gruppen mit einem mikrofonverstärkten Führer durch die Gegend. Die abendliche Erholung wird nicht bei einem Glas Wein am Strand gesehen, sondern in der Karaokebar oder im Casino. Während diese Form des Tourismus so manches Naturparadies in einen Funpark verwandelt hat, gibt es einen Vorteil: Abseits des Funparks ist es ruhig. Im Zhangjiajie National Park treffe ich abseits der Aussichtspunkte, zu denen die chinesischen Touristen mit Bussen geshuttelt werden, fast nur Nicht‐Chinesen.

Die Lust, weitere Sehenswürdigkeiten zu besuchen, wird weniger dadurch getrübt, von Heerscharen anderer Touristen begleitet zu werden, sondern von den überaus hohen Eintrittsgeldern, die für alles verlangt werden, was für Touristen interessant sein könnte: Für eine chinesische Altstadt sind umgerechnet ca. 10 EUR zu berappen, für einen Wasserfall ca. 30 EUR, für einen Nationalpark ca. 35 EUR. Attraktionen innerhalb der Gebiete sind meist nicht inkludiert. Möglichkeiten, die Eintrittsgelder zu vermeiden gibt es keine. Eingänge sind gut gesichert, Ermäßigungen gibt es nur für Kinder und Studenten. Oft stelle ich mir vor, welchen Aufschrei es verursachen würde, wenn etwa für den Besuch der Sächsischen Schweiz 25 EUR oder für die Altstadt Heidelbergs 10 EUR aufzubringen wären. Kein Einheimischer konnte mir erklären, warum für Sehenswürdigkeiten so hohe Eintrittsgelder – schon im Vergleich zum westlichen Lohnniveau – verlangt werden. Gibt es keine Unterstützung der öffentlichen Hand? Sind die hohen Gebühren ein Mittel zur Nachfragesteuerung? Oder wird schlichtweg die Zahlungsbereitschaft abgeschöpft? Dadurch, dass Urlaub etwas Besonderes ist, sind Chinesen bereit, diese hohen Beträge auszugeben. Leider stelle ich häufig fest, dass innerhalb der Parks in Infrastrukturen investiert wird, die dazu gedacht sind, noch mehr Besucher abzufertigen. Der ursprüngliche Charakter der Umgebung wird somit mehr und mehr entfremdet. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Einnahmen – und bei den Besuchermassen kommt ganz schön was zusammen – für diese Investitionen eingesetzt werden.

Mehrere Provinzen Südchinas liegen nun hinter mir. Ich stelle fest, dass die sich im Bau befindenden, gigantischen Wohnhaussiedlungen nicht spezifisch für Kunming oder die Yunnan‐Provinz sind. In ganz China, in Städten jedweder Größe sind Hochhäuser im Entstehen, die ein Vielfaches der Bevölkerung aufnehmen könnten. Von knappem Wohnraum ist China jedoch – abgesehen von den Megastädten wie Shanghai und Beijing – weit entfernt. Die Wohnhausgiganten bleiben unbewohnt. Als ich mit dem Hochgeschwindigkeitszug 1800 Kilometer von Zhenzhou nach Guangzhou rausche, habe ich den Eindruck, dass China eine einzige Geisterstadt ist, denn die bewohnten kleinen und mittelgroßen Häuser fallen bei der Geschwindigkeit nicht auf. Das ökonomische Modell, das hinter dem massiven Wohnungsbau steht verstehe ich nicht. Von mehreren Gesprächspartnern höhere ich, dass der Wohnungsbau dazu dient, die Wirtschaft am Laufen zu halten. Doch was passiert in 1, 2, 3,… Jahren, wenn auch die jetzt im Bau befindlichen Gebäude fertig gestellt sind? Werden sie wieder abgerissen? In der Tat: Auch das sehe ich. Nie bewohnte Häuser werden abgerissen. Wie lässt sich das ökonomisch begründen? Und wie lange kann das gutgehen? Ob bewohnt oder unbewohnt: Die Ästhetik bringt mich häufig zum Schmunzeln. Verziert mit Türmchen oder sogar einem Dom – manchmal sehen die Häuser gar nicht so schlecht aus. Doch die Masse lässt die Quartiere wie Ghettos erscheinen.

Eine Ästhetik vermisse ich bei Infrastrukturbauwerken, die in den letzten Jahren aus dem Boden gestampft wurden. Während (häufig) in westlichen Ländern die Prämisse gilt, bei Neubauten möglichst wenig Naturraum zu zerschneiden und unter möglichst wenig Flächenverbrauch zu bauen, scheint dieser Gedanke in China vollkommen unbekannt zu sein. Eisenbahnneubaustrecken zerpflügen die Landschaft, für Highways werden Täler mit Brücken zugebaut, Hochspannungsleitungen bedecken teppichartig Hügel und Berge. Unberührte Landschaft finde ich in China nicht mehr. Nicht nur die Schnelligkeit, mit der Infrastrukturprojekte umgesetzt werden sucht seinesgleichen, auch die Zahl und Größe der Ingenieurbauwerke toppt all das, was ich bislang gesehen habe: höchste Eisenbahnbrücke der Welt (275 Meter), längste Eisenbahnbrücke der Welt (ca. 160 Kilometer) und bald auch längster Tunnel der Welt (ca. 130 Kilometer). Wegen des rasanten Wachstums scheinen viele Infrastrukturen unkoordiniert in die Landschaft gesetzt worden zu sein. In der Guizhou‐Provinz verlaufen bspw. vier (jeweils zweigleisige) Eisenbahnstrecken mehr oder weniger parallel. Meine anfängliche Feststellung, dass Chinesen gigantische Infrastrukturprojekte umsetzen ist nicht nur eine Ausnahme, sondern die Regel. Ebenso wie bei den Hochhausgiganten ist deutlich zu erkennen, dass Verkehrsplanung nicht nachfrage‐, sondern angebotsorientiert erfolgt. D.h. gebaut wird nicht dort, wo die Nachfrage einen Neubau rechtfertigt. Stattdessen wird gebaut, um mehr Nachfrage erzeugen. Auf den Highways abseits der Städte herrschen noch nordkoreanische Verhältnisse – freie Fahrt für chinesische Bürger!
Erneut frage ich mich, welches ökonomische Konzept Grundlage für den Bau von Verkehrswegen ist – insbesondere als ich in Yan’an ankomme, das als strategisches Zentrum der Kommunistischen Partei Chinas während der Chinesischen Revolution bekannt ist. Kürzlich wurde Yan’an an das Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen. Eine 300 Kilometer lange Neubaustrecke für eine 100.000 Einwohner zählende Stadt? Der Nutzen dieses teuren Verkehrswegs und manch anderer erschließt sich mir nicht. Nicht nur hinsichtlich des Baus, sondern ebenfalls hinsichtlich der Unterhaltung rätsle ich über die Finanzierungsgrundlagen – gerade vor dem Hintergrund, dass mit der neuen Verkehrsinfrastruktur in der Unterhaltung teure Ingenieurbauwerke (Brücken, Tunnel) geschaffen wurden. Heute ist alles neu. Und in 30 Jahren? Zwar stütze ich nicht Chinas Ruf, dass billig gebaut wurde und die Bauwerke demnächst auseinander fallen. Auf den ersten Blick sieht die Infrastruktur nicht anders aus als in westlichen Ländern auch. Ich bezweifle jedoch, dass in China die gleichen Maßstäbe zur Unterhaltung gelten wie in westlichen Ländern.

Je länger ich durch China reise, umso mehr Erfahrungen mache ich mit dem Ordnungsdenken und den Sicherheitsvorstellungen der Chinesen. Ohne Frage: In einem Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern, mit vielen Städten, die die Einwohnerzahl Berlins deutlich überschreiten müssen andere Regeln gelten als im vergleichsweise kleinen Deutschland. Genauso wie in Indien sieht vieles zunächst chaotisch aus – stellt sich dann aber als wohl organisiert heraus. Ein Beispiel: In Bahnhöfen überschneiden sich die Fahrgastströme nicht. Während die Aussteiger in eine Etage unterhalb der Bahnsteige geleitet werden, werden die Einsteiger in der oberen Etage zum Boarding aufgerufen und erst etwa drei Minuten nach Zugankunft zum Zug gelassen. Im Gegensatz zu Indien sind die Prozesse weitestgehend automatisiert, wie z.B. die Fahrscheinkontrolle.
Die chinesischen Vorstellungen hinsichtlich Sicherheit (Safety) habe ich bislang nicht durchdrungen. Es werden Vorkehrungen getroffen, die unnötig sind. Beispielsweise prüfen Schaffner nach jedem Halt, dass keine Schlaufen von den Gepäckablagen runterhängen und nehmen Gepäck von der Gepäckablage, dass bei einer ordentlichen Zugfahrt nach physikalischen Gesetzen gar nicht herunterfallen kann. Andererseits fehlen Sicherheitsvorschriften, die dringend erforderlich wären, insb. im Straßenverkehr. So besteht in den meisten Provinzen für Rollerfahrer keine Helmpflicht. Familien sind ungeschützt, mit den Kindern vorne stehend, unterwegs. Dabei ist der Straßenverkehr wegen der Schnelligkeit und der größeren Fahrzeugen gefährlicher als in Südostasien. Selbst weniger entwickelte Länder wie Vietnam und Kambodscha sind in Sachen Helmpflicht China voraus. Ohnehin habe ich den Eindruck, dass motorisierte Verkehrsteilnehmer ihren Führerschein im Lotto gewonnen haben: In kaum einem anderen Land meiner Reise habe ich ein derart rücksichtsloses und nicht‐vorausschauendes Fahrverhalten festgestellt wie in China – sowohl von Bus‐ und Autofahrern als auch von Zweitradlenkern. Immer wieder beobachte ich, wie das Einbiegen in Hauptstraßen oder das Überholen ohne zu schauen zu gefährlichen Situationen führt und schließlich mit einem Unfall endet. In der Tat gilt auf Chinas Straßen das Recht des Stärken: mit hoher Geschwindigkeit und unter lautem Hupen an eine Menschenmenge heranzufahren und zu erwarten, dass die Menschen Platz machen ist gang und gäbe.
Nach einigen Beobachtungen, wie die Einheimischen mit bestehenden Regeln umgehen bzw. nicht handeln, weil es keine Regeln gibt, wird mir bewusst, dass Chinesen eine starke Führung brauchen. Chinesen brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt und der ihnen den Weg vorgibt. In den vergangenen Tagen passierte es mehrere Male, dass ich abends zu fortgeschrittener Stunde in Begleitung mit Chinesen an einem Ort strandete und nicht zum Reiseziel weiterkam. Die Initiative, nach dem Weg bzw. nach der weiteren Beförderungsmöglichkeit zu fragen ging von mir aus. Das Warten hätte meine Begleitungen nicht gestört – mich jedoch schon.

Mit der Zeit stelle ich fest, dass vieles, was über Chinesen – aus menschlicher Sicht – behauptet wird schlichtweg nicht stimmt. Ellenbogenmentalität? Mit Ausnahme des Straßenverkehrs spüre ich davon nichts. Unfreundlich? Ganz im Gegenteil! In Geschäften werde ich freundlich begrüßt. Alleine gelassen? Ebenfalls ein Nein. Ein „May I help you“ begegnet mit oft, wenn ich orientierungslos auf der Straße stehe. Häufig werde ich gefragt, woher ich komme und was ich mache – entweder in Englisch oder mithilfe von Google Translator. Meine Gesprächspartner fragen dann, wie ich es – ohne Chinesisch sprechen zu können – durch China schaffe. Doch die Erfahrung zeigt: Es geht. In den Fällen, wo die Sprachbarriere kaum überwindbar scheint, findet sich immer jemand, der mir weiterhelfen möchte, ggf. sogar jemand, der ein paar Wörter Englisch spricht. In solchen Situationen sich die Chinesen entspannt, hören zu und versuchen zu verstehen, was ich möchte. Gewöhnungsbedürftig ist jedoch, dass Chinesen nicht mit „Händen und Füßen“ gestikulieren, sondern ausschließlich verbal. Manchmal wird dann meine Geduld auf die Probe gestellt, weil einfache Beschreibungen nicht verstanden werden.
Das von ausländischen Chinareisenden häufig als nervig empfundene fotografiert zu werden ohne gefragt zu werden kommt tatsächlich vor, doch seltener als ich es mir vorgestellt hatte. Im Vergleich zu dem in Indien sehr oft missachteten persönlichen Schutzbereich („Selfie! Selfie!“) macht es Spaß, mit neugierig schauenden Chinesen in Kontakt zu treten. In der Tat: Für viele Chinesen bin ich die erste „Langnase“ seit langem – wenn nicht die erste überhaupt. Tagelang reise ich durch China, entdecke Millionenstädte und treffe keinen einzigen westlichen Reisenden. Kinder schauen aufgeregt, zeigen auf mich mit dem Finger und flüstern irgendetwas den Eltern zu (vermutlich sowas, wie „Mama, Papa, schau mal!“) – eine Situation, die vergleichbar ist, wie wenn ich in einer deutschen Stadt mit einem Goofy‐Kostüm rumlaufen würde. Beim Blickkontakt – mit Kindern und Erwachsenen – ist ein Lächeln garantiert. Verlegenheit ebenfalls.
Das, was meine Euphorie im menschlichen Umgang bremst sind bestimmte Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft als nicht fein gesehen werden. Schmatzen und Schlürfen kann ich ohne Weiteres tolerieren. Äußerst ekelerregend finde ich nach wie vor das Ausspucken: Aus den Tiefen des Rachens wird mit einem „Chrrrrrrk“ ein Schleimballen hochgezogen, der dann im Mund geformt wird und mit einem lauten Pflatsch auf dem Boden landet. Nicht nur Straßen werden damit übersät, sondern auch die Fußböden in Gebäuden und in Zügen. Vorwiegend von Männern, aber auch von Frauen.
Als unangenehm finde ich ebenfalls, fortwährend den Nebelschwaden der Raucher ausgesetzt zu sein. In China wird gequarzt was das Zeug hält – und keine Rücksicht auf Nichtraucher genommen. Reisen in den klassischen Zügen (nicht jedoch in Hochgeschwindigkeitszügen) geht zu Lasten der Gesundheit, denn der Rauch zieht von den Wagenübergängen, wo das Rauchen gestattet ist, in die Fahrgasträume. Manchmal wird auch dreist im Fahrgastraum geraucht. Welche Folgen das Rauchen für Raucher und Nichtraucher hat, ist Chinesen unbekannt. Auch Mütter lassen sich mit ihren Kindern in den Wagenübergängen in dem zum Schneiden dichten Rauch nieder.
Ebenfalls die Rücksichtnahme auf Mitmenschen betreffend: Lautes Hören von Filmen und Musik in der Öffentlichkeit ist in China völlig normal. Kopfhörer sind Fehlanzeige. Wären es irgendwelche Schnulzen, die abgespielt werden, hätte ich keine Probleme. Die Lautsprecher der Smartphones dröhnen jedoch nicht damit, sondern vor allem mit Ballerfilmen und -spielen. Dolby Surround ist beim Reisen ganz gewiss.
Und noch etwas ist sehr auffallend: Chinesen leben in zwei Welten – in der realen und in der Smartphone‐Welt. Eigentlich mehr in der letzten. Der Blick richtet sich beim U‐Bahnfahren, beim Rollerfahren, beim Autofahren und beim Laufen fast ausschließlich auf das Smartphone. Es werden Filme geschaut und es wird gechattet. In keinem Land meiner Reise waren die Menschen derart intensiv mit ihrem Smartphone beschäftigt wie in China. Dementsprechend gehen viele Momente der realen Welt an den Menschen vorüber: Jalousie des Zugfensters runter – Film ab! In China beobachte ich das sehr häufig.

Bevor ich China gen Russland verlasse, mache ich einen Schlenker an die chinesisch‐nordkoreanische Grenze. Dandong, die ca. 800.000 Einwohner zählende chinesische Grenzstadt am Yalu‐Fluss ist auch in der westlichen Welt ein Begriff. Vor allem, weil 2004 ein Eisenbahnunfall eine von der Grenze ca. 12 Kilometer entfernte, nordkoreanische Stadt weitestgehend in Schutt und Asche gelegt hat und mehrere tausend Menschen getötet haben könnte. Weiterhin liegt Dandong an den Verkehrswegen, die Nordkorea am Leben halten: Mehr als die Hälfte aller Importe Nordkoreas queren hier die Brücke über den Yalu‐Fluss. Der Ort kann subtiler kaum sein: Dandong ist hochentwickelt, eigentlich eine gewöhnliche chinesische Großstadt, mit vielen Hochhäusern, viel Verkehr und vielen Menschen. Direkt an die Grenzbrücke schließt der neu erbaute, gigantische Bahnhof an, der u.a. von Hochgeschwindigkeitszügen gespeist wird.
Auf der Brücke über den Yalu‐Fluss rollt der Verkehr immer in eine Richtung. Nach Nordkorea sieht die Kolonne folgendermaßen aus: zunächst vollbeladene Lkw, dann mit wenigen Fahrgästen besetzte Busse, ein paar neue Pkw, neue Busse und anschließend neue Lkw sowie viele, viele Baumaschinen. Wohin genau die Fahrzeuge rollen bleibt unbekannt. Viel kann ich bei den hohen Baumreihen auf nordkoreanischer Seite nicht sehen. Die hohen Wasserspritzer des Spaßbads direkt am Ufer gegenüber geben jedoch Aufschluss darüber, dass auch Nordkoreaner Freizeit haben und sich Vergnügen dürfen – zumindest sollte das der Beobachter denken.
Flussabwärts ist im Dunst eine riesige Hängebrücke zu erkennen, die jedoch auf keiner meiner Karten eingezeichnet ist. Ich recherchiere im Internet und finde heraus, dass diese Brücke von China finanziert und gebaut wurde. Nordkorea ist einzig für den Anschluss der Brücke an das nordkoreanische Straßennetz verantwortlich. Die Brücke wurde 2014 fertiggestellt, kann jedoch nicht eröffnet werden, weil Nordkorea die Anschlussinfrastruktur nicht herstellt – und das, obwohl hierfür China Nordkorea Baumaschinen zur Verfügung gestellt hat. Die Chinesen vermuten, dass Nordkorea die Baumaschinen für andere Zwecke verwendet.
Trotz des herrlichen Sommerwetters liegt ein Hauch von Mysterien und von Geheimnissen in der Luft. Selbst Einheimische, denen ich ein paar Geschichten über das Nachbarland entlocken möchte zucken mit den Achseln und sagen mir, dass sie nie auf der anderen Seite des Flusses waren. Für Chinesen ist es genauso aufwändig nach Nordkorea zu reisen wie für uns.
Völlig unerwartet ist für mich, dass das abgeschottete Nordkorea mir so scheinbar offen gegenüber liegt: Auf dem Grenzfluss cruisen Touristenboote hoch‐ und runter. Es wird gesurft, geschwommen und gefischt. Von Soldaten mit Waffen im Anschlag keine Spur. Auch flussaufwärts, wo die Grenze auf einem Seitenarm des Yalu‐Flusses verläuft, der nicht einmal die Breite der Neiße hat, ziert nur ein wackeliger Stacheldrahtzaun das Ufer. Die Landschaft ist atemberaubend, das mysteriöse Nachbarland macht es noch spannender. Gerne hätte ich die Gegend nördlich von Dandong erkundet, doch meine Tage sind gezählt, in zwei Tagen muss ich in Russland sein. Mit Hochgeschwindigkeit gehts am Nachmittag nach Shenyang und anschließend nach Manzhouli in der Mandschurei.

 

Mein Rückblick

Ich bin zwiegespalten. Einerseits…
Allen Vorurteilen zum Trotz: Nein, unfreundlich sind Chinesen nicht. Ich würde behaupten, dass ich in China deutlich offener empfangen wurde als für gewöhnlich Chinesen in Deutschland. Ein paar Beispiele:

  • In Fengjie, einer Stadt am Yangzi‐Fluss fand ich keine günstige Unterkunft. Eine Einheimische half mir bei der Suche und keuchte mit mir die steilen Straßen des Uferhanges hoch und runter.
  • Das Personal eines Restaurants in Wanzhou war begeistert, einen Ausländer als Gast zu haben. Damit ich sicher durch die Stadt finde, begleitete mich nach dem Essen ein Angestellter zur Bushaltestelle.
  • Bei einer Zugfahrt schenkten mir Kinder ihre Unterwegsproviante, obwohl sie noch mehr als 24 Stunden unterwegs waren – und ich bereits am Ziel.

Jeden, der meint, Chinesen seien unfreundlich, werde ich zukünftig fragen, wo er (sie) in China war. Beijing und Shanghai repräsentieren nicht das gesamte China! Und Hongkong ist ohnehin nicht China.

Andererseits…
Ja, China ist ein Monster. In welcher Geschwindigkeit sich das Land entwickelt ist atemberaubend und erschreckend zugleich. Das, was in China auf die Beine gestellt wird, sucht seinesgleichen. Europa und Nordamerika sehen – in der Tat – alt aus im Vergleich zu China. Beim Reisen quer durch das Land ist unschwer zu erkennen, dass China bis spätestens 2020 DIE Wirtschaftsmacht sein wird. Ich kann außerdem gut nachvollziehen, dass sich Anrainerstaaten bei Territorialstreitigkeiten nicht mit China anlegen, sondern still halten – wie derzeit im Südasiatischen Meer. Mit diesem Giganten würde ich mir es ebenfalls nicht verscherzen wollen. Chinas Führung ist, wenn es möchte, zu allem fähig. Soll ein Berg versetzt werden, dann wird der Berg versetzt.
Fraglich ist, ob sich Chinas Führung nicht selber ein Bein stellt. Wird das Kartenhaus irgendwann kollabieren? Wann platzt die Blase des Immobilienmarktes? Wie lange macht Chinas Bevölkerung die Zensur noch mit? Das Internet ist eine Katastrophe. Obwohl gesagt wird, dass Chinas Internetfilter zu den effizientesten gehören, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Auch wenn ich auf Facebook und Co. temporär verzichten kann, ist es einfach nur ärgerlich, wenn Botschaftsseiten nicht funktionieren oder Bezahlvorgänge nach Eingabe aller Kreditkartendetails abbrechen.

Nach fast sieben Wochen China freue ich mich auf Russland, einem „richtigen“ Land, denn mit der Zeit wird China ein bisschen langweilig. Gewiss, hinter fast jeder Kurve überrascht mich etwas mich Wow‐Effekt. Doch dieser Effekt resultiert aus dem schieren Gigantismus, nicht jedoch aus der Schönheit des Objektes. Was China fehlt ist Natürlichkeit und Authentizität. Alt aussehende, schöne Gebäude sind entweder fake oder, wenn sie wirklich alt sind, dann residiert im Untergeschoss das Souvenirgeschäft. Bewohnt werden sie in der Regel nicht. Wer auf lebendige Geschichte steht, der wird in China enttäuscht.
Ich glaube, China war schön, vermutlich vor 15 bis 25 Jahren. Die Investitionen in Verkehrsinfrastruktur und die Zersiedlung haben Chinas Natürlichkeit genommen. Dennoch: Genau wegen diesen Eindrücken hat sich die Reise nach China gelohnt.

 

Auch wenn ich mit diesem Beitrag Abschied von China nehme – es folgen noch zwei weitere mit Chinabezug: In der nächsten Woche veröffentliche einen Beitrag zum Essen in China und anschließend einen zum Reisen mit der Eisenbahn in China.

 

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