In meinen letzten Stunden in Kambodscha kommt ein bisschen Wehmut auf. Wären meine Reisepläne nicht längst geschmiedet und der Weg gedanklich für Vietnam geebnet, wäre ich gerne länger in Kambodscha geblieben, um Land und Leute intensiver kennenzulernen. Diverse Fragen schwirren in meinem Kopf umher: Wie werde ich mich mit der vietnamesischen (Lebens-)Kultur identifizieren? Können die Vietnamesen den Kambodschanern das Wasser reichen? Meine Vorstellung von dem, was mich in Vietnam erwarten wird, ist recht schwammig. Andere Reisende klagten über vom Massentourismus geprägte Reiseziele. Ich selbst verbinde mit „den Vietnamesen“ ab und an die Gestalten, die im Berlin der frühen 1990er Jahre an den U‐Bahnhofein‐ und Ausgängen mit Zigarettenstangen standen und blitzschnell verschwanden, wenn Polizisten erschienen. Oder den Obst‐ und Gemüsehändler um die Ecke einer deutschen Stadt, der bei den wenigen Kunden seinen Laden doch eigentlich gar nicht profitabel betreiben kann. Wie ist Vietnam und wie sind die Vietnamesen wirklich?

Die vietnamesischen Behörden machen es mir einfach und lassen mich (derzeit) ohne Visum einreisen. Um den Tourismus anzukurbeln reicht für Aufenthalte bis zu 15 Tage ein gültiger Reisepass. Die Formalitäten am Grenzübergang sind schnell erledigt.
Meine Sorge, mich bei den Vietnamesen nicht wohl zu fühlen verfliegt gleich in Pleiku, dem ersten Örtchen hinter der Grenze. Ein älter Herr mit großem Bastkorb auf dem Rücken bleibt neben mir stehen und lächelt mich an. Er freut sich, mich zu sehen, lächelt weiter und weiter. Auch andere Einheimische haben scheinbar Freude dabei, mir zu helfen, sei es bei der Organisation der Weiterfahrt oder der Suche nach einem visafähigen Geldautomaten.
Sehr auffällig ist, dass die Vietnamesen im Vergleich zu den Menschen in allen vorher bereisten Ländern deutlich asiatischer aussehen – und zwar so, wie wir Europäer uns Asiaten vorstellen: schmale Augen, hohe Wangenknochen, rundliche Gesichter und helle Haut. Zum Schutz vor der Sonne setzen Frauen eine maulkorbähnliche Maske auf, die als Modeaccessoire gesehen wird und Motive von Hello Kitty, Snoopy oder sonstwas trägt.
In den ersten Stunden in Vietnam fällt mir der sozialistische Charme auf, der hier und da aufpoppt. An vielen Plätzen grüßt Ho Chi Minh, rote Fahnen flattern entlang der Straßenzüge, durch Lautsprecher trompeten irgendwelche Durchsagen. Vereinzelt rattert ein IFA‐Lkw – gebaut in der DDR – vorbei. Andere IFAs haben das aktive Arbeitsleben hinter sich gelassen und gammeln im Gebüsch vor sich hin. Ich frage mich, ob Ostdeutschland ein ähnliches Bild geben würde, wenn die Mauer nicht gefallen wäre.

Die Reiseplanung erfolgt wie immer en route. Dadurch, dass ich aus dem Nordosten Kambodschas komme, bin ich in dem in der Nord‐Südausdehnung immerhin ca. 1650 Kilometer messenden Vietnam schon relativ weit „oben“. Ho Chi Minh City, das früher den Namen „Saigon“ trug, liegt zu weit im Süden. Eine Reise dorthin hebe ich mir für ein anderes Mal auf. Mich interessiert jedoch der südliche Küstenstreifen und so fahre ich entgegen meiner für die nächsten Wochen angedachten Reiserichtung von Quy Nho’n gen Süden in die rund 300.000 Einwohner zählende Stadt Nha Trang.
Bei meiner Erkundungstour durch die durchaus mondäne Bade‐ und Strandstadt stelle ich verwundert fest: Die Urlauber hier sehen genauso aus wie wir – zumindest fast. Blond und – im Vergleich zu den Vietnamesen – groß. Doch Englisch oder eine andere westliche Sprache nehme ich nicht wahr. Stattdessen Russisch. Die meisten Geschäfte, die den Lebensbedarf für Urlauber decken, sind in Kyrillisch beschriftet. Ich meine, noch nie so viele Russen außerhalb Russlands gesehen zu haben. Natürlich mischen sich unter die Urlauber aus Chinesen und Vietnamesen. Aber die fallen eben nicht so auf.

Ich verabschiede mich von Nha Trang und schlage wieder den Weg Richtung Norden ein. Erstaunt bin ich darüber, dass es nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten relativ wenige Autos gibt. Das Fortbewegungsmittel Nummer 1 ist der Motorroller. Der innerörtliche Verkehr scheint wegen der niedrigen Geschwindigkeiten relativ sicher zu sein. Ab und an ertappe ich mich dabei, wie ich ohne links und rechts zu schauen Straßen überquere. Die Vietnamesen nehmen „Rücksicht“ und fahren einfach um mich herum. Auf den Nationalstraßen jedoch beobachte ich jedoch sehr häufig haarsträubende Szenen: Busse und Lkw, in manchen Abschnitten Stoßstange an Stoßstange, überholen innerorts und außerorts, ohne jegliche Übersicht über die Verkehrslage zu haben. Dazwischen quetschen sich Roller, vollbeladen mit Waren oder Familien. Mit Trommelfell‐zerreißendem Hupen wird von der Straßen gescheucht, was dem Fahrweg des Busses oder dem Lkw im Weg steht. Unter anderem wegen einiger erschreckender Unfälle versuche ich Überlandbusfahrten fortan zu vermeiden.

Nach einem Zwischenstopp im alten Handelsstädtchen Hoi An überquere ich den Wolkenpass und nähere mich dann dem Ben Hai‐Fluss, dessen geschichtliche Bedeutung häufig auch unter der Bezeichnung „17. Breitengrad“ bekannt ist. Zwischen 1954 und 1976 bildete dieser Fluss die Grenze zwischen Nordvietnam und Südvietnam. Entlang des Flusses erstreckte sich einige Kilometer Richtung Norden und Richtung Süden die entmilitarisierte Zone. Das Gebiet, das eigentlich dazu gedacht war die beiden verfeindeten Länder und ihre Alliierten voneinander zu trennen, erwies sich schlussendlich als eines der größten Kriegsschauplätze der Geschichte. In kaum einem anderen Gebiet wurde mehr Kriegsgerät aufgefahren und mehr Munition abgeworfen.
Am 17. Breitengrad sind heute zahlreiche Relikte aus der Kriegszeit, wie z.B. die Tunnelanlagen im damaligen Nordvietnam, in denen die Bevölkerung Schutz vor den US‐amerikanischen Bombardierungen suchte, zu besichtigen. Ich nehme den Besuch zum Anlass, mich ein wenig tiefer in die Geschichte des Vietnamkrieges (auch als „Amerikakrieg“ bezeichnet) einzuarbeiten. Schnell stelle ich fest, dass viele Faktoren im Vietnamkrieg eine Rolle gespielt haben: Kolonialisierung, Verbündete aus dem Ost‐ und Westblock, kalter Krieg, das große China, Kriege in Nachbarländern, usw. Die Zusammenhänge sind etwas komplexer als ich sie vermutet habe. Nachfolgend ein kurzer Erklärungsversuch:
Während des Zweiten Weltkrieges besetzte Japan Vietnam, zog nach der Kapitulation 1945 jedoch seine Truppen wieder ab. Im gleichen Jahr erklärte Ho Chi Minh Nordvietnam für unabhängig. In Südvietnam versuchte Frankreich seine koloniale Vormachtstellung wiederherzustellen, versank jedoch in einem mehrjährigen Krieg mit Widerstandsgruppen (sog. „Viet Minh“), die für ein unabhängiges Vietnam kämpften. Frankreich wurde 1954 besiegt. 1954 markiert damit das Ende der Kolonialherrschaft in Vietnam. Auf der Genfer Konferenz des selben Jahres wurde die Teilung in das nördliche und das südliche Vietnam endgültig besiegelt. Während der Norden (Hauptstadt Hanoi) seine Alliierten in den kommunistischen Ländern fand, wurde der Süden (Hauptstadt Saigon) von den USA und anderen antikommunistischen Ländern unterstützt. Die Unterstützung wurde damit begründet, der Ausbreitung des Kommunismus entgegenzutreten.
In den folgenden Jahren wurde die militärische Präsenz durch amerikanische Truppen verstärkt. Der vermutlich durch die US‐Amerikaner gezielt herbeigeführte Beschuss eines ihrer Kriegsschiffe durch nordvietnamesische Torpedos im Jahr 1964 im Golf von Tonkin wurde als Anlass genutzt, offiziell in den Krieg mit Nordvietnam einzutreten. Die US‐Amerikaner waren hinsichtlich der Truppenstärke und der militärischen Ausrüstung den Nordvietnamesen weit überlegen.
In den Nachbarländern Kambodscha und Laos fanden die kommunistischen Nordvietnamesen Unterstützung – infolgedessen weiteten die US‐Amerikaner ihre Bombardierungen auch auf deren Staatsgebiete aus (ich berichtete darüber in meinem Beitrag zu Kambodscha).
Ab 1968 begann sich das Blatt zu wenden. In der sogenannten „Tet‐Offensive“ („Tet“ ist das vietnamesische Neujahr im Januar) griffen die Nordvietnamesen zahlreiche Städte in Südvietnam an und erreichten auch sensible Einrichtungen der US‐Amerikaner, wie z.B. deren Botschaft in Saigon. Die Großoffensive der Nordvietnamesen zeigte der Welt, dass die US‐Amerikaner den Vietnamkrieg nicht mehr unter Kontrolle hatten. Zudem erreichten zahlreiche Berichte über Massaker und Kriegsgräuel die Weltöffentlichkeit: So wurden weite Teile Vietnams mit Entlaubungsmitteln besprüht, um den nordvietnamesischen Soldaten keine Schutzmöglichkeiten zu geben. Darüber hinaus wurden Gebiete mit Pestiziden besprüht und gezielt vergiftet, um Soldaten der Gegenseite in bestimmte Gebiete zu zwingen.
In den USA und in anderen westlichen Ländern sank die Zustimmung für den Vietnamkrieg rapide. Im Rahmen der sog. „Vietnamisierung“ wurde in den folgenden Jahren die direkte Kriegsbeteiligung durch die US‐Amerikaner schrittweise zurückgefahren, 1973 komplett aufgegeben und den Südvietnamesen die Kriegsführung überlassen. Die Südvietnamesen konnten den Nordvietnamesen jedoch nicht standhalten. Mit dem Fall von Saigon in 1975 endete der Vietnamkrieg. 1976 wurden beide Länder zur „Sozialistischen Republik Vietnam“ vereinigt. Übrigens: Seitdem trägt die 6 Millionen‐Einwohner‐Stadt Saigon den Namen „Ho Chi Minh City“.
Die Folgen des bereits 41 Jahre zurückliegenden Vietnamkrieges reichen bis in die Gegenwart: Weiterhin können in manchen Gebieten wegen vergifteter Böden keine Lebensmittel angebaut werden, Wälder sind abgestorben. Und auch die auffallend vielen Invaliden älterer Generationen zeugen von der dunklen Vergangenheit Vietnams.

Nach dem geschichtlichen Exkurs fahre ich mit dem „Reunification‐Express“, der Ho Chi Minh City mit Hanoi verbindet, weiter gen Norden. An mir ziehen vom Wasser getränkte Reisfelder vorbei. Wie in den anderen Landesteilen auch, fallen mir wieder die extrem langgezogenen, aber schmalen Häuser auf. Angeblich wird die Grundstücksteuer nach der Fassade bemessen und nicht nach Grundstückgröße.
Ich erreiche Hanoi, die ca. 3 Millionen‐Einwohner zählende Hauptstadt Vietnams. Der Verkehr ist hier deutlich dichter als in den anderen besuchten Gegenden. Platz bieten die schmalen, von Platanen gesäumten Straßen Hanois kaum. Links und rechts reihen sich schmucke Altbauten, die sehr häufig verraten, dass sie ihren Ursprung in der französischen Kolonialzeit haben. Im Straßenraum scheint alles ineinander überzugehen: Straßenverkäufer, die in Körben vor Hauseingängen ihre Waren anbieten oder mit quäkenden Lautsprechern durch die Gegend ziehen; die vielen Motorroller; die Streetfood‐Stände und Bierkneipen, auf deren Hockerchen in Kindergröße Einheimische und Touristen Platz nehmen; die Taxifahrer, die einem ständig ihre Dienstleistung anbieten, usw. Auch wenn die Luftqualität ab und zu wünschen übrig lässt, macht dieses Durcheinander Hanoi sehr spannend und lebenswert. Hanoi gehört damit zu den interessantesten Städten meiner Reise.

Rückblick
Mit China als nächstem Reiseziel, verlasse ich geographisch gesehen Südostasien. Vor wenigen Monaten, während meiner Aufenthalte in Thailand und Malaysia, habe ich überlegt, ob ich wie anfangs geplant überhaupt Vietnam (und Kambodscha) bereisen möchte. Nach den Erzählungen anderer Reisender erschienen mir diese Länder zu touristisch und ausgelatscht. Als Alternative hatte ich für die Reise von Thailand nach China den Weg über Laos in Erwägung gezogen. An meinen ursprünglichen Plänen festgehalten zu haben, war die richtige Entscheidung. In Vietnam habe ich tolle Menschen kennen und einiges über die Weltgeschichte gelernt. Tatsächlich werden einige Orte, wie z.B. Hoi An, Sapa im Nordwesten Vietnams oder die Halong Bay sehr stark vom Tourismus geprägt. Doch genauso wie in Myanmar beschränkt sich der (internationale) Massentourismus auf wenige Orte. Den Massen zu entfliehen ist damit relativ einfach.
Ein Wermutstropfen besteht jedoch: In keinem anderen Land auf meiner Reise wurde ich so häufig mit überzogenen Preisen konfrontiert. Während ich diese sonst daran erkennen konnte, dass sie deutlich zu hoch waren, wurden in Vietnam häufig Preise verlangt, die mir als Westler nicht wehtun – und dennoch höher als die für die Einheimischen waren. Die nette Verkäuferin in der Suppenbar, der Apotheker oder die Obsthändlerin hinterließ dadurch ab und an nicht den besten Eindruck. Ich habe mich gefragt, warum das gerade in Vietnam so ist. Der Staat hat es vorgemacht und für ausländische Touristen bis vor kurzem höhere Preise angesetzt (z.B. für Zugtickets). Obwohl dies nun Geschichte ist, halten manche Einheimische an dieser Praxis fest und sehen vermutlich ausschließlich den kurzfristig höheren Umsatz, vergessen jedoch den langfristigen Schaden, der durch negative Mund‐zu‐Mund‐Propaganda entstehen kann. Tourismus ist in Vietnam eben noch ein junges Pflänzchen.

Abschließend noch eine lustige Entdeckung: Alle Vietnamesen feiern am gleichen Tag Geburtstag und werden kollektiv zu Tet – also zu Neujahr – um ein Jahr älter. Der eigentliche Geburtstag spielt dagegen kaum eine Rolle.

Meine aktuelle Reiseroute und meine Reisedaten lassen sich nach wie vor auf Tripline nachvollziehen (www.tripline.net).

 

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