Kambodscha: Zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit (Teil 2)

Categories Große Asienreise, Kambodscha

Fortsetzung des ersten Teils. Zur Erinnerung: In einer sehr nassen, fast nächtlichen Fahrt bin ich durch den Regenwald gerast, habe dabei ominöse Staudämme sowie deren Baustellen passiert und die Nacht bei einer Familie in einer Bananenplantage verbracht. Ich bin nun in einem Örtchen mitten im Regenwald.

Von dem Regenwald, der hier vor einigen Jahren noch stand und der auf den Satellitenbildern von google maps sichtbar ist, ist in der Realität nicht mehr viel zu sehen. Die Regenwälder fielen den Rodungen der Dorfbewohner zum Opfer, den Fluten des Staudammes oder illegalen Holzfällungen. Zwar war der Bau des Staudammes mit Konzessionen zum Roden des Regenwaldes verbunden. Nach der Räumung des für den Staudamm erforderlichen Geländes wurde und wird einfach weiter gerodet. Selbst die Ranger können dagegen nichts aussetzen – das zu überwachende Gelände ist einfach zu groß.
Das, was sich in den Cardamom Mountains abspielt ist in Kambodscha keineswegs ein Einzelfall. Nachdem die Gesetze zum Fällen von Bäumen in den Nachbarländern Thailand und Vietnam angezogen wurden (bzw. es dort keine wertvollen Hölzer mehr gibt) konzentrieren sich die wohlorganisierten Unternehmer auf Kambodscha und sind dabei – wenig überraschend – intensiv mit der Politik und der Verwaltung verwoben.
Ein herausragendes Beispiel für Korruption und Zerstörung von einmaligen Ökosystemen ist der Botum Sakor National Park an der Küste im Süden Kambodschas – einem fast 2000 Quadratkilometer großen Gebiet mit bis zum Jahr 2010 unberührten Mangrovenwäldern, Stränden und Regenwäldern. Unter dem Deckmantel eines 5 Milliarden schweren Tourismusprojekts, das auf urlaubshungrige reiche Chinesen abzielt, räumen chinesische Unternehmer derzeit die Fläche auf einem Drittel des Parks leer. Unterstützung bekommen die Bautrupps von einem kambodschanischen Unternehmer, der Konzessionen für weitere Teile des Nationalparks bekommen hat. Wie mir ein Einheimischer mitteilt, enden solche Projekte häufig damit, dass die Konzessionen nach einer Weile an die Verwaltung zurückgegeben werden. Der Regenwald ist dann längst abgeholzt. Eine Win‐Win‐Situation für Unternehmer und Politiker. Für den Rest nicht.
Die uns in Deutschland meist von Stickern auf Bananen oder eventuell von Stromanbietern bekannten Hinweise auf die akute Gefahr des Verlusts des Ökosystems Regenwald (die dann meist in den Aufruf „Rettet den Regenwald“ münden) sind berechtigt. Nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen Reisenden ruft die Fahrt in den Dschungel und dieser offensichtliche sorgenlose Umgang mit einmaligen Ökosystemen extremen Frust hervor.

Nach diesem emotionalen Dschungelaufenthalt zieht es mich nach Phnom Penh, der ca. 2 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Kambodschas. Phnom Penh birgt eine sehr interessante Mischung aus urbaner Großstadt und übersichtlicher Kleinstadt. Genauso wie in Yangon in Myanmar spielt sich das Leben auf der Straße ab: Straßenstände mit leckerem Essen, Obst‐ und Gemüseverkäufer, Bars und Cafes. Dazwischen tummeln sich Mopedfahrer, mit einer Quitscheente quitschende Dosen‐ und Flaschensammler und Fahrradfahrer. Die Menge wird aufgelockert durch einen leichten Tourismus. Selbst die zahlreichen sog. „Sexpats“ (westliche Männer im mittleren bis höheren Alter auf der Suche nach körperlicher Zuneigung) sind teil dieser Menge und fallen mir nicht wie in Bangkok negativ auf.
Städtebaulich wartet Phnom Penh mit zahlreichen Gebäuden aus der französischen Kolonialzeit auf, die mein laienhafter Blick häufig mit „in gutem Zustand“ oder „in sehr gutem Zustand“ bewertet. Ebenfalls charakteristisch für Phnom Penh ist eine Gebäudestruktur, die fast ohne Hochhäuser auskommt (sog. Low‐rise‐city).
Doch genau das ändert sich im Moment grundlegend. Phnom Penh wird in den kommenden Jahren sein Gesicht komplett ändern. Derzeit schießen Hochhäuser -getrieben durch chinesische Investoren – wie Pilze unkontrolliert aus dem Boden. In einigen Gebieten entstehen momentan Gebäude, die wahrscheinlich in keiner westlichen Stadt gebaut worden wären. Das, was hier kurz vor der Fertigstellung ist, sieht – mit Verlaub – nicht nur richtig sch**** aus, sondern ist – wie mir eine Architektin sagt – absolut nicht state‐of‐the‐art. Eine koordinierte Stadtentwicklung gibt es anscheinend nicht.
Nach etwas Hinschauen und ein paar Gesprächen mit Einheimischen ist erkennbar, wie Einwohner mit niedrigerem Einkommen Schritt für Schritt aus der Innenstadt verdrängt werden. Die Innenstadt verliert damit genau die Schicht, die meiner Meinung nach die Straßen leben lässt. Alte Bausubstanz, die das zu Hause dieser Bevölkerungsschicht war, wird weggebulldozed. Die Menschen werden an den Stadtrand umgesiedelt. Interessanterweise sind kürzlich einige Projekt aufgeschoben (jedoch nicht aufgehoben) worden. Durch die Vernetzung der Bewohner über Social Media und die Unterstützung verschiedener NGO ist die Stadtverwaltung mit ihrem radikalen Vorgehen etwas vorsichtiger geworden.

 

Mein Rückblick

Kambodscha verzeichnet – ausgehend von einer niedrigen Basis – ein sensationelles Wirtschaftswachstum. Bei all dem, was ich während meines Aufenthaltes gesehen habe, ist jedoch offensichtlich, wer von dem Wirtschaftswachstum profitiert. Die Schere zwischen arm und reich wird weiter wachsen.
Kambodscha ist in meiner Wahrnehmung ein Selbstbedienungsladen ohne Kasse. China investiert in Kambodscha mehr als alle anderen Länder zusammen. Als ich mit einem Einheimischen zusammensaß, kamen wir auf Chinas Investitionspolitik zu sprechen. Er verriet mir, dass China mit den Kambodschanern (sinnbildlich) folgenden Deal vereinbart hat: „Wir (China) bringen dir (Kambodscha) Alkohol. Du kannst so viel trinken wie du möchtest. Bezahlen kannst du später. Als Pfand nehmen wir deine Reisfelder.“ Tragischerweise trinken Kambodschas Obere so viel und sind so besoffen, dass sie mittlerweile Kambodschas Ressourcen verspielt haben. Im Volksmund wird China daher auch als „Monster“ bezeichnet. Mit den Investitionen in Kambodscha möchte China primär seine Energie‐ und Ressourcenvorräte sicherstellen und gewinnt durch die dominierende Rolle hinsichtlich der Investitionen mehr und mehr Kontrolle über das Land. Nach meinen Erlebnissen und der Wut der Einheimischen wächst auch in mir eine gewisse Abneigung gegen die Mächtigen und Reichen in China. Ich bin froh, dass ich in wenigen Wochen die Gelegenheit habe, mir ein eigenes Bild von China und von den Leuten machen zu können – und hoffentlich auch andere Seiten von China keannenlerne.
Eine Ursache für den Aufstieg der Khmer Rouge in den 1970er Jahren und dem darauf folgenden brutalen Bürgerkrieg war eine von Korruption durchsetzte Verwaltung und eine eklatante Lücke zwischen armen und reichen Menschen. Von der Geschichte lernen – müsste man meinen. Doch die Entwicklung, die sich in Kambodscha abzeichnet, deutet auf eine weitere Spreizung von arm und reich hin. Die Korruption ist ganz offensichtlich. Bei meiner Führung durch das durch die Khmer Rouge geleitete Gefängnis „S‐21“ frage ich meinen Guide, der die Zeit unter der Herrschaft der Khmer Rouge miterlebt hat, ob er nicht Angst habe, dass sich Geschichte wiederholt. Er sagte: „Ja, die Sorge habe ich.“
Die Hoffnung der Kambodschaner, dass eine Wende durch einen politischen Umbruch geschafft werden kann ist groß. Die Oppositionspartei hat in den letzten landesweiten Wahlen 2013 einen deutlichen Stimmenzuwachs erzielt und war – nach Aussage einiger unabhängiger Beobachter – mit der seit 1979 regierenden Partei (der auch die Verflechtung zur Khmer Rouge nachgesagt wird) fast gleichauf. Oder gewann die Wahl sogar leicht. Die Ergebnisse wurden von der Wahlkommission, die ironischerweise durch die Regierungspartei besetzt wird, anders interpretiert und wieß der Opposition weiterhin die Oppositionsbank zu. Derweil sucht die Regierungspartei rat in China und Russland, wie mit der Opposition umzugehen ist… . 2018 stehen die nächsten Wahlen an.

Übrigens – zum Abschluss noch eine schöne Botschaft: Kambodscha ist definitiv im engeren Kreis der Länder, denen ich den Preis „Land of Smiles“ geben würde. Neben dem Lächeln fiel mir insbesondere die Freundlichkeit der Khmer auf – ein Grund viele Khmer als „großartig“ zu bezeichnen. Und das „Hello“ der strahlenden Kinder vertreibt ganz gewiss alle Sorgen des Tages.

 

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