Malaysia (2. Aufenthalt): Wie der Sultan zu seiner Kohle kommt – und andere Geschichten

Categories Große Asienreise, Malaysia

Praktisch wäre es, wenn eine öffentliche Personenfähre zwischen Singapur und Kambodscha bzw. Vietnam – grob gesehen meine nächsten Reiseziele – geben würde. Trotz des kurzen Seewegs über den Golf von Thailand gibt es diese nicht und um auf dem Landweg dorthin zu kommen, muss ich wieder nach Malaysia und nach Thailand zurück. Ohnehin gibt es in Malaysia noch viel zu bestaunen – daher freue ich mich auf meinen zweiten Besuch.

Meine erste Station ist Melaka, eine Stadt, die wegen des intensiven Handels durch Chinesen, Inder, Portugiesen und einigen mehr zu Ruhm und Reichtum gelangte. Von dieser glorreichen Zeit zeugen auch heute noch viele Gebäude Melakas. Wegen der historischen Bedeutung hat Melaka den Weltkulturerbe‐Status verliehen bekommen.
Was ich zu Gesicht bekomme ist jedoch mehr als enttäuschend: Die Altstadt wird erdrückt von Souvenirshops, vom Pkw‐Verkehr, der sich durch die engen Straßen staut, von den aufgepimpten Fahrradrickshaws, die mit laut aufgedrehten Bässen durch die Gegend rasen. Auf den Straßen kann man wegen des Verkehrs kaum laufen – geschweige denn atmen. Direkt am Rande der Altstadt tun sich billige Shoppingmalls auf. Im weiteren Umkreis der Altstadt befinden sich noch mehr Shoppingmalls – mit noch mehr Verkehr. Der Stadtbus (eine einzige Linie mit einem einzigen Bus – für eine Stadt mit rund einer halben Million Einwohnern) steht fortwährend im Stau und ist so gut wie nutzlos. Eine intelligente Stadt‐ und Verkehrsentwicklung erkenne ich nicht. Meine Sympathiewerte für Melaka steigen ebenfalls nicht durch die riesigen „Propaganda‐Plakate“, die die Straßen im gesamten Stadtgebiet säumen: „Don’t mess with Melaka“ steht dort in großen Lettern geschrieben. Was soll ich aus dieser Botschaft mit leicht aggressivem Unterton ableiten? Eine Antwort finde ich nicht.
Ich würde den Abstecher nach Melaka mit den zwei Tagen, die ich dafür aufgebracht habe bereuen, wenn ich nicht alte Freunde getroffen hätte: Karina und Harijs, die ich in Pakistan kennen gelernt habe. Und wenn ich nicht neue Freundschaften mit anderen Reisenden geschlossen hätte: eine pakistanische Gruppe Studierender, die mir unglaublich viel Lust gemacht hat, bald wieder nach Pakistan zu fahren sowie ein Pärchen aus Hongkong, das mir sehr viele Tipps für meine Reise durch China gegeben hat.
Nicht nur Melaka hat es versäumt, die Stadt anhand moderner und nachhaltiger Maßstäbe zu entwickeln. In auffallend vielen malaysischen Städten auf meiner Reise bietet sich das gleiche Bild: Shoppingmalls am Stadtrand mit riesigen Parkplätzen, heruntergekommene und verwaiste Stadtzentren, ein enormer Verkehr mit Fahrzeugen und Mopeds aus malaysischen Schmieden, die auf europäischen Straßen wegen eines zu hohen Schadstoffausstoßs und Lärm‐Emmissionen niemals zugelassen werden würden.
Generell zeigen sich die Straßen fast menschenleer – insb. im Vergleich zum bunten Myanmar und auch dem weitgehend lebendigen Thailand. Günstiges Öl und eine nicht durchdachte Stadt‐ und Verkehrsentwicklung haben scheinbar zu einer frühzeitigen Motorisierung geführt – und zu Städten, die nun wenig Aufenthalts‐ und Lebensqualität bieten.

Ich suche mein Glück nach einer etwas erholsameren und vor allem gesünderen Umgebung im ländlichen Raum und fahre in die Cameron Highlands etwa 200 Kilometer nordöstlich von Kuala Lumpur. Tatsächlich bieten die Highlands mit ihren Teeplantagen einen atemberaubenden Anblick. Wie ein immergrüner Teppich bedecken die Teebüsche die Berge, dazwischen fügen sich Gewächshäuser. Die nächtlichen Temperaturen sind eine Genugtuung: rund 23 Grad – schlafen, ohne schwitzen zu müssen! Das hatte ich schon seit drei Monaten nicht mehr.
Auch hier in den Highlands entkomme ich den Belastungen des Verkehrs nicht. Es ist Wochenende und somit bin ich nicht der Einzige, der einen Ausflug in die Highlands machen möchte. Durch die Täler stauen sich Unmengen an Fahrzeugen. Weil zudem die Orte wegen ihres unkontrollierten Wachstums (hässliche Hochhäuser inmitten des Regenwalds) nicht unbedingt einen schönen Anblick abgeben, nehme ich Reißaus.
Am Abend im Nachtzug treffe ich auf meine Rettung: Theresline. Eine Intensivsportlerin aus Kuala Lumpur, die alle möglichen Gipfel besteigt und Malaysia wie ihre Westentasche kennt. Sie versteht, wonach ich mich sehne und gibt mir einige Tipps, was ich mir anschauen sollte.
Ich stelle kurzerhand meine Reisepläne um und folge ihren Vorschlägen. Ich besuche zunächst die riesige Höhle „Gua Temperung“, die irgendwo im Nirgendwo bei Ipoh versteckt liegt und einige Superlative hinsichtlich Länge, Höhe und Tiefe aufweist. Anschließend mache ich einen Schlenker über das Städtchen Kuala Kangsar, in dem der Sultan von Perak seinen Wohnsitz hat. Die hoheitliche Bedeutung des Örtchens ist offensichtlich: Die Straßen sind wie geleckt, in parkähnlichen Gärten liegen schicke Häuschen versteckt. Selbst der 2015 eröffnete, neu erbaute Bahnhof verdeutlicht mit seiner ausgefallenen Architektur den islamischen Hintergrund des Landes. Ich steige in den Zug und komme nach ca. 15 Minuten Fahrtzeit in Taiping an, einer Stadt, die vor allem wegen ihrer Wassergärten (Lake Gardens) und der nahegelegenen britischen Hillstation „Maxwell Hill“ bekannt ist.
Bei meiner Erkundungstour am nächsten Tag treffe ich auf Ben und Eva, die mich lustigerweise am Vortrag auf dem Weg zur Gua Temperung‐Höhle gesehen haben. Ben, der in der Region aufgewachsen ist, hat ein besonderes Schmankerl bereit und bringt mich nach Kuala Sepetang, einem Örtchen etwa 20 Kilometer westlich von Taiping. Als ich die Autotür öffne traue ich meinem Geruchssinn nicht: geräucherte Salami!? Ich bin doch in einem muslimischen Land. Dass hier Salami verarbeitet wird ist sehr unwahrscheinlich. Nein, hier wird Holzkohle (englisch „Charcoal“) hergestellt! Umgeben von dichten Mangrovenwäldern mit dem Mangrovenholz als wichtigen Rohstoff für die Herstellung, hat sich Kuala Sepetang als Zentrum zur Herstellung von Holzkohle mit zahlreichen kleinen und mittelgroßen Fabriken etabliert. Der Herstellungsprozess ist einfach, dauert jedoch lange: Die auf etwa Körperlänge zugeschnittenen Stämme der Mangrovenbäume werden in einem kugelförmigen Hochofen aufgestellt. Am Ofenmund wird ein Feuer entfacht. Durch diese Wärme wird den Mangrovenstämmen die Feuchtigkeit entzogen. Ist das Feuer groß, sind die Stämme nach 15 Tagen „durch“, ist das Feuer klein, dauert es 20 Tage. Anschließend wird die Öffnung zugemauert. Der Ofen kühlt für etwa 10 Tage aus. Eine Ofenladung ergibt ca. 15t Holzkohle, die für etwa 3.750 EUR (1 kg = 1 Ringit = 0,25 EUR) verkauft wird. Zielländer sind unter anderem Japan und Deutschland.
Bei meinem Spaziergang durch die Fabriken werden in mir bekannte Gefühle wach, nämlich die, die ich beim Besuch der Lederfabriken in Bangladesch hatte: Die Luft ist geschwängert von so vielen Schadstoffen, dass man diese fast greifen kann. Die Arbeit hier ist derart gesundheitsschädlich, dass sie wahrscheinlich niemand aus unserer Gesellschaft machen würde – dennoch arbeiten hier Menschen, insb. viele Pakistaner. Mit bloßen Händen und ohne Atemmaske. Sie freuen sich über meinen Besuch und erläutern mir den Herstellungsprozess.
Wegen der zahlreichen Attraktionen und der netten Begegnungen mit den Menschen in Taiping bleibe ich länger als ich ursprünglich vorhabe.

Je weiter ich nun in den Norden Malaysias vordringe, umso mehr habe ich mich an Malaysia satt gesehen. Ich plane meine Weiterreise nach Thailand. Da mich ein erneuter Besuch von Thailands muslimischen Süden reizt, schlage ich nicht den Weg entlang der Westküste (Provinzen Penang und Perlis) ein, sondern den durch die Berge (Provinzen Perak und Kelantan). Fast auf dem Weg liegt auch die Universität der Abenteuer‐Studis, mit denen ich in Kelantan den Wasserfall erklommen habe. Ein nochmaliges Abschiednehmen wäre klasse. Wie ich nach Verkündung meiner Idee merke, würde sich auch die Gruppe riesig freuen. Zufällig fällt mein Besuch mit einem Jubiläum des Jahrgangs zusammen. Beides wird mit einer Präsentation über die Wanderung, mit einem weiteren Unterhaltungsprogramm und mit viel Essen zelebriert. Einen tolleren (temporären) Abschied kann es nicht geben.

 

Mein Rückblick

Unter Malaysia hatte ich mir ein modernes und fortschrittliches Land vorgestellt, das sich der Bedeutung seiner einzigartigen natürlichen Ressourcen bewusst ist und diese bei seinem wirtschaftlichen Handeln angemessen berücksichtigt. In weiten Teilen habe ich ein anderes Malaysia erlebt: Agrar‐, Siedlungs‐ und Verkehrsflächen nehmen unkontrolliert zu, einzigartige Ökosysteme verschwinden für immer. Die Luft‐ und Lärmbelastungen für Menschen, insb. in den Städten, sind enorm. Warum fällt mir das gerade in Malaysia auf? In meinen vorher bereisten Ländern ist die Situation nicht unbedingt besser, sondern – wie in Bangladesch – sogar schlimmer. Dort jedoch stehen wegen der Armut andere Probleme im Vordergrund. Malaysia jedoch gehört zu den eher entwickelten Ländern mit einem hohen Bildungsniveau. Daher hätte ich vermutet, dass solche Fehlentwicklungen schneller erkannt werden und angemessene Maßnahmen ergriffen werden.

Abseits dieser Erfahrungen habe ich in Malaysia sehr, sehr viele schöne Momente erlebt, die insbesondere von den Malaysiern, die ich unterwegs traf, ausgingen. Ich habe vielerorts eine großartige Gastfreundschaft genießen dürfen, warmherzige Menschen, für die es eine Ehre war, mich als Gast zu haben. Sie waren interessiert daran, wo ich herkomme, was ich tue. Aufdringlichkeit habe ich nie verspürt. Ich habe viele Menschen kennen gelernt, bei denen ich mir sicher bin, dass ich mit ihnen auch in Zukunft Kontakt haben werde – oder, dass ich bei einem erneuten Malaysia‐Besuch bei ihnen willkommen wäre.

Ich verlasse nun Malaysia, erkunde nochmals ein wenig den muslimischen Süden Thailands, fahre dann mit dem Nachtzug nach Bangkok und von dort an die etwa 250 Kilometer entfernte Grenze zu Kambodscha. Der nächste Beitrag widmet sich dann meinen Erlebnissen in Kambodscha.

 

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