Singapur: Wie erwartet – und doch völlig anders

Categories Große Asienreise, Singapur

Nach den äußerst spannenden Erlebnissen in den weniger entwickelten Ländern wie Bangladesch und Myanmar, den hingegen vergleichsweise eher mäßig interessanten Momenten im entwickelten Thailand habe ich lange überlegt, ob ich wirklich nach Singapur fahren möchte. Durch Shoppingmalls schlendern, wo die Schilder von Chanel, Gucci und Co. leuchten? Diese Shoppingmall‐Welt repräsentiert bei weitem nicht das reale Leben der meisten Menschen auf dieser Erdkugel – und ist für mich daher von geringerem Interesse. Allerdings: Ich bin unterwegs, um Vorurteile abzubauen, und dazu gehört auch zu schauen, wie Menschen in der Ersten Welt leben. Wer kennt schon einen Singapurer? Also, auf nach Singapur!

Singapur ist eine Insel mit rund 5,5 Millionen Einwohnern. Die Möglichkeiten auf dem festen Landweg nach Singapur einzureisen sind überschaubar. Es gibt genau zwei: den „Second Link“ und den weitaus bedeutenderen „Causeway“. Sie stellen die Verbindung zwischen Singapur und Johor Bahru, der mit 1,3 Millionen Einwohner zählenden, zweitgrößten Stadt Malaysias (siehe vorheriger Beitrag) am anderen Ufer her. Auf beiden Routen pendeln täglich tausende von Menschen. Wer an eine unkompliziert zu querende Grenze denkt – wie wir es in Europa, insb. im Schengenraum, gewöhnt sind – der irrt sich gewaltig. Die Grenzen sind hochgesichert. Als ich den Causeway (mit dem Zug) überquert habe und in Singapur am Checkpoint „Woodlands“ ankomme, stehen mir an der Immigration mehrere mit MG ausgestattete Männer und Frauen gegenüber. Eine derartige Präsenz von Uniformierten zur Sicherung der Landesgrenzen hatte ich zuletzt an dem Übergang Pakistan/Indien. Auch eine Vorzugsbehandlung bei der Immigration für mich als deutschen Staatsbürger gibt es nicht. Genau wie jeder andere muss ich eine Registrierungskarte ausfüllen und angeben, woher ich komme, bei wem ich wie lange bleibe und wohin ich nach meinem Singapuraufenthalt reise. Nach ca. 15 Minuten sind alle Formalitäten erledigt. Ich trete in das reale Singapurer Leben.

Überraschend ist in den ersten Stunden erstmal nichts, denn vieles ist genauso, wie ich es mir vorgestellt habe: schicke Hochhäuser, Shoppingmalls en masse, sauberer öffentlicher Raum und viele Schilder, die bei Verstößen gegen dieses oder jenes horrende Strafen androhen.
Verwundert bin ich nach kurzer Zeit über das Preisniveau: Viele Besucher meinen, dass Singapur teuer wäre. Doch die Preise für die Produkte oder Serviceleistungen, die mich als Touristen interessieren, liegen nicht über denen in Deutschland. Einige Beispiele:

  • Hauptgericht in einem Foodcourt einer gewöhnlichen Shoppingmall: 5,90 SGD (ca. 4 EUR)
  • Übernachtung in einem durchschnittlichen Hostel: 15 SGD (ca. 10 EUR)
  • 1 Tag lang kreuz und quer mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren: 7 SGD (ca. 4,70 EUR)

Vieles ist darüber hinaus gratis, wie z.B. die Toilettennutzung. Oder das Trinkwasser, das gefiltert aus dem Wasserhahn kommt (Singapur ist das erste Land auf meiner Reise, in dem Leitungswasser ohne Bedenken trinkbar ist). Wer dagegen auf Exklusivität steht, der darf tatsächlich etwas tiefer in die Tasche greifen. Die Pizza in einem schicken Restaurant kann dann rund 23 SGD (rund 15 EUR) kosten.

Das, was Singapur eigentlich ausmacht, wird mir nach einigen Tagen Aufenthalt deutlich: Auch wenn vieles (architektonisch) außergewöhnlich ist, wirkt es doch nicht übertrieben, sondern fügt sich harmonisch in das Gesamtbild ein. Die verschiedenen Stadtviertel gehen scheinbar nahtlos ineinander über, so z.B. Chinatown und das von imposanten Hochhäusern dominierte Financial District.
Auffallend ist auch, dass Singapur im Vergleich zu anderen Großstädten keineswegs überfüllt wirkt – obwohl Singapur zu den Gebieten mit der höchsten Bevölkerungsdichte dieser Erde gehört. In meiner Wahrnehmung sind die öffentlichen Plätze angenehm belebt. Ja, es herrscht geradezu eine entspannte Atmosphäre. Z.B. im Financial District, wenn sich nach dem Feierabend die Kollegen aus den Hochhäusern treffen, in Gruppen entlang der Marina Bay joggen und sich gegenseitig zum Sprint oder zu Liegestützen auffordern. Die, die auf einen sportlichen Workout keinen ganz so großen Wert legen, treffen sich zum Afterworkdrink in einer der zahlreichen Gastronomiebetriebe im Financial District oder in der Nähe.
Bei meinen Erkundungstouren in die, vorwiegend dem Wohnen vorbehalten, äußeren Viertel der Insel, verfestigt sich mein Eindruck des abgestimmten Singapurs. Die Regierung rechnet damit, dass im Jahr 2030 zwischen 6,5 und 6,9 Mio. Einwohner in Singapur leben. Um das Bevölkerungswachstum zu bewältigen, werden neue Wohngebiete erschlossen und Häuser in die Höhe gezogen. Bemerkenswert ist, dass die Infrastruktur, die zum Leben erforderlich ist, in den designierten Wohngebieten bereits vorhanden oder in der Fertigstellung ist, bspw. Einkaufszentren oder der Anschluss an den spurgebundenen öffentlichen Nahverkehr.
Nun könnte man meinen, dass die isolierte Lage und die Unabhängigkeit von Nachbarländern das Treffen von Entscheidungen und die Stadtentwicklung deutlich vereinfacht. Diese Weitsicht, die Regierung von Singapur zeigt, ist jedoch vorbildlich. Die Verwaltung in Singapur gehört zweifelsohne zu den effizientesten.

Doch die Unabhängigkeit, die zunächst ein Vorteil zu sein scheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen hinsichtlich der Lebensqualität als Nachteil. Das normale Leben eines Singapurer besteht im Grunde nur aus Wohnen und Arbeiten: morgens aus den Wohngebieten in die Innenstadt zur Arbeit fahren und abends (ggf. nach dem Workout mit den Kollegen) nach Hause. Die Freiheiten, schnell dem Alltag zu entfliehen, sind deutlich limitierter als wir sie im großen Deutschland genießen dürfen. Zwar gibt es auf der Insel Zoos, botanische Gärten, wilde Dschungel und künstliche Funparks. Die größeren Freiheiten sind jedoch damit verbunden, am Wochenende bei einem Ausflug nach Malaysia auf dem Causeway stundenlang im Stau zu stehen, die Immigration über sich ergehen zu lassen oder einen Flug zu nehmen.
Selbst die schönen, neuen Hochhäuser in den äußeren Wohngebieten sind keine Entschädigung. Einerseits, weil Wohnen in Singapur sehr teuer ist (rund 700 SGD/470 EUR für ein Zimmer ohne Bad – bei einem Lohnniveau, das im Durchschnitt unter dem deutschen liegt). Andererseits, weil durch die Masse der Hochhäuser die Wohngebiete doch wieder Ghettos entsprechen – Gebiete, die mit Berlin‐Marzahn mithalten können.
Auch Errungenschaften, wie das hervorragende Bildungssystem, schaffen zunehmend Probleme. Nach den Worten eines Einheimischen schafft sich Singapur selbst ab. Das Land leidet unter massivem Brain‐Drain: Singapur produziert massenhaft gut ausgebildeten Nachwuchs. Wegen der – abseits der Finanzbranche – beschränkten Arbeitsplätze und der begrenzten Freiheiten im privaten Bereich wandern jedoch viele junge Akademiker aus und suchen ihr Glück in anderen Ländern, wie z.B. in Kanada.
Darüber hinaus fehlt es in Singapur – ebenfalls wegen des guten Bildungssystems – an Arbeitskräften im niedrigen Lohnbereich. Singapur ist dringend auf Zuwanderung angewiesen. Für viele Bangladeschis, Inder, Pakistaner und Myanmarer ist es ein Traum, in Singapur arbeiten zu dürfen. Folglich kommen sie in Scharen mit einem auf maximal 2 Jahre ausgelegten Arbeitsvisum. Genau diese Entwicklung sorgt wegen des wachsenden Einflusses von außerhalb und der sozialen Unterschiede für wachsenden Unmut unter der ständigen Bevölkerung.

Eine weitere Sorge treibt die Menschen um: Singapur hat Angst – Angst davor, von den deutlich größeren Nachbarn Malaysia und Indonesien angegriffen zu werden. Die Landesverteidigung genießt daher einen hohen Stellenwert, erkennbar schon allein daran, dass über der Strait of Singapore fortwährend Militärjets auf‐ und absteigen. Auch das normale Leben der Singapurer wird in verschiedenen Formen vom Ernstfall beeinflusst, sei es, dass alle männlichen Singapurer einen 2‐jährigen Wehrdienst durchlaufen müssen oder alle Wohnungen über Schutzräume verfügen. Übrigens: Alle Stationen der Schnellbahnen (MRT) werden auch deswegen unterirdisch angelegt, um bei Luftangriffen der Bevölkerung Schutz bieten zu können.
Die Unsicherheit und Unzufriedenheit der „normalen“ Bevölkerung spüre selbst ich bei meinen Erkundungstouren auf der Insel. Bekanntermaßen messe ich Glücklichkeit immer am Lächeln. Doch davon nehme ich in Singapur nicht so viel wahr, wie ich es in einem Land der Ersten Welt vermuten würde. Mittlerweile nicht mehr ganz überraschend: Die, die am Wenigsten haben – nämlich die Gastarbeiter aus Bangladesch und Co. – lächeln in Singapur am meisten.

 

Fazit

Vor meinem Singapur‐Aufenthalt habe ich von einem begeisterten Singapur‐Besucher die fordernde Frage gehört: „Warum kann es bei uns in Deutschland nicht so schön sein wie in Singapur?“ Mittlerweile kann ich die Gedanken nachvollziehen und stimme teilweise zu. Tatsächlich ist vieles schön – nicht weil es einfach da ist, sondern weil es durchdacht und mit dem Rest abgestimmt ist. Und es funktioniert. Diese visuelle Schönheit geht jedoch einher mit einer radikalen Beschneidung persönlicher Freiheiten, die wir uns als Urlauber nicht bewusst sind. Die Schönheit wird dabei unter Umständen teuer erkauft – nämlich schon dann, wenn man in öffentlichen Verkehrsmitteln einen Schluck aus der Wasserflasche nimmt. Als ich unwissentlich in der MRT trinke, schüttelt mein Couchsurfing‐Gastgeber seinen Kopf und weißt mich darauf hin, dass ich das besser nicht tun solle. Wäre ich erwischt worden, wäre ich um 500 SGD (ca. 330 EUR) ärmer.

 

Exkurs (für die Verkehrsinteressierten): Öffentlicher Nahverkehr in Singapur

Unbestritten: Singapur besitzt aus Kundensicht einen hervorragenden öffentlichen Nahverkehr – eines der besten Systeme, die ich bislang genutzt habe. Öffentliche Verkehrsmittel in Singapur zu nutzen macht Spaß, denn auch für Kunden, die sich in Singapur nicht auskennen, ist die Fahrt kinderleicht und bequem. Dazu tragen bspw. folgende Faktoren bei, die im deutschsprachigen Raum meist selbstverständlich sind, nicht jedoch in den kürzlich bereisten Ländern:

  • physische Verknüpfung von Bus und spurgebundenen Verkehrsmitteln und (meist) kurze Umsteigewege zwischen verschiedenen Linien,
  • sehr klare Beschilderung von Umsteigewegen und Darstellung der Umgebung durch Lagepläne,
  • Verkehrsmittel‐ und Verkehrsunternehmens‐ übergreifendes Ticketing
  • angenehme Atmosphäre in den Warte‐ und Übergangsbereichen – ohne dabei zu stark auf architektonische Highlights abzustellen,
  • barrierefreier Zugang zu Verkehrsmitteln und Stationen und Sicherstellung der Funktionalität (während meines fünftägigen Aufenthalts ist mir kein Fahrstuhl und keine Rolltreppe aufgefallen, die außer Betrieb ist),
  • angenehme Klimatisierung der Fahrgasträume (keine Eisschränke wie z.B. in Bangkok).

Dass an den Haltestellen keine konkreten Abfahrtszeiten, sondern nur die Taktzeiten kommuniziert werden, tut meiner Euphorie wegen der kurzen Intervalle (Metro/MRT rund 3 – 5 Minuten, Bus max. 20 Minuten) und wegen der Zuverlässigkeit des Systems keinen Abbruch.
Verbesserungsbedarf besteht jedoch bei der Fahrgastinformation in Bussen (keine automatische Ansage, kein Linienband). Die richtige Ausstiegshaltestelle zu identifizieren ist daher in hohem Maße von der Freundlichkeit des Busfahrers abhängig.
Übrigens hätte das ÖV‐System in Singapur mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit ganz anders aussehen können. Ursprünglich stand der Gedanke im Raum, ausschließlich Busse einzusetzen. In Anbetracht des beschränkten Platzes auf der Insel (und der bereits oben genannten Absicht, der Bevölkerung im Ernstfall Schutz bieten zu können) entschied man sich in den 1980er Jahren für weitestgehend unterirdisch verlaufende, spurgebundene Verkehrsmittel als Rückgrat des öffentlichen Verkehrs.
Letztlich noch eine interessante Notiz: Alle MRT‐Linien fahren vollautomatisch. Interessanterweise müssen jedoch auf den beiden erstgebauten, oberirdisch verlaufenden Linien bei Regen Fahrer eingesetzt werden.

 

 

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