Malaysia (1. Aufenthalt): Neuigkeiten aus dem Paradies und dem nicht mehr ganz so dschungligen Dschungel

Categories Große Asienreise, Malaysia

Die Fährfahrt von Thailand nach Malaysia ist kurz – gerade mal 5 Minuten dauert es, den Sungai Golok‐Fluss zu queren. Wir legen in Malaysia an. Ich durchlaufe die Immigration, die Beamte stempelt meinen Pass. 90 Tage Aufenthalt werden mir genehmigt, erneut ohne Visakosten. Malaysia ist damit noch großzügiger als Thailand mit seinen 30 Tagen.

Bis zur nächsten größeren Stadt und meinem heutigen Reiseziel Kota Bharu, der rund 500.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Provinz Kelantan sind es noch ca. 30 Kilometer. Bislang habe ich nur einen groben Plan, was ich in Malaysia anschauen möchte. Ganz oben auf meiner Liste steht, meinen brasilianischen Kumpel Guilherme zu treffen, mit dem ich in Bangladesch viel Zeit verbracht habe. Um seine Reisekasse aufzufüllen arbeitet er derzeit in einem Resort auf der Insel Pulau Kapas, etwa 200 Kilometer entfernt von Kota Bharu. Da Guilherme immer wieder betont, wie paradiesisch die Insel wäre und dass ich nun endlich kommen solle, wähle ich Pulau Kapas als meine erste Station. Guilherme behält recht. Die Insel lässt sich tatsächlich kurz und knapp mit dem Wort „Paradies“ umschreiben: Nach der 15‐minütigen Überfahrt durch türkisblaues Wasser setzt das Boot die Passagiere direkt auf dem hellen Sandstrand vor ihrer Unterkunft ab. Hinter den Bungalows und auf dem Rest der Insel erstreckt sich Dschungel. Eine Straße gibt es nicht – und damit auch keine Mopeds und Autos.
Es ist klasse, Guilherme wiederzusehen. Viele prägende Momente in Bangladesch, wie z.B. die Fahrt auf dem Zugdach oder Schifffahrten, haben wir gemeinsam erlebt.
Mit der Zeit erweitert sich unsere Gruppe zu einer multinationalen Truppe aus Franzosen, Malayen, Deutschen und eben einem Brasilianer. Lieblingsbeschäftigung: Die Küche im Strand‐Restaurant des heimischen malayischen Kochs kapern, selber Gemüse schnippeln und unter Anweisung kochen.

Nach so viel Paradies bekomme ich nach einer Weile wieder Lust auf das wahre Leben auf dem Festland. Ich fahre zurück nach Kota Bharu, um von dort mit dem sog. „Jungle Train“ in den wilden Dschungel im Herzen der malaysischen Halbinsel vorzudringen. Weit komme ich jedoch mit dem Zug nicht. Das Hochwasser im Dezember 2014 hat nicht nur die Dörfer in der Region untergehen lassen, sondern auch Teile der Verkehrsinfrastruktur mitgenommen. Die Strecke ist auf den nächsten 100 Kilometern nicht befahrbar. Ich muss damit vorlieb nehmen, am vorläufigen Endpunkt im abgeschiedenen Dörfchen Dabong auszusteigen.
Ich plane nur einen kurzen Zwischenstopp ein, denn ich möchte am nächsten Tag irgendwie durch den Dschungel zur nächstgrößeren Stadt mit funktionierendem Bahnanschluss weiterkommen. Recht schnell wird mir jedoch klar, dass es sich durchaus lohnt, hier länger zu bleiben. Erstens ist das Dorf selbst schon eine Attraktion: übersichtlich, freundliche Leute, nach dem Hochwasser herausgeputzte Häuser, Straßen, die von Blumen gesäumt werden, eine kleine Moschee, von deren Minarett mehrmals am Tag der Muezzin ruft. Zweitens verspricht die Umgebung allerhand Potenziale für Abenteuer: hohe Berge mit Wasserfällen, Höhlen und große Flüsse. Auf den ersten Blick erinnert mich die Landschaft sehr stark an die in British Columbia in Kanada.
Mein Gastgeber braucht nicht lange, um mich davon zu überzeugen, doch länger zu bleiben. Noch am selben Tag bringt er mich zu den Höhlen und einer Gruppe weiterer Abenteurer, die an der Universität der Provinz Kelantan „Natural Resources“ studieren und in der Wildnis einige Experimente durchführen. Sofort werde ich in die Gruppe integriert, mir die Experimente vorgestellt (z.B. Filmen von Wildtieren) und ich zum gemeinsamen Essen eingeladen. Am nächsten Tag erklimmen wir einen Wasserfall, führen im Dschungel weitere Experimente durch und kühlen uns anschließend am Wasserfall ab. Ich bin sehr fasziniert von der Offenheit und Gastfreundlichkeit, die mir von der ca. 60‐köpfigen Gruppe entgegen gebracht wird. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich auf einer Exkursion irgendwo – bspw. im Erzgebirge wäre – und meine Gruppe auf einen Malaysier treffen würde. Was würde passieren?
Die Zusammensetzung der Gruppe spiegelt recht gut die Vielfalt der malaysischen Bevölkerung wieder. In Malaysia gibt es drei ethnische Gruppen: Malaysier indischer Abstammung, Malaysier chinesischer Herkunft sowie die muslimischen Malayen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung sind Malayen. In den verschiedenen Regionen Malaysias sind indische und chinesische Malaysier mal mehr oder mal weniger vertreten. In der Hafenstadt Johor Bahru im Süden Malaysias bspw. ist der Anteil der Malaysier chinesischer Abstammung wegen des internationalen Handels und der traditionell geschäftstüchtigen Chinesen deutlich höher als in einem beliebigen Ort irgendwo im Dschungel.
Dieser Bevölkerungsmix mit unterschiedlichen Religionen und Bräuchen ist keineswegs unproblematisch. Soziale Abgrenzung war und ist an der Tagesordnung. Um dieser Problematik zu begegnen wurde 2010 die Initiative „1Malaysia“ ins Leben gerufen, um in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens eine stärkere Integrität und Einheit des Landes zu erzielen, so z.B. durch mehrsprachige Fernsehsendungen oder durch Darsteller unterschiedlicher Ethnien. Sechs Jahre nach Einführung dieser Kampagne streitet man darüber, ob sie tatsächlich etwas genutzt hat oder ob sie vielmehr ein Mittel des Ministerpräsidenten war, bei den Minderheiten auf Stimmenfang zu gehen.

Nach dem herzlichen Einstieg in die malaysische Kultur durch die Wandergruppe setze ich meine Reise fort. Anstelle mit dem Zug geht es nun mit dem Bus durch das Landesinnere der malaysischen Halbinsel. Von Dschungel, den ich an diesen wenig besiedelten Orten des Landes vermutet hätte, ist wenig bzw. eigentlich gar nichts mehr zu sehen. Stattdessen erstrecken sich links und rechts riesige Monokulturen an Palmtree‐Plantagen, die ab und zu von Rubbertree‐Plantagen abgelöst werden. An diesem Landschaftsbild ändert sich auch auf den weiteren 500 Kilometern quer über die malaysische Halbinsel bis an den südlichsten Zipfel weitestgehend nichts. Ohne Zweifel: Malaysia gehört zu den größten Produzenten von Palmöl. Malaysia, das ich sonst mit weitgehend unberührter Natur und Tigern in Verbindung gebracht habe, hat diese Wildnis in den letzten Jahrzehnten gegen einen Wirtschaftszweig mit vermeintlich höherem finanziellen Ertrag eingetauscht. Dieses „Phänomen“ der rapiden Vergrößerung von Palmtree‐Plantagen betrifft nicht nur Malaysia, sondern auch das benachbarte Indonesien. Ironischerweise beschweren sich die Malaysier über die Indonesier, denn wegen der Brandrodungen wird Malaysia häufig regelrecht eingenebelt. Ich mache mich ein wenig schlau, wie Palmöl hergestellt wird und wofür es verwendet wird. Erstaunlich, Palmöl ist in vielen Produkten enthalten: Keksen, Margarine, Zahncreme, Waschmittel, etc. Kennzeichnungspflichtig ist es nicht. Auch wenn die Palmtree‐Plantagen ca. 10.000 Kilometer von Deutschland entfernt sind, sind sie doch recht nah an unseren Haushalten. Dabei ist Palmöl grundsätzlich nicht zu verdammen: Palmöl ist gesund und im Vergleich zu pflanzlichen Ölen erzielen die Palmöl‐Plantagen bezogen auf die Anbaufläche einen höheren Output.

Ich tauche aus meinem immer‐grünen Wald – auch wenn es nur Palmen sind – auf und erreiche Johor Bahru, die südlichste und zweitgrößte Stadt Malaysias. Singapur ist in Sichtweite. Es ist Sonntag, viele Singapurer nutzen ihren freien Tag und durchströmen die Shoppingcenter im günstigeren Malaysia. Um nicht im Rückreiseverkehr hängen zu bleiben, verweile ich noch ein bisschen in Johor Bahru. Ich mache mich bereit für meinen Sprung am nächsten Tag in das Nachbarland.

Der kommende Beitrag widmet sich meinen Erlebnissen in Singapur. Nach Singapur kehre ich nach Malaysia zurück. Der zweite Teil meiner Malaysia‐Erfahrungen folgt daher auf meinen Singapurbericht.

 

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