Made in Bangladesh (Teil 1)

Categories Bangladesch, Große Asienreise

Schonmal nachgeschaut, wo Ihr bzw. dein T‐Shirt hergestellt wurde? Oder Ihre bzw. deine Schuhe? Steht da vielleicht „Made in Bangladesch“. Neben China versorgt Bangladesch die Welt mit Textilien. In und um Dhaka reihen sich Fabriken an Fabriken. Mich reizt es, in diese Schmieden einen Blick zu werfen. Stimmt das Bild von menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen? Gibt es Kinderarbeit? Ich klopfe an verschiedene Fabriktüren an und bin überrascht. In fast alle Fabriken, an deren Tore ich klopfe, werde ich reingelassen. Auch abseits des Textilbusinesses gibt es in Bangladesch viel Industrie zu entdecken. Nachfolgend mein Rundgang.

Lederindustrie
In einem westlichen Stadtviertel von Dhaka geht es nur um eins: um Leder. Es reiht sich eine Lederfabrik an die nächste. Große und kleine Fabriken. Davon, was in den Fabriken abgeht, verrät auf den Straßen nicht viel. Auf den Straßen spielt sich das normale Leben ab, verräterisch sind die vielen Lederfetzen auf der staubigen Straße und das pechschwarze oder weiße Wasser, das aus den Fabriken in die Straßengräben strömt. Beim Blick durch zerborstene Scheiben der Fabriken kommt uns feuchte Luft entgegen und ein ohrenbetäubender Lärm. Da drin zu arbeiten käme der Hölle gleich.
Wir bekommen Zugang zu einer kleinen Fabrik. Wegen der mit Chemikalien versetzten Luft stockt uns der Atem als wir die Fabrik betreten. Übergroße Trommeln drehen sich langsam, um die Tierhaut mit einer chemikalischen Flüssigkeit von den Haaren zu befreien. Diese Trommeln sorgen für eine Geräuschkulisse, in der man sich kaum unterhalten kann. Es ist sehr schummrig. Weiter hinten in der Fabrik räumen mehrere junge Männer, bei denen wir nicht immer sicher sind, ob sie volljährig sind, das gewaschene Leder aus den Trommeln. Teilweise in Gummistiefeln, teilweise barfuß, stehen sie in dem pechschwarzen Wasser und legen Lederfetzen auf Lederfetzen. An einem anderen, ebenfalls schummrigen Ort, rupfen andere junge Männer die Fetzen vom großen Lederstück. In einer Maschine „Made in Italy“ werden die Lederfetzen geplettet und getrocknet. Als wir die Fabrik verlassen schauen wir uns an und merken, wie wir beide das Gleiche denken: Was für ein beschissener Arbeitsplatz! Jeder, der nur eine Stunde in der Fabrik arbeitet weiß seinen deutschen Arbeitsplatz zu schätzen.
Viel haben wir vom Verarbeitungsprozess nicht verstanden, denn keiner der Mitarbeiter sprach Englisch. Wir klopfen an die Tür einer großen, nach ISO 9001‐zertifizierten Fabrik an. Auch hier erhalten wir nach Rücksprache mit dem Management Zugang – und sogar eine, des Englischen mächtige Mitarbeiterin an die Seite gestellt. Sie führt uns durch diese gesamte Fabrik und erläutert uns jeden einzelnen Schritt des Verarbeitungsprozesses. Ich hätte nicht erwartet, dass bereits die Herstellung der Chemiecocktails so viel Know‐How erfordert, denn je nach Wunsch des Kunden (Farbe, Steifigkeit) und Tier wird neu gemixt. Ich prüfe, die Chemikalienhersteller: Spanien, Italien, … Deutschland! Genauer: Tübingen! Im Gegensatz zu unserer ersten Fabrik sieht es etwas aufgeräumter aus, auch wenn es weiterhin schummrig ist. Das haben wohl Lederfabriken an sich. Die Mitarbeiter hier sind eindeutig volljährig. An einem riesigen Bügeleisen – etwa so groß wie zwei Billiardtische – werden die Kuh‐ und Büffelhäute getrocknet. Zur weiteren Trocknung werden die Lederstücke an die Decke gehängt. Unsere Ledertextil‐Ingenieurin führt uns in die weiteren Stockwerke, wo die getrockneten Lederstücke mit weiteren Chemikalien bearbeitet werden, um sie dauerhaft haltbar zu machen. Und da liegen sie, die verkaufsfertigen Leder. Der Haufen, den wir begutachten, ist für ZARA bestimmt. Ich bin beeindruckt, was für ein Personal‐ und Ressourcenaufwand (insb. Wasser) für die Herstellung von Leder erforderlich ist. Man denke an den Herstellungsaufwand für das Leder einer Ledercouch… . Ein squarefeet Leder wechselt übrigens – je nach Qualität – für 1 bis 3 Dollar den Besitzer (Anmerkung: Um ein wieviel Höheres als die Materialkosten werden Lederartikel bei ZARA verkauft?). Bei diesen niedrigen Verkaufspreisen ist es wenig verwunderlich, dass Investitionen in Abwasserreinigungsanlagen ausbleiben.
Ich frage unsere Führerin, wo die Tierfelle herkommen. Stimmt es, dass Kühe aus Indien nach Bangladesch geschmuggelt werden? Ja, das stimmt tatsächlich. In Nacht‐ und Nebelaktionen werden heilige Kühe illegal über die Grenze gebracht. Bis zu 1.000 Kühe täglich. Der Job ist höchst lukrativ, da Kühe in Bangladesch wesentlich teurer sind als in Indien. So kann es vorkommen, dass in den Trommeln der Lederfabriken und damit auch in den Geschäften in Dresden, Stuttgart, Berlin, Wien, etc. die heilige indische Kuh landet. In den Lederfabriken kann keiner nachvollziehen, wo genau das Fell herkommt. Der Großteil stammt jedoch aus den Mastberieben um Dhaka. Alle Teile der Tiere werden verwertet – der „Rest“ landet auf dem Teller, denn Bangladeschis sind große Fleischesser.
Abschließend hat unsere Führerin eine Überraschung bereit, sie führt uns in das oberste Stockwerk. Auf einmal ist alles ganz hell. Eine Schuhfabrik! An einem Fließband werden für eine Schuhkette Herren‐Businessschuhe gefertigt. Auch hier wird uns jeder einzelne Verarbeitungsschritt vom Schichtleiter erläutert. Die jungen Mitarbeiter, geschätzt 70% der Belegschaft sind Frauen, schauen uns ehrfurchtsvoll an. Sie wissen ja nicht, wer wir sind: Management? Kunde? Wir haben Sorge, dass wir durch unseren plötzlichen Auftritt die Produktion durcheinander bringen. Die Schuhe werden an Ort und Stelle für den Versand fertig gemacht – der nächste, der die Schuhe auspackt, könnte der deutsche Verkäufer sein. Da an den Versandpaketen bereits die Verkaufspreise für das Ladengeschäft prangen kann ich mir die Frage nach dem Erlös für die Schuhfabrik nicht verkneifen. Ein Fünftel, meint der Schichtleiter. Da Transportkosten kaum ins Gewicht fallen, bleiben sage und schreibe vier Fünftel für die Schuhkette übrig. Ich frage ihn, ob das nicht deprimierend sei, die europäischen Preise zu sehen und davon aber nur einen Bruchteil zu bekommen – obwohl doch ein großer Teil der Wertschöpfung ihm und seinen Mitarbeitern obliegt. Tja, sagt er, sie seien froh, dass sie Arbeit hätten und überhaupt was bekämen.

Textil‐ und Kleidungsindustrie
Nach dem äußerst spannenden Einblick in die Leder‐ und Schuhfabrik interessiert mich, wie T‐Shirts zu dem werden, wie sie bei uns in den Geschäften hängen und liegen. Hierzu fahre ich nach Tongi – eine Stadt, etwa eine Stunde Fahrtzeit nördlich von Dhaka. In dieser Stadt stehen dicht an dicht die Fabriken, in denen die Nähmaschinen fortwährend surren. In der ersten Fabrik, in der ich anfrage, werde ich freundlich begrüßt und gleich zum Management geschickt. Ebenso freundlich werde ich vom Geschäftsführer und vom Marketingleiter empfangen. Bei einer Tasse Tee darf ich alle Fragen stellen, die mir unter den Nägeln brennen. Die beiden Herren geben mir eine persönliche Führung durch die Fertigungsprozesse. Die Flure und Hallen sind hell und freundlich. Ständig huscht jemand mit einem Staubwedel durch die Gegend und wischt die Gänge. Würde ich nicht wissen, dass ich Bangladesch bin, könnte ich meinen, in einer deutschen Fabrik zu sein. Die Mitarbeiter sind jung, aber ganz sicher volljährig. Der Marketingleiter erläutert mir den Recruitingprozess. An der Wand lagern die versandfertigen Kartons – für zwei deutsche Billigmodeketten. In Deutschland kaufe ich dort nicht ein – aber es ist gut zu wissen, dass die Klamotten – zumindest ein Teil davon – unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt werden.
Auch hier interessiert mich am Ende meiner Führung, was letztendlich bei der Firma in Bangladesch hängen bleibt. Ein Zehntel des Verkaufspreises, der im Ausland erzielt wird. Ob das nicht deprimierend sei, frage ich erneut. Etwas ausweichend erläutern mir beide Manager, wie stark Bangladesch von dieser Industrie abhängig sei. Gäbe es die Mitarbeiter in der Textilindustrie nicht, hätten auch die meisten Menschen im Umfeld der Fabriken (Bäcker, Taxifahrer, Teeverkäufer,…) keine Arbeit. Sie haben recht. Als ich wieder vor den Toren der Fabrik stehe und die Verkaufsbuden erblicke, sehe ich diese Abhängigkeit deutlicher als jemals zuvor.

Fortsetzung folgt in Kürze in Teil 2.

 

6 thoughts on “Made in Bangladesh (Teil 1)

  1. Lieber Ferry, bisher eine eher stille Genießerin Deines Reisetagebuches juckt es mich ja jetzt doch. Ja, es gibt keine einfachen Antworten, und ja, auch wir kleinen „Räder im Getriebe“ können was tun. Siehe cleanclothes.org Z.B. am 24.April zum 3. Jahrestag des Rana Plaza Einsturzes wieder Druck machen.
    Bangladesch‐Info: http://lohnzumleben.de/wp-content/uploads/2013/10/Dossier_Bangladesch_Deutsch.pdf

    Junge NorwegerInnen haben in einer reality show ganz ähnliches wie Du unternommen: http://www.aftenposten.no/webtv/#!/kategori/10514
    Kleine Hintergrundgeschichte zu Schuhen: Die italienische Clean Clothes Campaign hat übrigens einen hervorragenden Bericht über die Schuh‐ und Lederverarbeitung mit ihren ökologischen und menschenrechtlichen Schweinereien geschrieben: DID YOU KNOW THERE ISCOW IN YOUR SHOE. Den findest Du aber nirgendwo, weil das Schuhbusiness protestiert hat und die Geldgeber der Studie, die Europäische Kommission, dazu bewegt hat, die Italiener zu zwingen, die Studie aus dem Netz zu nehmen.
    Schließlich spielt Bangladesch auch eine große Rolle in der aktuellen Kinodoku THE TRUE COST und in dem neuesten Theaterstück des FLINNTHEATERS „Songs of a T‐Shirt“ – großartig!
    Pass auf Dich auf und lass Dich nicht wegfangen von den Privatschergen, die jedes Aufmucken der Arbeiterinnen ‘erschlagen’.
    Liebe Grüße
    Bettina

    1. Hi Tetten, lieben Dank für deine Hinweise. Dürfte auch für den ein oder anderen Leser meines Blogs ganz interessant sein. Und Kühe sind ohne Zweifel in den Schuhen drin – die bzw. das habe ich ja mit eigenen Augen gesehen.

      Liebe Grüße,
      Ferry

  2. Ach Ferry, krass. Ich danke dir für diese detailreichen Enblicke. Es aus Reportagen zu vernehmen, ist das eine. Dein Tatsachenbericht das andere. Umso wichtiger ist die Info darüber. Die einher gehen muss mit ganz viel Augenöffnen bei allen, die sich hier di Kleiderschränke voll shoppen. Ich leite deinen BEitrag mal an einen etwas größeren Kreis weiter. Pass auf dch auf! LG. melle

    1. Hi Melle, ja, genau das was du schreibst ging mir die ganze Zeit in Bangladesch durch den Kopf. Hierauf gehe ich im zweiten Teil genauer ein. Veröffentlichung folgt in wenigen Tagen. Sei gespannt.

      Liebe Grüße,
      Ferry

  3. Hi Ferry, deine Reportagen verfolge ich regelmäßig und bin beeindruckt, wie mutig, neugierig und selbstlos du dich in diesem Teil der Welt bewegst.
    Du hast meine Bewunderung und ich freue mich schon auf deinen kommenden Eintrag.
    Pass auf dich auf. Liebe Grüße von Almut

    1. Ja, das freut mich, dass ich dir einen guten Einblick geben kann. Ich werde dich mit weiteren Berichten auf dem Laufenden halten. Liebe Grüße, Ferry

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