Bangladesch – unglaublich, aber wahr! (Teil 2)

Categories Bangladesch, Große Asienreise

 

Fortsetzung von Teil 1:

… Wir ändern die Perspektive und steigen aufs Dach – nein, nicht auf das Hausdach, sondern auf das Zugdach. Bangladesch ist vermutlich das einzige Land auf der Welt, wo die Fahrt auf dem Dach und an der Lokomotive gedudelt wird. Erlaubt ist es sicherlich nicht, aber wir sind ja in Bangladesch… . Wer meint, die Fahrt auf dem Dach sei nur etwas für die abenteuerlustigen Reisenden, der irrt sich. Auf dem Dach werden genauso Sachen transportiert wie im Fahrzeuginneren, es wird allerlei Essen verkauft, es wird gebettelt. Nur nach dem Ticket fragt keiner (im Unterschied zu Indien wird im Wagen sehr stark drauf geachtet, dass jeder Reisende ein Ticket hat). Eine Herausforderung ist jedoch auf das Dach hochzukommen. Entweder ein Reisender, der bereits oben auf dem Dach ist, reicht einem die Hand. Oder man nimmt den Weg über die Lokomotive, denn dort ist eine kleine Leiter angebracht. Wenn man schon auf der Lokomotive ist, kann man auch gleich dort bleiben, wobei ich empfehle, das von der Fahrrichtung abhängig zu machen. Erstens: Da der Schornstein nicht mittig angeordnet ist, sollte man davor sitzen, um nicht den Dieselruß einzuatmen. Zweitens: Ich empfehle dringend, nicht direkt am Horn zu sitzen… . Egal, welchen Platz man eingenommen hat: Ab und an hängen ein paar Palmenblätter oder Kabel recht niedrig oder die Wasserdispenser in den Bahnhöfen sind im Weg. Die Einheimischen wissen jedoch bescheid und weisen notfalls darauf hin. Genauso wie es eine Herausforderung ist hochzukommen, ist es gar nicht so einfach wieder herunterzukommen. Insb., weil die anderen Einheimischen und vor allem die Kinder an den Zwischenstationen hochdrängen und der Zug nur ein paar Minuten hält. Die Lokführer haben nicht im Blick, ob bereits alle vom Zugdach ab‐ und aufgestiegen sind. Ich frage mich, ob die Lokführer überhaupt was im Blick haben. Als ich es bei einer morgendlichen Fahrt wegen „Überfüllung“ nicht auf das Lokomotivdach schaffe, drücke ich mich ins Führerhaus. Neben den zwei Lokführern sind da noch 13 andere Fahrgäste… .

Mein nächstes Ziel ist Chittagong mit den Shipbreaking Yards. Ein ausführlicher Bericht zum Shipbreaking folgt in einem der nächsten Beiträge. Der Plan in die Chittagong Hill Tracts weiterzureisen schlägt fehlt. Die nötige Erlaubnis, dieses zwar landschaftlich äußerst reizvolle, aber wegen Spannungen zwischen den Stämmen und der Regierung abgeschirmte Gebiet bereisen zu dürfen, kann ich in der Kürze der Zeit nicht aufbringen. Das ist weniger schlimm, so bleibt mehr Zeit für andere Gebiete Bangladeschs, die ich mir anschauen möchte.
Ein Freund Newaz’ lädt mich zu seiner Familie nach Barisal ein, einer Stadt ebenfalls im Süden Bangladeschs, umgeben von den mächtigen Flüssen, bevor sie in die Bucht von Bengal münden. Nach meinen Recherchen müsste ich es in einer Kombination von Zug, Fahrradrickshaw, Bus und Fähre (Autofähre, auch „Seatruck“ genannt) in einem Tag von Chittagong nach Barisal schaffen. So mache ich es. Der Reiseplan hat bislang hervorragend geklappt, ich erreiche 5 Minuten vor Abfahrt die Fähre. Ich frage das Bordpersonal, ob die Fähre wie geplant um 14 Uhr nach Barisal fährt. Ein Matrose antwortet mir, dass die Fähre gar nicht Barisal fahre, sondern nach Bhola. Eine Fähre nach Barisal gäbe es nicht. Da ich keine Ahnung habe, wo Bhola ist, schaue ich auf meiner Karte nach. Oh, Bhola ist eine Insel, inmitten des riesigen Meghna Rivers! Das ist bestimmt auch spannend. Gut, eine Alternative gäbe es ohnehin nicht. Von dort komme ich sicherlich nach Barisal. Die Fähre wird beladen: mit Bussen, Lkw, Autos. Ein Kleinlaster passt nicht mehr drauf. Unsere Abfahrt verzögert sich. 15 Uhr, 16 Uhr. Es wird gezirkelt und geschoben. Und dann passt der Laster doch noch drauf. Es geht los. Wir verlassen, den Kanal mit seinem Hafen und schippern auf einen Fluss, der etwa so groß ist wie der Rhein bei Köln. Ich bin enttäuscht, das soll der große Meghna River sein? Wir schippern eine halbe Stunde weiter, links und rechts Fischerboote, äußerst schwer beladene Sandkähne, Boote docken in voller Fahrt an unsere Fähre an, Leute springen über, die Sonne geht langsam unter. Dann weitet sich unser Fluss und geht scheinbar in ein Meer über. Doch das ist kein Meer, das ist der Meghna River! Ein Ufer ist nicht zu sehen. Wir schippern in den Sonnenuntergang. Eineinhalb Stunden später erreichen wir das andere Ufer, es ist bereits dunkel. Nach Barisal komme ich heute nicht mehr. Ich suche mir ein Hotel.
Dieser Zwangsaufenthalt auf der Insel und die Weiterfahrt bei Tageslicht mit der Personenfähre nach Barisal geben mir einen tollen Einblick in das Wasserleben der Bangladeschis. Die Fähren sind das wichtigste Verkehrsmittel, Brücken gibt es keine. Die Inseln sind topfflach und ragen gerade mal 1,5 Meter aus dem Wasser. Sorgenvoll schaue ich auf die erodierenden Ufer. Abgesehen davon, dass sich die Uferlinien nach jedem Monsun neu formen – das sind also die Gebiete, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wegen des Klimawandels unter der Wasseroberfläche verschwinden. Angeblich soll Bangladesch durch das Ansteigen des Wasserspiegels 16% seiner Landmasse verlieren. Das klingt erstmal nicht ganz so dramatisch. Sobald man sich vor Augen hält, dass mit den Böden Bangladeschs 170 Mio. (und zukünftig noch mehr) Menschen ernährt werden müssen, die nicht auf teure Importe angewiesen sein dürfen, dann erhält der Landverlust eine andere Dimension.
In Barisal angekommen werden wir von Nafiz und seiner Familie äußerst herzlich empfangen. Als Teil der Familie werden wir mit allerlei bengalischen Köstlichkeiten verwöhnt, zum Familienstammsitz aufs Dorf mitgenommen und zahlreiche Aktivitäten mit uns unternommen.
Zurück nach Dhaka gehts wieder auf dem Wasserweg. Die etwa 170 Kilometer lange Strecke ist ideal für den Nachsprung. Gegen 20.30 Uhr verlassen den Hafen von Barisal gleichzeitig vier oder fünf Schiffe, die jeweils ca. 700 Menschen fassen. Mir erschließt sich zunächst nicht, warum alle Schiffe gleichzeitig losfahren, doch während der Nacht wird es mit klar: In dem extrem dichten Nebel auf dem Meghna River leuchten und hupen sie sich gegenseitig den Weg. Nach Radar fahren eben nicht alle Boote auf Bangladeschs Gewässern. Dass wir uns am Morgen Dhaka nähern merken wir ganz deutlich am Geruch nach faulen Eiern. Wir sind wieder auf dem schwarzen Fluss, dem Buriganga River.

Ein Highlight an diesem Tag ist unsere erste bengalische Hochzeit, die anders abläuft als meine pakistanische Hochzeit im November. Im Gegensatz zu Pakistan feiern Männlein und Weiblein nicht getrennt. Zunächst werden wir gebeten, uns am Vorspeisentisch zu bedienen, auf das sich alle bengalischen Gäste stürzen als gäbe es morgen kein Essen mehr. Dann werden wir gebeten noooooch mehr Vorspeisen zu essen und uns anschließend mit dem Brautpaar ablichten zu lassen. Das Brautpaar hat an diesem Abend keine andere Aufgabe als nett zu lächeln und sich mit allen Gästen (in Grüppchen und einzeln) ablichten zu lassen. Der Bräutigam gesteht, dass unsere 5‐köpfige Couchsurfer‐Gruppe mehr aufmerksam auf sich zieht als das Brautpaar auf sich. Wir müssen schmunzeln. Als ob wir nicht schon genügend Vorspeisen gefuttert hätten, gibt es nun die Hauptspeise. Dass ich wieder der Langsamste beim Essen bin hat uns eine unverhältnismäßig lange und ungestörte Unterhaltungsmöglichkeit geschaffen. Sonst sind lange Unterhaltungen am Tisch nicht möglich, denn es wartet bereits die nächste Gruppe, um den Tisch einzunehmen. Das „Tischlein‐deck‐dich‐Spiel“ wird an diesem Abend für ca. 2000 Portionen durchgezogen. Nach dem Essen verabschieden wir uns von der Hochzeit. Am nächsten Morgen verabschiede ich mich ebenso, zumindest für diese Reise, von Dhaka.

 

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