Von der Südspitze Indiens entlang der Ostküste bis nach Kolkata

Categories Große Asienreise, Indien

Auch wenn ich auf dieser Reise nicht nach Sri Lanka komme – es reizt mich, die Insel zumindest von der Ferne aus zu sehen bzw. zu erahnen. Als Aussichtspunkt wähle ich Pamban Island, ein etwa 35 Kilometer langes und sehr schmales Eiland, das vom westlich gelegenen Festland über eine 2,3 Kilometer lange Eisenbahnbrücke sowie eine Straßenbrücke erreicht werden kann. Östlich der Insel erstreckt sich die etwa 30 Kilometer lange „Adam’s Bridge“ bis nach Sri Lanka. Ich habe mich oft gefragt, was diese Adam’s Bridge eigentlich ist. Auf der Landkarte sind in regelmäßigen Abständen kleine Inseln eingezeichnet. Sind das etwa Überreste einer alten Brücke? Außerdem möchte ich herausfinden, ob es nicht doch eine Fähre nach Sri Lanka (für die nächste Reise) gibt. Sri Lanka ist doch so nah!
Ich komme morgens in Rameswaram, der größten Stadt der Insel, an. Beim Aussteigen erschlägt mich der Gestank von getrocknetem Fisch. Zudem heizt die Sonne ganz schön ein. Ob ich es hier den ganzen Tag aushalte? Mit 50.000 Einwohnern ist die Stadt im Vergleich zu anderen indischen Städten sehr beschaulich. Wie auch Kanyakumari ist Rameswaram ein bedeutender Pilgerort. Auffallend sind daher wieder die zahlreichen Pilger im schwarzen Dress. Ich fahre zum östlichsten Ort der Insel, dem 20 Kilometer entfernten Danushkodi. Der Grund, warum sich Touristen in dieses kleine Fischerdörfchen mit seinen Bambushütten verirren ist weniger die exponierte Lage, sondern es sind die Ruinen des alten Danushkodis. 1964 fegte ein Zyklon über die Insel und zerstörte den Ort. Übrig geblieben sind die Ruinen von Kirche, Bahnhof und von wenigen Häusern. Ich dachte bislang, dass Danushkodi am Ende der Insel liegen würde und ich endlich das Rätsel um die Adam’s Bridge lösen könnte. Doch wenn ich gen Osten schaue sehe ich kein Ende, sondern eine frisch asphaltierte Straße, auf der ab und zu Kipper hoch‐ und runterfahren. Ich folge dieser Straße, die nach gut zwei Kilometern in einen unasphaltierten, aber befestigten Weg übergeht und nach einem weiteren Kilometer in einen Sandweg wechselt. Baumaschinen schieben hier die Dünen beiseite und bilden das Planum für die neue Straße. Ich laufe weiter. Auch dort, wo die Baumaschinen bislang noch keinen Sandkorn bewegt haben, sehe ich kein Ende der Insel. Die Insel ist gerade mal 200 Meter breit und wird auf den folgenden Kilometern immer schmaler. Mit einer Gruppe von Indern laufe ich am Strand entlang. Ansonsten ist der Strand menschenleer. In sehr brüchigem Englisch versichert mir einer, der sich anscheinend auskennt, dass wir tatsächlich bald das Ende erreichen. Wir laufen, laufen und laufen. Die Sonne geht langsam unter. Die Insel ist mittlerweile so schmal, dass wir links und rechts vom tosenden Meer umgeben sind. Meine indischen Begleiter haben irgendwann keine Lust mehr und wollen umkehren. Soll ich wirklich alleine weiterlaufen? Was mache ich, wenn es dunkel ist? Beleuchtung gibt es hier keine. Der Ehrgeiz treibt mich dann doch an, weiterzulaufen. Weit kann es nicht mehr sein. Nach weiteren 15 Minuten ist es dann geschafft: vor mir, sowie links und rechts braust das Meer, hinter mir liegt nur ein etwa 50 Meter breiter Sandstreifen. Und die Adam’s Bridge und Sri Lanka? Sri Lanka kann ich natürlich nicht sehen, aber die Adam’s Bridge: Beim Blick in Richtung Sri Lanka sehe ich im Wasser helle Flecken, Sandbänke, leicht über oder unter dem Wasser schimmern. Das Meer ist hier relativ flach. Anscheinend war es im 16. Jahrhundert so flach, dass es möglich war, zu Fuß Sri Lanka zu erreichen. Auch wenn Mythen besagen, dass Götter eine Brücke zwischen Indien und Sri Lanka geschaffen haben und diese Sandbänke die Überbleibsel sind, schenke ich doch eher der Erklärung, dass es sich um „normale“ Sandbänke handelt, glauben.
Und wieder ein netter Gedanke: Auf indischem Staatsgebiet bin ich nun auf diesem Breitengrad die östlichste Person. Und ich bin allein auf weiter Flur. Doch mit dieser Einsamkeit wird es, sobald die Straße fertiggebaut ist, vorbei sein.
Gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit schaffe ich es zurück nach Danushkodi. Ein Kipper, der Erde für die neue Straße zur Baustelle geschafft hat, nimmt mich zurück bis nach Rameswaram.
Der Inselbesuch auf Pamban und der Spaziergang bis fast nach Sri Lanka zählt zu Highlights meiner Reise durch Indien und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Gewissheit habe ich nun auch: Eine offizielle Personenfähre von Pamban Island nach Sri Lanka gibt es seit den 1980ern nicht mehr.

Weiter gehts Richtung Norden. Mein Nachtzugschaffner verschläft, mich zu wecken und so erreiche ich mein Ziel über Umwege. Die nächste Station ist die ehemalige französische Kolonie Pondicherry, kurz auch „Pondi“ genannt. Bei meiner Ankunft in Pondi werde ich am Busbahnhof nicht mit einem zarten „Bonjour“ begrüßt, sondern mit dem üblichen indischen Verkehrschaos. Ein paar Häuserblöcke weiter sieht das Leben dagegen ganz anders aus: ruhige und saubere Gässchen, am Straßenrand wird fleißig an den Fahrradrickshaws gebastelt. Kleine Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein. Und abends wird sogar die Uferpromenade für den Autoverkehr gesperrt. Nicht nur das ist ein Novum für Indien, sondern auch, dass sich alle an dieses Verbot halten. Um meinen kurzen Frankreichaufenthalt zu komplettieren, gibts am nächsten Morgen Croissants, die genauso gut schmecken wie die in Frankreich.

Ich schlängle mich weiter gen Norden Indiens: erst ein Stück entlang der Küste (Provinz Andra Pradesh), dann im Landesinneren (Provinzen Odisha und Chhattisgarh). Es wird spürbar kühler und winterlicher. Der Blick aus dem Zugfenster wird mittlerweile von dicken Nebelschwaden getrübt. Auch die Menschen sind merklich verhaltener. Statt eines breiten Grinsens wie in Südindien schauen mich die dunklen Augen einfach nur an. Selbst ein Grinsen meinerseits hilft meistens nicht die Mienen aufzuheitern. Diese Umgebung ist eine perfekte Einstimmung auf mein nächstes Ziel: Varanasi.
Varanasi, die 1,4 Millionen Einwohner zählende Stadt am Ganges gehört zu den verrücktesten Städten, die ich bislang besucht habe. Leben und Tod – beides ist in dieser Stadt omnipräsent – und ich bin mittendrin im Geschehen. Am heiligen Fluss Ganges spielen sich kaum vorstellbare Szenen ab. Hindus nehmen ein Bad im heiligen Fluss, um sich von ihren Sünden zu befreien. Wenige Meter flussauf‐ und flussabwärts lodern die Scheiterhaufen: Menschen, die kürzlich verstorben sind werden am Ufer des Ganges kremiert. Bestimmte Gebeine werden nicht verbrannt, sondern dem Fluss zugeführt. Wenn ich es richtig verstanden habe, werden die Leichname Schwangerer und Kinder nicht verbrannt, sondern mit Steinen im Ganges versenkt. Dieses Kremierungs‐Ritual gehört zu den Höhepunkten im Kreislauf von Leben und Tod der Hindus. Ein Spaziergang entlang des Ganges kommt aus meiner Sicht eher dem Abtauchen in Dantes Inferno gleich: In den Rauch‐ und Nebelschwaden rund um die Scheiterhaufen sammeln sich die Angehörigen, Straßenhunde streunen umher, suchen nach Essbarem und necken sich, Kühe schleichen durch die Gegend, neue Scheiterhaufen werden zurechtgelegt, um die „wartenden“ Leichname schnellstmöglich zu kremieren. Als wenn das nicht bereits „Too much information“ ist, streunen auch noch Schlepper umher, die sich als Kremator ausgeben, ungefragt etwas über die hinduistischen Riten in unverständlichem Englisch erzählen, anschließend dafür Geld verlangen und meinen, sie würden dafür Feuerholz für die Armen kaufen. Und die meisten Ausländer – einschließlich mir – fallen auf diese Schlepper rein.
Selbst in der Stadt ist man vom Nebeneinander von Leben und Tod nicht gefeit: Mit Trommeln und Trompeten ziehen die Leichnam‐Züge durch die engen Gassen von Varanasi. So kann es passieren, dass man auf der Terrasse seinen feinen Bananenlassi löffelt, während vor dem Shop die in goldene Folien eingepackten Leichen zum Scheiterhaufen getragen werden. Und wenn man dann von den ganzen Eindrücken überwältigt ist und in Gedanken versunken durch die sehr engen Gässchen von Varanasi schlendert sollte man aufpassen, nicht über eine Kuh zu stolpern oder gar auf einem Kuhflatschen auszurutschen.

Nach dieser Totengräberatmosphäre wird es Zeit für eine „richtige“, lebendige Großstadt. Meine letzten Tage in Indien verbringe ich daher in Kolkata (bis 2001 „Kalkutta“ genannt). Die Stadt strahlt meiner Meinung nach ein ganz anderes Flair aus als Dehli, Mumbai und Chennai. Auf der einen Seite wirkt die Stadt sehr lebendig, auf der anderen Seite spüre ich deutlich, dass viele, viele Menschen tagtäglich für jeden Rupee hart arbeiten müssen. Glanz und Gloria wie in Mumbai gibt es in Kolkata augenscheinlich nicht. In dem Viertel, in dem ich unterkomme, schlafen die Fahrradrickshawfahrer und Lastenkarrenfahrer neben oder in ihren Fahrzeugen. Interessant ist auch das sich mit der Uhrzeit wandelnde Straßenbild: Während tagsüber die Stadt im Stau von Bussen, Taxis und Autos versinkt, erobern ab 22 Uhr mit ohrenbetäubendem Lärm die Lkws die Straßenschluchten von Kolkata. Dann sollte man tatsächlich keinen Fuß mehr auf die Straßen setzen, denn es zählt das Recht des Stärkeren. Morgens wiederum verwandeln sich die Straßen Kolkatas in riesige Badezimmer: An verschiedenen Stellen gibt es kleine Bassins, die von 5 bis 10 Indern für die Morgenwäsche genutzt werden. Freibadfeeling – jedoch vermutlich nicht freiwillig.
Kolkata macht den Städten mit der höchsten Luftverschmutzung alle Ehre. Ich merke deutlich, wie mein Körper gegen all das, was er tagsüber einatmet, rebelliert. Nicht ganz unglücklich bin ich darüber, dass es an meinem zweiten und dritten Tag in Kolkata regnet. Das ist übrigens der erste Regen auf meiner Reise – obwohl ich bereits drei Monate unterwegs bin!

Vorerst genug Großstadtstaub geschnuppert, die nächste Etappe steht an: Bangladesch. Bis zur Grenze sind es keine 100 Kilometer. Ich bin gespannt, welche Welt mich hinter dem Schlagbaum erwartet.

 

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