Die Nahrungsaufnahme stellt bei Reisen in Ländern mit einem geringeren Hygienestandard (wie Indien) eine tägliche Herausforderung dar. Es ist ähnlich wie beim Fliegen: Man gibt die Verantwortung um das Wohlbefinden in wenige, fremde Hände – mit dem Unterschied, dass es nicht gleich um Leben und Tod geht, wohl aber um 1 bis 2 Wochen Urlaubszeit oder sogar um die ganze Reise.
Ich bin selber überrascht – bislang schlage ich mich recht tapfer, obwohl ich versuche, möglichst viel auszuprobieren und westliche Fastfoodketten, die vermutlich die gleichbleibende Qualität liefern könnten, meide. Geholfen haben mir bisher folgende Regeln:

  • Gehe dort essen, wo viel los ist und möglichst dort, wo Familien auch hingehen.
  • Iss keine ungeschälten Früchte bzw. trinke keine frischen Säfte mit ungeschälten Früchten.
  • Trinke kein Leitungswasser. Auch das Zähneputzen mit Leitungswasser habe ich eingestellt, nachdem ich festgestellt habe, dass das Wasser tatsächlich nicht ganz sauber ist.
  • Iss kein unabgepacktes Eis.
  • Händewaschen vor dem Essen ist ein Muss.

Unser Einstieg ins indische Essen hätte nicht besser sein können: In Amritsar, unserer ersten indischen Stadt, besuchten wir eine Messe, die auch mit einem umfangreichen Food Court ausgestattet war. So konnten wir auf einen Schlag die Vielfalt der indischen Speisen kennenlernen.
Was landet nun im indischen Kochtopf bzw. in der Verkaufstheke? Der ganz große Vorteil meiner Meinung nach ist, dass die indische Küche in weiten Teilen auf Fleisch verzichtet. Nach dem fleischlastigen Pakistan ist das eine erhebliche Vereinfachung bei der Futtersuche. Es gibt sogar McDonald’s-Filialen, bei denen ausschließlich vegetarische Gerichte über die Theke gehen. Wer auf sein Fleisch nicht verzichten möchte, der findet in sogenannten „non‐veg Restaurants“ auch Hühnchen auf der Speisekarte. Und in den küstennahen Gebieten wird natürlich reichlich Fisch verzehrt. Ich bin zwar kein Vegetarier, kann aber auf Fleisch verzichten und fühle mich einfach wohler, wenn neben meinem Blumenkohl kein Hühnchen lag, auf dem den ganzen Tag bei 35 Grad Celsius die Fliegen rumtanzten.
Das indische Frühstück ist weniger süß als unseres und fällt auch deutlich kürzer aus: In Nordindien gibt es häufig ein ordentlich gepfeffertes Omelette. Im Süden werden oft sogenannte „Dosas“ gegessen. Das sind übergroße, dünne Crêpes, die aus einem sauren Teig zubereitet werden und z.B. mit einer Gemüsepaste bestehend aus Tomaten, Erbsen und Kartoffeln gefüllt werden. Eher im Süden zu finden sind „Idlys“: Das sind Muffin‐große Gebilde aus Reismehl oder Reis‐Grieß, gesalzen und gesäuert mit Buttermilch. Diese Idlys werden in eine herzhafte Sauce getunkt. Ich persönlich finde die Idlys klasse und könnte die fast den ganzen Tag essen: sättigend und ohne irgendwelche Zusatzstoffe. Obligatorisch beim Frühstück ist natürlich der Chai – ein Tee, der in einem sehr speziellen Procedere mit Milch, Gewürzen und Zucker aufgekocht wird.
Ab der Mittagszeit werden sogenannte „Thalis“ angeboten. Das sind große Metallplatten mit 3 bis 4 kleinen Bereichen und einem großem Bereich. Das große Fach wird mit Reis aufgefüllt, die kleinen Bereiche mit verschiedenen Saucen und Gemüsemixen, z.B. mit Dhal, einer Kichererbsen oder Linsenpaste oder mit einer Kraut‐Linsenmischung. Die „Deluxe‐Thalis“ umfassen auch einen Joghurt und eine Süßspeise (meist im 5. und 6. Fach). Das Tolle an diesen Thalis ist, dass sie die Möglichkeit bieten, verschiedene Speisen auszuprobieren. Bei Gefallen werden die kleinen Bereiche, aber auch der Reis, beliebig oft nachgefüllt – denn Thalis sind in der Regel All‐You‐Can‐Eat.
Was die Inder als ein typisches Abendmahl sehen, konnte ich bislang nicht feststellen. Thalis werden in den meisten Restaurant auch zum Abend angeboten. Über den ganzen Tag wird auch sogenanntes „Chinese Food“ serviert. Darunter verstehen Inder mit Paprika und Möhren gebratene Nudeln, nach Wunsch ergänzt um Käse oder Ei. Häufig gegessen wird Biryiani, ein Reis‐Gemüse‐Mix, der entweder mit einer mir unidentifizierbaren vegetarischen Gummiwurst oder mit Hühnchen serviert wird.
Zwei Gerichte sind mir in besonders guter Erinnerung geblieben: Im Norden Indiens gab es als Teil eines Thalis Käsestückchen in einer milden Tomatensauce. In Südindien wurde mir einmal im Teigmantel fritierter Blumenkohl, ebenfalls in einer angenehm gewürzten Tomatensauce zubereitet und mit Reis serviert.

Für Zwischendurch, aber auch als Ersatz für Frühstück, Mittag‐ oder Abendessen, gibt es an den zahlreichen Streetfood‐Ständen in Öl ausgebackene Snacks. So z.B. Samosa, ein (häufig sehr scharfes) Kartoffel‐Gemüse‐Gemisch, das im Teigmantel frittiert wird. Oder ebenfalls im Teigmantel frittierte Pepperoni.
Wenn wir gerade bei den ungesunden Nahrungsmitteln sind: Inder lieben gewürztes und in Öl ausgebackenes Knabberzeugs. Ob Kartoffelchips, Reisflakes oder sonstiges Getreidegebäck – es ist nicht nur an jeder Straßenecke erhältlich, sondern in jedem Laden, der irgendwas mit Lebensmitteln zu tun hat.
Fast ebenso gut erhältlich sind Bananen. Je weiter man sich gen Süden bewegt variieren auch die Sorten. Während im Norden die mittelgroße Banane dominiert, schwören die Südinder auf die ganz kleinen Bananen, die süß‐säuerlich schmecken. Die sind wirklich köstlich, davon vertilge ich an manchen Tagen bis zu 10 Stück. Dann gibt es auch noch braune Bananen (die, nur weil sie braun sind, nicht schlecht sein müssen) und recht große, etwas kantige Bananen (die mir nicht schmecken).
An zahlreichen Ständen quer durchs Lands wird eine Frucht verkauft, der ich bislang wenig Bedeutung beigemessen habe: der Papapaya. Ebenfalls im Süden omnipräsent sind die fliegenden Händler mit Kokosnüssen. Den Nüssen wird kurzerhand mit einer Sichel die Haube abgeschlagen, ein Strohhalm reingesteckt und fertig ist der Kokosnussdrink. Meinen Geschmack trifft dieses Kokosnusswasser jedoch nicht. Viel besser ist die zwar etwas aufwändig zuzubereitende, aber umso leckere Ananas.
Weil diese tollen tropischen Früchte in rauen Massen vorkommen, hätte ich vermutet, dass diese viel stärker den Hauptspeisen beigemischt werden. Ich habe jedoch den Eindruck, dass wir in Europa wesentlich mehr kombinieren als die Inder (hallo Pizza Hawai, hallo Bananencurry). Doch möglicherweise täuscht der Eindruck nur, denn ich habe weitestgehend die Streetfood‐Küche und nicht die heimische Küche bei Mamma India kennengelernt.

Genauso wie die Bananen unterscheiden sich auch die Essgewohnheiten zwischen dem Süden und Norden Indiens. Während im Norden das Essen auf Metallplatten oder Tellern serviert und mit Löffel oder Gabel gegessen wird, wird im Süden das Essen häufig auf Bananenpalmenblättern aufgetragen und mit den Händen gegessen. Anfangs ein ungewohnter Anblick, ist es doch interessant anzuschauen, wie der Inder seine Beilagen mit dem Reishaufen mischt, sich dann kleine Bällchen formt, die dann zum Munde führt und anschließend erneut sein Reishäufchen zurechtformt. Nach einiger Zeit habe ich mich gefragt: Warum eigentlich nicht? Mit den Händen zu essen ist fast genauso hygienisch wie mit dem Löffel zu essen, denn für die Hygiene gibt es in jedem Restaurant Waschbecken zum Händewaschen – und wer weiß, ob die Löffel ordentlich abgewaschen wurden? Außerdem ist es ein Erlebnis das Essen zu „erfühlen“.

Eine besondere Herausforderung ist genau das Essen zu finden, auf das man gerade Lust hat – und nicht ein Gericht serviert zu bekommen, das, weil es z.B. zu scharf ist, stehen bleiben muss. Sehr praktisch in Nordindien sind die „Draußen‐Küchen“, bei denen sich auf Nachfrage in die Töpfe für die Thaligerichte reinschauen lässt (wenngleich das nicht unbedingt Auskunft über die Schärfe des Gerichts gibt). In einigen Restaurants führte der Wunsch in die Töpfe reinschauen zu wollen zu Unverständnis. Uns wurde daraufhin eine Speisekarte in die Hand gedrückt, mit der wir wiederum nichts anfangen konnten, weil darauf nur die indischen Bezeichnungen der Gerichte aufgeführt waren.
Eine sehr zuverlässige Quelle zur Nahrungsaufnahme sind die über ganz Indien verteilten Filialen von „Indian Coffee House“. Etwa 1940 zur Förderung der Kultur des Kaffeetrinkens gegründet, sollten bereits 10 Jahre später mit dem Niedergang Britisch‐Indiens Filialen geschlossen werden. Um Entlassungen zu vermeiden, wurde die Indian Coffee House in eine Genossenschaft überführt, bei der die Mitarbeiter Unternehmensanteile erhielten. Bis heute hat sich Indian Coffee House gehalten. Viele Filialen präsentieren sich noch im Charme eines Coffee‐Houses zur Zeit Britisch‐Indiens, zum einen wegen des rustikalen Interieurs, zum anderen wegen der ganz adrett mit Fächermütze gekleideten Bedienung. Und das Essen – es sind kleinere Gerichte wie French‐Toasts, Omelettes, Dosas oder Idlys zu haben – ist berechenbar sowie unschlagbar günstig.

Ab und an werde ich gefragt, ob ich unser heimisches Essen (dunkles Brot, Käse, etc.) vermisse. Meine Antwort: Ja, ab und zu tue ich das. Was ich jedoch am Meisten vermisse ist reines, weitestgehend unvermischtes Essen. In Indien, und mein Eindruck ist, dass es in Pakistan noch viel ausgeprägter war, werden stets mehrere Gemüsesorten miteinander verarbeitet, und teilweise so scharf gewürzt, dass man nichts mehr schmeckt. Zusätzlich wird dann das Gericht in Öl „totfrittiert“. Bei einem meiner Couchsurfing‐Gastgeber haben wir an einem Abend den Film Rattatouille geschaut, in dem eine Ratte mit einem außerodentlichen Geschmacks‐ und Geruchssinn in einem französischen Gourmetrestaurant bewusst die Note jeder einzelnen Zutat hervorhebt. In diesem Moment kam dann doch Gedanke auf: jetzt einfach nur ein Stück Käse. Oder einfach nur eine Kartoffel mit Quark…

Soweit mein kleiner Überblick zum Essen in Indien. Gewiss hält das indische Essen noch mehr bereit als ich in diesem Beitrag erwähnt habe – meine etwas groben Ausführungen spiegeln das wieder, was ich in meinem achtwöchigen Aufenthalt aufgeschnappt habe.

4 thoughts on “Essen in Indien

  1. Na das sieht ja allerseits lecker aus! Durch Deine weitem Kreise durch das Lamd lernst Du die ganze Vielfalt kennen, klasse! Ich war damals vom Essen in Rajasthan eher enttäuscht. Es gab hauptsächlich Samosas und morgens Toast. Diese trockene Mischung geht einem nach 2 – 3 Tagen auf den Keks. Frisches dagegen war nicht zu finden. Bei der Hitze auch schwer frisch zu halten, daher wahrscheinlich besser so…

    Da ich bei Reisen mich besonders auf das andere Essen freue, war Indien diesbezüglich nicht so mein Fall. Ach ja: und dann war da der Lassi mit dem ungewaschenen Apfel drin. 1 Woche weniger Urlaub netto 🙂

    Mir sagt die Thailändische Küche viel mehr zu mit ihren vielen frischen Noten. Singapur muss ja auch ganz toll sein. Bin gespannt auf Deine Essensberichte von dort…

  2. Oh ja, Dosa und Idli mache ich hier mit dem Pulver vom Laden in Neukölln auch ab und zu. Wenn Du wieder zurück bist und Sehnsucht danach hast, kennst Du also eine Quelle („nur“ 150 km entfernt).
    Scharfes Essen soll wohl auch gut gegen Krankheit etc. helfen. Du hast aber Recht, den Geschmack sollte man noch erkennen.
    Ach ja, ob’s bei mir auch nochmal zu so ‘ner Reise reicht?
    Bleib’ behütet auf Deinem Pfad.

  3. Ich hatte Befürchtungen, dass ich aufgrund meiner Nussallergie so gut wie nichts in Indien essen können werde. Ich wurde jedoch positiv überrascht: Sehr wenig war mit Nuss und immer wussten die Angestellten bestens über die Zutaten Bescheid. Es war seeehr lecker! (Nordindien)

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