Reisen mit der indischen Eisenbahn

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Und wieder ein Beitrag für die Verkehrsinteressierten, nun mit ausschließlichem Bezug zur Eisenbahn.

Neben riesigen Palästen, Sandstränden und Nationalparks mit wilden Tieren bietet Indien noch eine ganz andere Attraktion: den mit über 1 Million Mitarbeitern größten Arbeitgeber der Welt – die Eisenbahn. Das Reisen mit der Eisenbahn hat – wahrscheinlich nicht nur für Ferrophile – so viel Erlebnisfaktor, dass sich fast schon wegen des Reisens mit der Bahn der Weg nach Indien lohnt.

Indien ist ein Eisenbahnland. Die Bahn bietet die perfekten Voraussetzungen, die Nachfrage effizient zu befriedigen: Viele Groß‐ und Millionenstädte sind oftmals keine 300 Kilometer voneinander entfernt. Im Umfeld der vier Megacitys Mumbai, Dehli, Kolkata und Chennai befinden sich weitere Ballungszentren. Ganz zu schweigen von der Nachfrage zwischen den Megacitys selbst. Außerdem besteht das Bedürfnis nach einem günstigen Verkehrsmittel, denn das Einkommen eines Durchschnittsinders ist so gering, dass Fliegen und Pkw‐Nutzung nicht in Frage kommen. Und tatsächlich: Die Eisenbahn ist auf mittleren und längeren Strecken das Verkehrsmittel Nummer 1. Um das festzustellen muss man keine Statistiken wälzen, sondern erkennt das relativ schnell, sobald man das Land ein bisschen erkundet hat. Von jeder größeren Stadt mit Schienenanschluss schlängeln sich bis zu 24 Wagen lange Züge (oder sogar 26 – habe ich mal gelesen) quer durch das Land. Diese Züge sind meist bis auf den letzten Platz ausgebucht.

Wer in Indien mit dem Zug fährt wird überrascht sein, beides in seiner Extremform zeitgleich vorzufinden: Ordnung und Chaos.

Ordnung:
Fernverkehrszüge sind grundsätzlich reservierungspflichtig. In größeren Bahnhöfen gibt es sogenannte „Computerised Booking Centre“ bzw. „Reservation Centre“, in denen die Reservierung vorgenommen werden kann. Hierzu ist ein Formular mit gewünschtem Zug und persönlichen Angaben (Name, Adresse, Telefonnummer, ob man Arzt ist…) auszufüllen und am Schalter abzugeben. Der Schalterbeamte, prüft die Verfügbarkeit, gibt im positiven Fall auch alle persönlichen Daten ein, stellt das Ticket aus, kritzelt dann noch etwas auf das Formular und archiviert dieses. Ein enormer Vertriebsaufwand, um gerade mal ein Ticket zu verkaufen.
Zur Bestätigung des Sitzplatzes oder Bettplatzes hängt an den Wageneingangsbereichen des Zuges die Reservierungsliste mit den Namen der Fahrgäste aus – unter deutschen Datenschutzkriterien kaum vorstellbar. Nach größeren Stationen geht ein Schaffner durch und hakt auf seiner Liste die anwesenden Fahrgäste ab. Nimmt man den Platz nicht oder später ein, wird dieser an einen anderen Fahrgast vergeben.

Wer als Backpacker unterwegs ist, weiß, dass Reiseziele häufig erst wenige Tage vor der Fahrt feststehen. So wie bei mir: Ich buche meine Züge häufig erst ein bis zwei Wochen vor der Fahrt (was eigentlich sehr früh ist). Das Ergebnis ist jedoch, dass ich häufig keinen Sitz‐/Bettplatz und damit keine Reservierung mehr bekomme, weil die Züge bereits ausgebucht sind. In diesem Fall werde ich auf eine Warteliste gesetzt. Mit meinem unbestätigten Ticket erhalte ich eine persönliche Identifikationsnummer, mit der ich den Status (Listenplatz) meiner Reservierung prüfen kann, z.B. online oder an einem altertümlichen Computer im Bahnho.
In ein paar Fällen habe ich Glück und mein Platz wird bestätigt. Soweit alles doch ganz ordentlich, oder?

Chaos:
Die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot an Zügen. Die Wartelisten sind bei manchen Zügen so lang, dass die Chance, doch noch einen Platz bestätigt zu bekommen, gering sind. Für den Fall, dass der Platz nicht bestätigt wird, gibt es drei Möglichkeiten:

  1. Das Ticket stornieren. Kommt bei mir nicht in Frage: Ich will ja von A nach B – eine Alternative gibts kurzfristig nicht.
  2. In Wagen ohne Reservierungspflicht einsteigen. In die Fernzüge, sofern es keine Premium‐ oder Nonstopzüge sind, sind ein bis drei Sitzwagen für Fahrgäste ohne Reservierung eingereiht. Und hier herrscht Chaos pur, denn hier quetscht sich jeder rein, der keine Reservierung mehr bekommen hat, der nur ein General Ticket („Holzklasse“) gekauft hat oder der, der gar kein Ticket gezogen hat (in der Holzklasse wird nicht kontrolliert). Die Leute stapeln sich förmlich, liegen in den Gepäcknetzen und hängen an den Türeingängen.
  3. Schauen, ob vielleicht doch noch ein Plätzchen im reservierungspflichtigen Bereich frei ist. Das kann vorkommen, wenn Fahrgäste ihre Reise nicht antreten („No shows“). Diese Variante wähle ich, wenn vor Abfahrt meine Reservierung bzw. das Ticket nicht bestätigt wird. Bei meinen ersten Fahrten bin ich verwundert. Wenn ich mein Ticket anderen Fahrgästen zeige, sagen die immer „Didi!“. Und ich frage mich, was die meinen. Verwirrt bin ich auch, weil im Persischen „didi“ „siehst du“ heißt – und ab und zu ist das Hindi dem Persischen ähnlich. Meinen die also ich wäre zu doof und hätte früher buchen sollen? Bis es mir irgendwann klar wird, was sie meinen: TTE – kurz für „Train Ticket Examiner“. Ich soll also zum Schaffner gehen. Gut, das hätte ich ja ohnehin getan. No Shows in der normalen Holzklasse gibt es jedoch bei meinen Fahrten nie. Einmal nehme ich die halbe Nacht vorlieb mit dem Fußboden am Wageneingang neben der Toilette (man gewöhnt sich an alles…) und die anderen Male grade ich up in die AC‐Class. Bei Klimaanlage zu frieren ist doch besser als die ganze Nacht zu stehen.

Sofern man beim Fahrkartenkauf nur ein unbestätigtes Ticket bekommen hat, kann das Prüfen der persönlichen Fahrkartennummer also wie ein Weihnachtsgeschenk sein: Rutscht man von der Warteliste, dann ist eine Nacht gerettet! Bei mir war zweimal Weihnachten 🙂

Ein großes Problem ist die Verlässlichkeit der Züge. Verspätungen sind gang und gäbe – und das nicht zu knapp: 1 bis 3 Stunden sind normal, 6 bis 12 Stunden sind ebenfalls möglich, wie ich leider selbst feststellen muss. Fahrgastrechte gibt es keine, hilft nur geduldig zu sein und bei Anschlüssen eine Übernachtung einzuplanen.
Woraus diese enormen Verspätungen resultieren ist mir immer noch nicht klar. Klar, bei langen Zugläufen sind Verspätungen wahrscheinlich. Aber selbst z.B. 18‐Kilometer lange Zugläufe mit einer Fahrzeit von einer Stunde (da wär ich sogar mit dem Fahrrad schneller) fahren pünktlich los, stehen dann ewig in der Prärie rum und kommen eineinhalb Stunden später am Ziel an.

Abschließend noch ein paar Worte zur Wirtschaftlichkeit der Eisenbahn. Den Angaben einiger Eisenbahner zufolge subventioniert der profitable Güterverkehr den Personenverkehr und hilft damit, die Fahrpreise im Personenverkehr niedrig zu halten. Bspw. kostet eine 70‐Kilometer‐Fahrt in einem Regionalzug umgerechnet 23 Cent, die S‐Bahnfahrt in Chennai 10 Cent, eine 600‐Kilometer‐Fahrt in einem durchschnittlichen indischen Nachtzug 5 EUR. Doch niedrige Fahrpreise und der in jedem Bahnhof vorhandene personenbediente Vertrieb führen nicht zwangsläufig dazu, dass alle Fahrgäste ein Ticket erwerben. Wie bereits erwähnt, gibt es in der Holzklasse keine Schaffner. Der Anteil der Fahrgäste ohne Ticket muss enorm hoch sein – selbst ein Eisenbahner meinte mal, ich müsse mir kein Ticket kaufen…

Wer in Erwägung zieht, in Indien mit der Bahn zu fahren, dem empfehle ich folgende Internetseiten:

  • www.indianrailinfo.com enthält umfangreiche Informationen zum Streckennetz und zur Pünktlichkeit der einzelnen Züge. Die Pünktlichkeitstatistik kann bei der Reiseplanung sehr hilfreich sein, denn die meisten Züge sind oft gleich stark verspätet.
  • www.erail.in zeigt sehr übersichtlich die Platzverfügbarkeit, auch für die sogenannte „Tourist Quota“ (spezielle Kontingente für Ausländer, die auch nur an den größten Bahnhöfen Indiens erworben werden können).
  • Auf www.cleartrip.com, der Seite eines privaten Reisebüros, lassen sich Fahrkarten mit den gängigen Kreditkarten online buchen. Interessanterweise unterhält die Indische Eisenbahn selber keine intuitive und für Ausländer nutzbare Internetpräsenz, auf der man sich über das Zugfahren informieren und Tickets buchen kann.

 

5 thoughts on “Reisen mit der indischen Eisenbahn

  1. Das mit dem profitablen Güterverkehr habe ich so gehört, dass sich kein demokratisch gewählter Politiker an die Fahrpreise im Personenverkehr herantraut und stattdessen der Güterverkehr so verteuert wird, dass immer mehr Frachtkunden auf die Straße ausweichen, die Gütersparte der Eisenbahn schrumpft und dem System so allmählich das Geld ausgeht.

    1. Das könnte in der Tat so sein, denn so viel Güterverkehr, dass der Personenverkehr damit in großem Maße gegenfinanziert werden könnte, habe ich auch nicht gesehen. Allerdings werden auf der Schiene nach meinen Beobachtungen meist nur Massengüter transportiert, die sich schwer auf die Straße verlagern ließen. Wenn dem System tatsächlich das Geld ausgeht verstehe ich nicht, warum nicht mehr Anstrengungen unternommen werden, die Kostendeckung insb. durch Fahrkartenkontrollen zu erhöhen.

      1. Die Bahn‐Reisenden in Indien sind viele. Vielleicht will es sich der Schaffner mit denen nicht verscherzen. Es gibt immer wieder mal letztlich unklare Fälle auch anderswo, wo kein Geld für die Beförderung verlangt wird. Vielleicht ist es ja auch eine Art Sozialleistung, drei Wagen voll armer Schlucker die keine Reservierung bekommen haben oder bezahlen konnten so mitzunehmen, wo der Zug ja jeweils ca. 1000 zahlende Fahrgäste haben dürfte. Der Standard ist ja auch eher dürftig. Die drei Wagen zusätzlich kosten wahrscheinlich nicht wirklich und die größe Lösung wäre es auch nicht, von denen das Geld zu holen. Ist ja auch eine Behördenbahn par excellence in Indien. Aber genau weiß ich das nicht.

  2. Hei Ferry, da grinst doch bestimmt dein Eisenbahnerherz bei all dem Chaos und der Ordnung! 🙂
    Super Infos, die du da gibst!! Sollte ich malnach Indien kommen,kann ich sie sicher gut gebrauchen! Bin grad mit Peter in Thailand. Zug sind wir aber noch nicht gefahren .… 😉

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