Hallo Indien! Von Nordwestindien über Dehli und Taj Mahal bis nach Rajasthan

Categories Große Asienreise, Indien

Wir hatten uns schon geistig auf das, was uns in Indien vermutlich begegnen wird, eingestellt: bettelnde Kinder, die ständig an einem rumhängen, Inder, die einen über den Tisch ziehen wollen, Müll und Slums.
Als wir das Gebäude für die Personen‐ und Zollkontrolle am pakistanisch‐indischen Grenzübergang verlassen und in die normale indische Welt stolpern ist es doch anders als wir es uns vorstellten: Es ist relativ sauber, die Kioskbesitzer, bei denen wir unsere durch die Hektik am Grenzübertritt stark reduzierten Energiereserven auffrischen, machen nicht den Eindruck, dass sie uns über den Tisch ziehen. Und auf der sich anschließenden einstündigen Busfahrt bewundern wir die auffallend intakte Straßeninfrastruktur und die vielen neuen, kleinen Autos, die uns rechts überholen. Sind wir wirklich in Indien? Dass der hohe Norden so gar nicht dem entspricht, was wir unter Indien verstehen, hätten wir nicht erwartet.
Unser erstes Ziel ist Amritsar, etwa 30 Kilometer östlich der Grenze. Als wir Amritsar noch in Pakistan als unseren ersten Zwischenstopp wählten, war uns nicht bewusst, dass diese Stadt mit einer ganz besonderen Sehenswürdigkeit aufwartet: dem Goldenen Tempel. Für die Sikhs (das sind Gläubige einer vor allem in Nordwestindien vertreten Religion, der etwa 2% der Inder angehören), ist der Goldene Tempel der heiligste Ort und aus diesem Grund eine bedeutende Pilgerstädte. Genau genommen ist der Goldene Tempel ein flächenmäßig kleiner Teil einer riesigen Tempelanlage: In dem mehrere Fußballfeld großen und rechteckigen Innenhof der Tempelanlage ist ein künstlicher See angelegt. Inmitten dieses Sees befindet sich der Goldene Tempel. Im Tempel lesen Priester aus dem heiligen Buch der Sikhs und kreieren gemeinsam mit Musikern fabelhafte, rhythmische Melodien, die über Lautsprecher in die gesamte Tempelanlage übertragen werden. Obwohl sich mehrere tausend Menschen in der Tempelanlage befinden, erzeugt diese Musik einen ganz besondere, beruhigende Atmosphäre. Die Melodien setzen sich bei uns als Ohrwürmer fest und begleiten uns tief im Inneren auf der Reise noch eine ganze Weile. Der Goldene Tempel ist über einen Steg zugänglich. Auch wir haben Gelegenheit, die Gläubigen auf ihrem Gang durch den Goldenen Tempel zu begleiten und sind vollkommen beeindruckt von der Ruhe und dem Frieden, den die Menschen und die Religion ausstrahlen.

Die zwei Tage in Amritsar nutzen wir vor allem, um unsere Reiseroute durch Indien zu planen. Bislang sind wir fast orientierungslos und wissen gerade mal, wo Dehli, Mumbai, Goa und Kolkata liegen. Im Grunde schwirren uns für unsere weitere Reise drei Ziele im Kopf herum:

  1. Wir erkunden weiter den Norden und die Berge am Fuße des Himalayas. Oder:
  2. Wir besuchen Rajasthan, über das wir gehört haben, dass dessen Burgen und Paläste besonders schön sein sollen. Oder:
  3. Wir fahren in die wärmeren Gefilde nach Süden, also nach Mumbai, Goa, Kerala und Tamil Nadu.

Martin und ich stellen schnell fest, dass es kein „oder“ gibt, sondern nur ein „und“. Wir möchten von allen drei Zielen etwas sehen. Dafür bleiben uns etwa 3 Wochen, denn Martins Indienvisum läuft am 25.12.2015 aus. Da uns vorschwebt, anschließend mit der Fähre weiter nach Sri Lanka zu reisen, hangeln wir uns also von Norden nach Süden.

Unsere erste Etappe führt uns von Amritsar zunächst in das auf 2200 Metern Höhe gelegene Shimla, einer Hill Station der Briten. Ganz grob liegt Shimla am Fuße des Himalaya‐Gebirges – auch wenn die richtig hohen Berge noch ein ganzes Stück entfernt sind. Von der Anreise über die alpine Straße wird wegen des kamikazenähnlichen Fahrstils der Inder abgeraten. Eine wesentlich attraktivere Alternative – und das sagen nicht nur wir – ist die als Weltkulturerbe eingetragene 100 Kilometer lange Schmalspurbahn von Kalka hoch nach Shimla. Die Bahn, die nicht nur Touristen, sondern auch Inder für ihre Fahrt z.B. zum Einkauf nutzen, schlängelt sich die Berghänge hoch und runter, durchfährt fast 100 Tunnel und passiert viele Brücken.
Nach fünf Stunden Fahrt erreichen wir Shimla. Shimla entspricht ganz und gar nicht einer typischen indischen Stadt. Wir fühlen uns wie in das Tessin versetzt, begleitet von einem Hauch britischen Baustils – zumindest im oberen Teil des Ortes, der vom Tourismus dominiert wird. Im unteren Teil dagegen herrscht indisches Leben pur: Gewusel, Hektik, Lärm. Auch wenn es tagsüber bei blauem Himmel schön warm ist – sobald sich die Sonne verabschiedet wird es bitterkalt und wir müssen alle Klamotten, die unser bescheidener „Haushalt“ bereithält, anziehen. Wir merken, dass wir doch reif für den Süden sind und beschließen, nicht weiter ins Gebirge vorzudringen. Als nächste Station peilen wir Dehli an.
Bei unserer Zugfahrt nach Dehli zeichnet sich ab, dass wir wegen der Verspätung unseres Zuges anstelle um 22 Uhr irgendwann weit nach Mitternacht ankommen werden. Wir haben im Voraus einen Gastgeber über Couchsurfing ausfindig gemacht. Doch Mitten in der Nacht anzukommen ist für unseren Gastgeber nicht zumutbar und wir vereinbaren, die erste Nacht im Hotel zu schlafen. Unser Zug kommt gegen 0.15 am Bahnhof von Old‐Dehli an. Die Bahnsteige sind nur schummrig beleuchtet, es riecht nach Fäkalien, Menschen liegen schlafend auf den Böden. Wir sind hundemüde und wünschen uns ein Bett. Doch am Bahnhof Old‐Dehlis entdecken wir keine Unterkünfte. Auch das Umfeld des Bahnhofs ist nachts alles andere als einladend. Laut Lonely Planet befinden sich die meisten Hotels drei Kilometer entfernt am Bahnhof von New‐Dehli, dem eigentlichen Hauptbahnhof. So entschließen wir uns eine Rickshaw dorthin zu nehmen. Der Rickshawfahrer rast durch die dunklen Straßen und verwinkelten Gässchen des mit Müll des Vortages übersäten Bazarviertels in Old‐Dehli. An vielen Stellen liegen Menschen – auf Pappen, Decken oder auf dem blanken Boden und verbringen dort die Nacht. Einige haben aus dem Müll Häufchen gebildet, angezündet und wärmen sich nun am Feuer. Wie aus dem Nichts tauchen ab und an Gestalten auf – und verschwinden wieder. Das ist also das richtige Indien! Nach etwa 10 Minuten Fahrt überqueren wir die Brücke des Gleisfeldes des Hauptbahnhofs und kommen im hell erleuchteten New‐Dehli an. Hotel an Hotel, ein Bett zu finden ist nicht mehr schwer.
Auch bei Tageslicht bestätigt sich: New‐Dehli ist das vollständige Gegenteil von Old‐Dehli: breite Straßen, die weitestgehend von Bäumen gesäumt sind. Ohnehin ist die Stadt mit viel Grün durchmischt: hier und dort befindet sich ein Park und auch mal ein Plätzchen, an dem wir uns von dem Getöse des Verkehrs zurückziehen können. Martin stimmt mir zu, dass New‐Dehli vom Erscheinungsbild vieles gemeinsam mit Berlin und Paris hat.
New‐Dehli kann mit einigen, beeindruckenden Sehenswürdigkeiten aufwarten, z.B. dem India Gate, das über die Paradestraße, dem Rajpath, mit den staatlichen Ministerien und dem Präsidentenpalast verbunden ist oder dem Chhattapur‐Tempelkomplex, der sich etwas am Rande der Stadt befindet. Mir gefallen die Sehenswürdigkeiten am besten, die nicht von den Heerscharen an (ausländischen) Touristen überfallen werden. Dazu zählt die riesige historische Treppen‐Brunnenanlage Agrasen ki Baoli, gut versteckt (oder sagen wir: zugebaut) inmitten New‐Dehlis. Wie ich verwundert feststelle sind die 103 Treppen, die bis zum Brunnenboden führen, ein beliebter Ausflugsort für junge Paare. Faszinierend ist ebenso der stattliche Park im Osten der Stadt, in dem sich ein Denkmal zu Ehren Mahatma Gandhis befindet (Ghandis Scheingrab, seine Asche wurde im Ganges verstreut). Auffallend viele Schulgruppen besuchen diesen Ort und gedenken Gandhi.
Den Aufenthalt in der Hauptstadt nutze ich auch dazu, zu klären, wie ich in die Länder reisen kann, die nach Indien folgen. Außerdem möchte ich die Visa hierfür beantragen.

  • Sri Lanka: Im Internet haben wir bislang keine Informationen gefunden, dass der Fährverkehr von Indien nach Sri Lanka wieder aufgenommen wurde. Auch den Mitarbeitern auf der Botschaft ist nichts bekannt. Ich muss mich also mit Gedanken anfreunden, Sri Lanka auf meiner Reise auszulassen. Da ich merke, dass die Zeit in Indien knapp wird, um meine Wunschziele zu erreichen, fällt mir dieser Gedanke nicht schwer. Martin wird allerdings nichts anderes übrig bleiben als in das Flugzeug zu steigen, um die Insel zu erreichen.
  • Bangladesch lässt sich auf dem Landweg ohne Probleme erreichen. Die Mitarbeiter auf der Botschaft (wie auch die in Berlin) bestätigen mir, dass ich mein Visum bei der Ankunft an der Grenze bekommen kann.

Dazu, dass unser Dehli‐Aufenthalt wesentlich angenehmer wird als zunächst erwartet, trägt unser Couchsurfing‐Gastgeber Manish bei. Bei unserem ersten E‐Mailkontakt habe ich mich schon gewundert: Manish bietet uns in relativ gutem Deutsch an, uns zu beherbergen. Zugleich erwähnt er, dass er seit etwa neun Monaten an einem Institut Deutsch lerne. Zwar hat Manish bis dahin auf Couchsurfing keine Referenzen (Referenzen finde ich bei der Wahl von Gastgebern und Surfern sehr wichtig). Allein wegen der Tatsache, in neun Monaten Deutsch zu lernen, dachte ich mir, müsse ich ihn kennenlernen.
Der Umstand, dass Manish fast an der Stadtgrenze Dehlis wohnt und wir über eine Stunde brauchen, um sein zu Hause zu erreichen, ist vergessen, als wir Manish persönlich kennenlernen: Ende 20, von der Statur her relativ klein, aber sehr, sehr kräftig, da er fleißig im Fitnessstudio trainiert, mit einem extrem warmen Herz. Und sein Deutsch ist tatsächlich außerordentlich gut. Martin und ich können uns ganz normal mit ihm auf Deutsch unterhalten und er versteht uns fast vollständig. Was hat dazu geführt, mit so viel Energie als Inder Deutsch zu lernen? Tja, die Liebe natürlich: eine deutsche Frau, die in Deutschland wohnt! Und nun wird tagtäglich fleißig gepaukt, um die Sprachtests erfolgreich zu absolvieren und dann irgendwann auch einen langfristigen Aufenthaltsstatus für Deutschland zu bekommen.
Wir fühlen uns bei Manish extrem wohl, kochen und backen zusammen und erkunden den Basar in Old‐Dehli, gemeinsam mit einem weiteren Kumpel, der ebenso intensiv Deutsch lernt (jedoch nicht aus der gleichen Grund). Irgendwann heißt es jedoch, Abschied zu nehmen und den beiden für die Zukunft alles Gute zu wünschen.

Unser nächstes Ziel ist die etwa 2,5 Stunden von Dehli entfernte Millionenstadt Agra, bekannt für das Taj Mahal. Unsere Gedanken im Voraus waren: Fahren wir zum Taj oder fahren wir nicht? Das macht doch jeder Tourist! Wollen wir uns das wirklich antun? Doch jeder Inder sagte: „Wenn ihr nicht beim Taj gewesen seid, dann ward ihr nicht Indien.“ Wir folgen den Empfehlungen das Taj bei Sonnenaufgang zu bestaunen und reihen uns um 6.45 Uhr in die Warteschlange, die fast nur aus westlichen Touristen besteht. Um 7 Uhr öffnen die Tore. Gute fünf Stunden verbringen wir auf dem Gelände des Taj und bestaunen das Farbenspiel, das der ändernde Sonnenstand mit sich bringt. Mindestens genauso spannend ist es jedoch, die Touristen zu beobachten, die sich über das Gelände schieben: Während bis etwa 10 Uhr die ausländischen Touristen dominieren, strömen daraufhin so viele Inder zum Taj, dass die Ausländer gar nicht mehr auffallen. Interessant ist auch zu beobachten, welche Gruppen von Ausländern sich das Taj anschauen: Backpacker, Flipfloptouristen, viele Reisegruppen mit älteren Herrschaften. Berührt bin ich von einem älteren Ehepaar aus der Schweiz, das vom Taj total überwältigt ist und meint, dass es ihr Lebenstraum gewesen sei, das Taj zu sehen. Schockiert bin ich jedoch von einigen westlichen, weiblichen Touristinnen, die hemmungslos Haut zeigen, auf Anweisung von indischen Möchtegern‐Fotografen posieren, so noch mehr provozieren und die Blicke der indischen Männer auf sich ziehen. In einem eher konservativen Land wie Indien, wo das Thema sexuell motivierter Übergriffe ein aktuelles Problem ist, ist solch ein nicht der Kultur angepasstes Verhalten definitiv fehl am Platze. Schade, dass sich manche Touristen nicht mit dem Land beschäftigten, in das sie reisen.
Nach dem Taj‐Besuch erkunden wir die direkt angrenzende Altstadt Agras und sind verblüfft: In den engen Gässchen herrscht ein typisch indisches Treiben mit Kühen, Jungs, die auf den Innenhöfen Cricket spielen. Inder lachen uns freundlich an und möchten uns nichts verkaufen. Wo sind all die Touristen hin? Sie sind wie vom Erdboden verschluckt! Keine touristische Infrastruktur. Wir haben sogar Mühe ein Restaurant zu finden, um uns nach dem ausgiebigen Taj‐Sightseeing zu stärken.

Unsere nächste Etappe führt uns nach Rajasthan, dem Land der Könige und ihren übrig gebliebenen Relikten: riesige Burgen und pompöse Schlösser. Erstes Ziel in Rajasthan ist dessen Provinzhauptstadt Jaipur. Die Altstadt Jaipurs ist auch als „Pink City“ bekannt. Die Häuser sind weniger pink, sondern eher orange – finde ich. Traditionell ist die Farbe ein Zeichen für Gastfreundschaft. Aus Anlass des Besuchs des Prince of Wales (King Edward VII) ließ der Maharaja die Stadt 1876 in diese Farbe tauchen. Auch heute präsentieren sich alle Häuser der Altstadt einheitlich in diesem Farbton, sicher auch, weil die Stadt den Farbton vorgibt. Ebenfalls auffallend ist, dass die Straßen der Altstadt rechtwinklig angeordnet sind – Verlaufen ist damit gänzlich unmöglich. Jaipur ist die erste Planstadt Nordindiens. Planstädte sind also nicht nur ein Zeichen des Sozialismus, sondern wurden bereits von Maharajas wie hier in Jaipur ab dem Jahr 1727 geplant und umgesetzt.
Nach Jaipur ziehen wir weiter nach Jodhpur. Farb‐ und Tapetenwechsel! Nun ist nicht mehr pink (bzw. orange) angesagt, sondern blau! Warum nun blau? Sind die Menschen etwa nicht mehr gastfreundlich? Nein, das Blau soll helfen, Insekten fernzuhalten. Die Stadt ist wesentlich kleiner, hat einen kleinen, aber trotzdem wuseligen Basar, verwinkelte Gässchen, die dazu einladen sich einfach in der Stadt zu verlieren und auffallend freundliche Menschen. Dazu thront über der Stadt die riesige Mehrangarh‐Burg. Mit unserer Unterkunft landen wir auch einen Volltreffer: ein schönes (blaues) Zimmer in einem Guesthouse mit Dachterrasse, von der sich ein fabelhafter Blick über die Stadt bietet.
Letzte Station in Rajasthan ist Udaipur. Na, und welche Farbe? Weiß! Gut, weiß ist nicht so beeindruckend wie orange und blau. Dafür wartet die Stadt mit einem künstlich vergrößerten See auf, an dessen Ufer sich einige schicke Heritage Hotels und Hotels reihen. Auf einer Insel befindet sich das Lake Palace Hotel, das durch den Bondfilm „Octupussy“ Weltberühmtheit erreichte. Trotz dieser schönen Kulisse zeigt sich die Stadt extrem touristisch (bzw. genau deswegen): Schnickschnackläden überall, gefühlt tummeln sich hier mehr westliche Touristen als Inder. Ein halber Tag und eine Übernachtung reichen aus, die Stadt zu erkunden. Wir verabschieden uns von Rajasthan. Aber auch Martin und ich verabschieden uns. Martin muss nun recht schnell nach Sri Lanka, um sein indisches Visum nicht zu überschreiten. Ich entschließe mich tatsächlich dazu, Sri Lanka aus meinem Reiseplan zu streichen und reise langsam an der Westküste gen Süden. Nächster Stopp ist Ahmedabad, eine Millionenstadt in der Provinz Gujarat, in der Mahatma Gandhi mit seinen Anhängern lange Zeit in einem Ashram lebte. Dann geht es weiter nach Mumbai. 30 Grad erwarten mich. Wärme, ich komme!

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