Kreuz und quer durch Pakistan: Peshawar, Karachi und Lahore

Categories Große Asienreise, Pakistan

Nach meinem Besuch der Berge Nordpakistans habe ich drei weitere Ziele, die ich unbedingt sehen möchte, bevor es weiter nach Indien geht: Peshawar, Karachi und Lahore. Die Städte lassen sich ganz und gar nicht in eine sinnvolle, kilometersparende Route integrieren. Peshawar liegt im Nordwesten, Karachi 1400 Kilometer südlich am Meer und Lahore wiederum 1000 Kilometer nördlich von Karachi an der indischen Grenze. Da die Reise zu diesen Orten auch eine Gelegenheit ist, Land und Leute kennenzulernen, entschließe ich mich zu dieser Kreuzfahrt in dieser Reihenfolge: Peshawar, Karachi, Lahore.

Peshawar ist die Hauptstadt der Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Die Stadt bildet das Tor zum etwa 40 Kilometer westlich gelegenen Khyber Pass. Die afghanische Grenze folgt nach weiteren 10 Kilometern. Genauso wie dem Bolan Pass, den ich in einen meiner früheren Beiträge bereits erwähnte, kam dem Khyber Pass eine strategische Bedeutung in den Afghanistankriegen bzw. bei den Vorstößen der Russen gen Südasien zu. Wegen der Lage an dieser bedeutenden Verkehrsader entwickelte sich Peshawar zu einer wichtigen Handelsstadt zwischen Zentralasien und Britisch‐Indien. Besonders sehenswert ist die Altstadt mit dem wuseligen Basar. In den verwinkelten Gässchen gibt es nichts, was nicht zu bekommen ist. Der Charme der Altstadt lässt sich kaum in Worte fassen. „Mystisch“ könnte mein Gefühl für die Situation ganz gut umschreiben. Einerseits, weil sich auf dem Markt hauptsächlich Pashtunen tummeln und durch ihr für uns ungewohntes, gar vermeintlich gefährliches Aussehen „auffallen“. So tragen die meisten Männer lange Bärte. Andererseits, weil die alten Kaufmannshäuser mit ihren hölzernen Balkonen einen besonders morbiden Charme versprühen und eine vergangene Handelszeit präsentiert – die bis heute anhält.

Peshawar: Der Bazar hat ein ganz besonderes Flair
Peshawar: Der Bazar hat ein ganz besonderes Flair

 

Peshawar: nette Begegnung beim Teetrinken
Peshawar: nette Begegnung beim Teetrinken

Ausflüge gen Westen, z.B. zum Khyber Pass, sind für Ausländer aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Westlich der Stadt erstrecken sich die sogenannten Federally Administered Tribal Areas (FATA), in denen die pakistanischen Gesetze keine Gültigkeit haben.

Peshawar: Das im viktorianischen Baustil erbaute Islamia College
Peshawar: Das im viktorianischen Baustil erbaute Islamia College

Nach zwei Tagen Peshawar mache ich mich auf in Richtung Süden, nach Karachi. Da selbst mir die 35‐stündige Zugfahrt zu lange ist, entschließe ich mich, noch einen Zwischenstopp nach etwa 14 Stunden Fahrt einzulegen und eine Moschee in Uch Sharif (etwa im Zentrum Pakistans gelegen) anzuschauen. Leider erreiche ich meine Moschee nicht: Den Indus nicht an der von mir vorgesehen Stelle nicht passieren, weil die auf meiner Karte eingezeichnete Brücke nicht mehr existiert oder noch nie existierte. Mein Bus nimmt einen Umweg von fast 200 Kilometern. Der als Entspannung vorgesehene Zwischenstopp entpuppt sich als zeitraubender Busfahrtag. Ich steuere direkt den nächsten Zug nach Karachi an und erreiche mein Ziel am nächsten Morgen.

Multan: Mausoleum des Sheikh Rukn-i-Alam
Multan: Mausoleum des Sheikh Rukn‐i‐Alam

Meine Vorbehalte gegenüber Karachi waren vor der Reise nach Pakistan groß: gefährlichste Stadt der Welt, eh nichts zu sehen, usw. Erst während meines Pakistanaufenthaltes durch die Informationen von Einheimischen kristallisiert sich der Besuch als Must‐See heraus. Karachi ist die zweitgrößte Stadt der Welt und ein Melting‐Pot: In einer einzigen Stadt treffen alle Kulturen Pakistans aufeinander. Gelegentlich kann es dann auch mal rumsen, doch in den letzten Jahren sei die Stadt deutlich sicherer geworden. So sagen es mir unabhängig voneinander mehrere Gastgeber.
Ich nutze auch dieses Mal Couchsurfing – und habe wieder Glück. Mein Gastgeber ist Angestellter bei der State Bank of Pakistan und führt mich in die Abläufe des Bankenwesens ein. Er zeigt mir die Räumlichkeiten, wo die Geldpolitik gemacht wird – nur den Tresorraum mit den Goldvorräten bekommen ich nicht zu sehen 😉 Karachi ist die Finanzmetropole Pakistans, doch wer sich ein Zentrum wie das Frankfurts oder New Yorks vorstellt, der liegt falsch. Zwar sind im Zentrum auch bescheidene Hochhäuser zu finden, doch zwischendrin ziehen Eselkarren leere Chemiefässer durch die Gegend, Studenten spielen Cricket auf größeren Plätzen und diverse fliegende Händler bieten ihre Leistungen an.

Karachi: Ankunft am frühen Morgen
Karachi: Ankunft am frühen Morgen

 

Karachi: Die Kontraste können im Bankenviertel Karachis kaum größer sein
Karachi: Die Kontraste können im Bankenviertel Karachis kaum größer sein

Trotz der angeblich 16 Millionen Einwohner wirkt Karachi, Hauptstadt der Provinz Sindh, gar nicht wie eine derartige Metropole. Ich bekomme zwar nie einen Überblick über alle Stadtteile, aber die Stadtgrenzen sind weitestgehend ersichtlich und durch die Lage am Wasser ist auch die Südseite der Stadt deutlich abgegrenzt.
Neben der Attraktion, eine richtige Großstadt zu sein, protzt die Innenstadt nur so von historischen Gebäuden im viktorianischen Stil aus der Zeit Britisch‐Indiens. Die Bandbreite des Zustands der Bausubstanz reicht dabei von ‚in Schuss‘ bis ‚total verfallen‘. Mit offenen Augen durch die Innenstadt zu laufen macht großen Spaß, da hier und dort tolle Schmuckstücke zu bestaunen sind.

Karachi: Ein Relikt aus der Zeit Britisch-Indiens. Die Frere Hall wird heute u.a. für Ausstellungen genutzt
Karachi: Ein Relikt aus der Zeit Britisch‐Indiens. Die Frere Hall wird heute u.a. für Ausstellungen genutzt

Nach der 16‐Millionen‐Metropole Karachi gehts dann zurück gen Norden, Richtung Lahore. Auch hier ist mir die Fahrt in einem Ritt zu lange und ich pausiere für einen halben Tag in Multan (bekannt wegen zahlreicher Moscheen und Heiligengräber). Durch Couchsurfing ergibt sich ein Kontakt zu einem Großgrundbesitzer und so bleibe ich für weitere zwei Tage auf seinem Farmhouse etwa 100 Kilometer vor Lahore. Besonderes Highlight meines Farmhouse‐Stays ist der Ausflug zu einer Border‐Closing‐Ceremony an der pakistanisch‐indischen Grenze. An jedem Tag zum Sonnenuntergang demonstrieren die Erzfeinde Pakistan und Indien ihre Stärke. Nein, nicht durch Waffen, sondern durch eine perfekt zwischen den Ländern abgestimmte Choreografie der Grenzsoldaten, mit gleichzeitigem Wortgefecht. Die Stimmung wird auf beiden Seiten durch Musik und Zurufe des Publikums (z.B. „Lang lebe Pakistan“, natürlich auf pakistanischer Seite) aufgeheizt. Das Spektakel endet nach ca. 30 Minuten mit dem Einholen der jeweiligen Landesfahne. Entlang der Grenze gibt es drei Grenzübergänge, an denen das Einholen der Fahne und das Schließen der Grenze zelebriert wird. Diese Zeremonie erlebe ich (zunächst) am kleinsten Übergang in Sulemanki Der Begriff „Übergang“ ist übertrieben, denn an dieser Stelle dürfen seit einigen Jahren keine Personen und Güter die Grenze passieren. Ein Grenzübergang, der eigentlich keiner ist, wo sich zwei Atommächte die Zähne zeigen – und als Zuschauer ist man mittendrin – das ist ein ganz besonderes Erlebnis mit ganz besonderen Emotionen.

Nach der Border-Ceremony in Sulemanki: Die Grenzsoldaten freuen sich über ausländischen Besuch und sind gerne für ein Foto parat
Nach der Border‐Ceremony in Sulemanki: Die Grenzsoldaten freuen sich über ausländischen Besuch und sind gerne für ein Foto parat

Letzte Station in Pakistan ist die 8 Millionen‐Einwohnerstadt Lahore, Hauptstadt der Provinz Punjab. Meine vorherigen Gastgeber hatten mich bereits vorgewarnt. Lahore ist anders als alle anderen pakistanischen Großstädte: relativ sauber, grün – Verkehrsregeln werden auch weitgehend verfolgt. Sie behalten recht. Mehr noch: Zum ersten Mal in Pakistan sehe ich Mülleimer.

Lahore: Blick über die Stadt von einem Minaret der Wazir Khan-Moschee
Lahore: Blick über die Stadt von einem Minaret der Wazir Khan‐Moschee

Nach einigen Tagen trifft auch mein Studienkollege Martin Köhler hinzu, mit dem ich die nächsten drei Wochen zusammen reisen werde (sein Blog: www.ostwaertstour.de). Zusammen erkunden wir die Stadt, die in diesen Tagen ganz im Sinne der Sufis, einer Untergruppe der Muslime, steht. Sufis grenzen sich u.a. dadurch ab, dass sie durch Meditieren zu Gott finden. An jeder Ecke wird getrommelt und teilweise wird auch Essen an Bedürftige ausgeteilt.

Besonders auffällig ist, dass wir von zahlreichen jungen Pakistanern angesprochen und um ein gemeinsames Bild gebeten werden. Und zwar so häufig, dass es uns bereits lästig ist und wir ablehnen. Ich frage mich, warum das so ist, denn bislang hatte ich nie Probleme. Fallen wir zu zweit so viel mehr auf? Letztlich wird das ein Grund sein. Doch vorwiegend wird es daran liegen, dass in Lahore viele junge Männer in Grüppchen durch die Gegend schlendern und so übermäßig viel Mut aufbringen, uns anzusprechen.

Lahore: Unweit des Bahnhofs ergeben sich in dieser Seitenstraße Einblicke in die richtig schwere Welt der Eisenhändler
Lahore: Unweit des Bahnhofs ergeben sich in dieser Seitenstraße Einblicke in die richtig schwere Welt der Eisenhändler

 

Lahore: Der Innenhof der Badshahi Moschee fast angeblich bis zu 100.000 Menschen
Lahore: Der Innenhof der Badshahi Moschee fast angeblich bis zu 100.000 Menschen

Schöner Abschluss unseres Aufenthalts in Lahore ist eine weitere Border‐Closing‐Ceremony, nun aber in Wagha, dem größten Grenzübergang mit einem offiziellen Übergang nach und von Indien. Weit mehr Zuschauer versammeln sich hier als bei meiner ersten Zeremonie, schätzungsweise 1200 auf pakistanischer Seite und 3500 auf indischer Seite. Die Stimmung ist noch aufgeheizter, und doch auch fröhlich. Neben den marschierenden Grenzsoldaten befeuern Animateure die Stimmung. Wegen der Größe des Schauplatzes wird der Kampfgesang auch über Lautsprecher übertragen. Nach gut 30 Minuten ist auch diese Show vorbei. Wir treten wieder den Heimweg nach Lahore an – bzw. versuchen es. Die meisten Pakistaner sind so begeistert, uns Ausländer zu sehen, dass wir durch die Menschentrauben um uns herum den Abfluss der Menschenmassen behindern. Schließlich bitten uns die Grenzsoldaten, an der Seite zu warten, damit die Pakistaner nicht wegen uns abgelenkt werden. So verlassen wir als die Letzten den Ort des Geschehens. Alle direkten Busse in das 30 Kilometer entfernte Lahore sind bereits abgefahren. Wir wurschteln uns irgendwie zurück in die Stadt. Morgen heißt es dann, endgültig Pakistan „Tschüss“ zu sagen.

Lahore: Martin und ich wurden von diesen vier lustigen Jungs beherbergt
Lahore: Martin und ich wurden von diesen vier lustigen Jungs beherbergt

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