Menschen und Religion in Pakistan

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Bevor ich mit der Beschreibung meiner Reiseerlebnisse fortfahre, möchte ein paar Ausführungen zu Menschen und Religion in Pakistan machen. Diese sollen dazu beitragen, meine späteren Beschreibungen zu verstehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen sich die Briten aus dem damaligen Britisch‐Indien zurück. Die Briten stimmten einer Spaltung in das muslimisch geprägte Pakistan (mit Bangladesch) sowie in das hinduistisch geprägte, heutige Indien zu. Pakistan wurde 1947 geboren. 1971 wurde Ostpakistan zu Bangladesch.
Infolgedessen kam es zu einer der größten Völkerwanderung der Neuzeit: Millionen von Muslimen verließen ihre angestammten Gebiete in Indien und ließen sich in Pakistan nieder. Hindus verließen Pakistan.
Das heutige Pakistan ist ein bunter Mix von verschiedenen Völkern: Pashtunen, Punjabis, Sindhis, Balochen usw. Kaum ein anderes Land dieser Welt weist eine derartige Vielfalt an Kulturen auf. Auch wenn nicht alle Unterschiede für mich auf den ersten Blick ersichtlich sind, einen sehr offensichtlichen gibt es: die Sprache. Zwar gibt es eine Landessprache (Urdu). Dennoch ist selbstverständlich, mehrere Sprache (die sich in keiner Weise ähneln) fließend zu sprechen. In den bergigen Regionen, wo es eine besonders hohe Vielfalt an verschiedenen Stämmen gibt, kann es vorkommen, dass hinter der nächsten Flussbiegung eine völlig andere Sprache gesprochen wird. Genauso kann es vorkommen, dass innerhalb eines Familiehauses zwischen den Generationen verschiedene Sprachen gesprochen werden – abhängig davon, wo die jeweiligen Großeltern herkommen und mit wem die Kinder aufwachsen. Diese Sprachvielfalt ist absolut faszinierend.

Am Kamin mit Ali Rolan Baba im Dorf Sher Garh, Provinz Khyber Pakhtunkhwa (Nordpakistan)
Am Kamin mit Ali Rolan Baba im Dorf Sher Garh, Provinz Khyber Pakhtunkhwa (Nordpakistan)

In Pakistan wohnen ca. 200 Millionen Einwohner. Oder vielleicht 250 Mio. So genau weiß das keiner, die letzte Volkszählung erfolgte 1998. Seither erfolgte ein reger Zustrom von Flüchtlingen aus Afghanistan, aber auch Pakistaner kehrten ihrem Land den Rücken. Die Pakistaner mit einer besseren Ausbildung suchen in Nordamerika und Europa ihr Glück, die Pakistaner aus sozial schwächeren Milieus verschlägt es temporär meist auf die arabische Halbinsel. Die Bevölkerung wächst dennoch in atemberaubendem Tempo: Insbesondere in den sozial schwächeren Milieus stellen Kinder eine sichere Altersvorsorge dar und je mehr Kinder da sind, um so mehr helfende Hände (in der Landwirtschaft) gibt es. Fast alle Bekanntschaften auf meiner Reise haben zwischen 5 und 10 Geschwister. Und auch viele Männer (und erst recht Frauen) in meinem Alter haben mindestens 4 Kinder im Schlepptau. Dieser Kindersegen ist vor allem in den ländlicheren Gebieten und Kleinstädten deutlich zu erkennen: Auf den Straßen dominieren die Kinder. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es mehr Schulen gibt als Wohngebäude. Doch mit diesem Kindersegen sind auch zahlreiche Probleme verbunden: Es herrscht in ländlichen Gebieten weiterhin keine Schulpflicht und wenn die Eltern es für wichtiger halten, die Kinder im Haushalt oder in der Landwirtschaft einzusetzen, dann wird das Kind nicht Lesen und Schreiben lernen. Doch auch die Schulinfrastruktur ist begrenzt. In den Schulen mangelt es an ausreichend ausgebildeten Lehrkräften, an den Hilfsmitteln – oder schlichtweg am Schulgebäude. Die Möglichkeiten für eine Ausbildung sind unzureichend: Meistens befinden sich die Ausbildungsstätten in den großen Städten – doch das können sich viele nicht leisten. Dementsprechend bringt man sich das Handwerk selber bei (was man bei der Qualität bei der Verarbeitung auch häufig erkennt).

In einer Grundschule im Dorf Sher Garh in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa (Nordpakistan)
In einer Grundschule im Dorf Sher Garh in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa (Nordpakistan)

Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich meine derzeitigen Eindrücke mit denen aus dem Iran vergleiche. Das betrifft zum Beispiel die Religion: Islam ist gleich Islam – könnte man meinen. Doch während der Iran überwiegend schiitisch geprägt ist, folgt die pakistanische Bevölkerung weitgehend der sunnitischen Glaubensrichtung (in einem meiner zurückliegenden Beiträge habe ich bereits Muharram und das Gedenken an den Imam Hussein zu Ashura beschrieben – ein Unterschied dieser beiden Glaubensrichtungen). Und: Sowohl Pakistan als auch Iran bezeichnen sich als „Islamische Republik“. Islamische Republik ist gleich Islamische Republik? Weit gefehlt. Im Iran wird die Staatsgewalt auf Basis religiöser Prinzipien legitimiert und ausgeübt, daher auch der Begriff „Gottesstaat“. Die Staatsgewalt in Pakistan legitimiert sich hingegen durch weltliche Grundsätze. Diesen Unterschied merke ich in der Öffentlichkeit sehr deutlich: Im Iran sind die Religionsführer Imam Khomeini und Imam Khamenei, z.B. auf Abbildungen an öffentlichen Gebäuden, Büros etc. allgegenwärtig. In Pakistan dagegen erblicke ich sehr selten ein Abbild der politischen Führer. Weil in Pakistan die Religion in der Staatsgewalt eine weitaus geringere Rolle spielt, tritt die Bedeutung des Glaubens für jeden Einzelnen (scheinbar) stärker in den Vordergrund. Mit anderen Worten: Mein Gefühl ist, dass Pakistaner religiöser und konservativer sind.

Ein heiliger Shrine in Golra Sharif, Islamabad
Ein heiliger Shrine in Golra Sharif, Islamabad

Ein offensichtliches Beispiel: Im Iran ist jede Frau verpflichtet ein Kopftuch zu tragen, in Pakistan nicht. Jeder Iranbesucher stellt verwundert fest, dass Kopftücher in den größeren Städten oftmals als Modeaccessoire gesehen werden. Vollverschleierte Frauen hingegen repräsentieren (in Irans größeren Städten) einen kleineren Teil. Mein Eindruck in Pakistan ist, dass deutlich mehr Frauen einen Vollschleier (Gesicht verdeckt, Augen frei) tragen. Frauen, die ihr Gesicht komplett verdecken, sind deutlich häufiger zu sehen. Natürlich sieht man auch Frauen ohne Schleier – weniger auf der Straße, sondern eher in den großen Shopping‐Malls in Islamabad und Karachi.
Auch wenn die Verschleierung für uns Westler wie eine passive Teilhabe am öffentlichen Leben wirkt, haben Frauen genauso die Möglichkeit, verschiedene Positionen im Berufsleben einzunehmen. Frauen sind auch in höheren Positionen in der Verwaltung tätig, als Polizistinnen und sogar bei der Luftwaffe.
Übrigens: Noch einige interessante Entdeckungen zum Verhalten gegenüber Frauen: In Pakistan gilt es als respektlos, Frauen anzuschauen, Blickkontakt aufzunehmen oder gar anzusprechen (gilt wahrscheinlich für den Islam, aber in Pakistan fällt es mir besonders auf). Der Gentleman schaut zu Boden, wenn sich eine Frau nähert – oder dreht sich sogar weg. Wohlgemerkt: In der Öffentlichkeit nehme ich diese Etikette kaum wahr.

Die Pakistaner äußern sich in den meisten Fällen sehr wohlwollend über die britische Vorherrschaft bis 1947. Die Briten hätten sehr viele Dinge in das Land gebracht, die die Pakistaner lieben (z.B. Cricket) oder von denen die Pakistaner noch heute profitieren (z.B. Verkehrsinfrastruktur und Verwaltung). So ist das Verwaltungswesen komplett auf Englisch).

Die „Hinterlassenschaften“ der Briten sind im Stadtbild stets präsent, wie z.B. die St. Patrick's Cathedral in Karachi
Die „Hinterlassenschaften“ der Briten sind im Stadtbild stets präsent, wie z.B. die St. Patrick’s Cathedral in Karachi

Seitdem die Briten Pakistan verlassen haben, hat sich in der Politik ein festes Problem etabliert: Korruption. Viele Politiker und Unternehmer sind irgendwie miteinander verwandt und so ist es Gang und Gäbe, sich öffentliche Aufträge zuzuschanzen. Ein Beispiel: Für den Bau der ca. 20 Kilometer langen Schnellbuslinie zwischen Islamabad und Rawalpindi wurden ca. 600 Mio. Euro ausgegeben, ein immenser Betrag im Vergleich zu anderen Haushaltspositionen in Pakistan. Wer davon profitierte ist ganz offensichtlich: Nicht nur der Fahrgast, sondern durch die zahlreichen Stahlkonstruktionen insbesondere der Inhaber eines Stahlwerkes – ein Politiker.
Es gibt einige Organisationen, die daran arbeiten, die Korruption zu begrenzen. Doch bis die großen Fische aus dem Wasser gezogen sind, ist es noch ein weiter Weg.

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