Von Quetta nach Rawalpindi bzw. Islamabad

Categories Große Asienreise, Pakistan

Ich durchschreite im Bahnhof Quetta das Tor zum Bahnsteig – und traue meinen Augen kaum: ein Gewusel, Menschen umschlungen mit allerlei bunten Tüchern, die Frauen sind komplett verschleiert, Lastenkarren werden durch die Gegend geschoben, durch die Fenster werden Säcke und Pakete gedrückt, es wird gerufen und geschrien. Viele scheinbar arme und runzelige Menschen. Es ist etwa 8.52 Uhr, um 9 Uhr soll der Zug abfahren. Nach 2 Tagen „Hotelknast“ kommt mir diese Situation noch intensiver vor als sie ohnehin ist. Wegen des rustikalen, britischen Charakters des Bahnhofs und des Zuges fühle ich mich in das Jahr 1910 versetzt.

Auf dem Bahnsteig des Bahnhofs in Quetta
Auf dem Bahnsteig des Bahnhofs in Quetta

Ich suche meinen Platz in der „Economy‐Class“. Doch wo ist mein Platz? Die Polizei hat mich schon wahrgenommen, eilt zur Stelle und will eine alte Oma von (vermutlich) meinem (Sitz-)Platz verscheuchen. Sitzplatz? Keine Liege? Bei 30 Stunden Zugfahrt? Ich versuche dem Polizisten deutlich zu machen, dass die Oma sitzen bleiben kann – in der Hoffnung, dass sie bald aussteigt und ich wenigstens diesen Sitzplatz habe. Der Polizist führt mich zu einem anderen Platz und quetscht mich zwischen die auf einer Liege sitzenden Leute. Staunende Augen sind auf mich gerichtet.

Die ersten 3 Stunden der Zugfahrt sind gleich die spannensten: Wir queren den Bolanpass. Dem Bolanpass kommt eine besondere Bedeutung zu, denn er ist eine der wenige Tore nach Südasien bzw. nach Zentralasien (Anmerkung: Der andere wichtige Pass ist der Khyberpass etwa 500 km nordöstlich). Dementsprechend kam dem Bolanpass historisch gesehen eine extrem wichtige Rolle zu: Einerseits hätte der Pass bei einer möglichen russischen Invasion DAS Einfallstor nach Südasien werden können. Andererseits war der Pass für die Briten das Einfallstor nach Afghanistan im Jahr 1839 bzw. 1880 im Zweiten Afghanistankrieg.

Kurz vor dem Bolanpass: Bahnhof Kolpur
Kurz vor dem Bolanpass: Bahnhof Kolpur

Da Quetta bereits relativ hoch liegt, führt die Strecke nicht bergauf, sondern gleich bergab. Dummerweise sitze ich mittig im Zug und bekomme von den Highlights nicht alles mit. Doch ein Mitreisender bemerkt meine Neugier und bietet mir seinen Platz an. Ich komme mir immer noch vor wie in das Jahr 1910 zurückversetzt. Die Infrastruktur entspricht in weiten Teilen noch der von den Anfängen im Jahr 1880: alte Formsignale und Signalbrücken, Bahnsteige, Bahnhöfe und Schilder. Gerade in diesem topografisch extrem anspruchsvollen Abschnitt wartet die Eisenbahn mit einigen technischen Besonderheiten auf, die wir aus Europa (nicht mehr) kennen: z.B. mit Stumpfgleisen, die in einer enormen Steigung wieder den Berg hoch führen. Angenommen, ein Zug kann nicht mehr bremsen, wird dieser auf das Stumpfgleis geleitet und so kontrolliert zum Entgleisen gebracht. Damit wird vermieden, dass der Zug unkontrolliert ins Tal hinunter rauscht.

Den Bolanpass hinunter: Um sicher zu sein, dass die Bremsen des Zuges funktionieren, muss der Zug an bestimmten Stellen, wie hier an der Tafel „STOP DEAD“, anhalten. Falls er das nicht tut, wird er auf das ins Niemandsland führende Stumpfgleis geschickt
Den Bolanpass hinunter: Um sicher zu sein, dass die Bremsen des Zuges funktionieren, muss der Zug an bestimmten Stellen, wie hier an der Tafel „STOP DEAD“, anhalten. Falls er das nicht tut, wird er auf das ins Niemandsland führende Stumpfgleis geschickt

 

Zwischen Quetta und Sibi: der Bahnhof Mach
Zwischen Quetta und Sibi: der Bahnhof Mach

 

Zwischen Quetta und Sibi
Zwischen Quetta und Sibi

Mit nicht unwesentlicher Geschwindigkeit, aber zum Glück kontrolliert, rattern wir nach Sibi hinunter. Wir verlassen das Gebirge, das Tal des Bolanflusses weitet sich, vor mir erstreckt sich eine große, vorwiegend trockene Ebene. In den folgenden 6 Stunden passieren wir gefühlt etwa jede Stunde einen Ort. Überall entlang der Gleise in den Orten herrscht buntes Treiben: Kinder und Jungendliche spielen Cricket, andere Kinder spielen Reifenfangen, dann wieder ein Markt usw. Doch auffällig ist auch hier wieder: Jeder, der mich erblickt, ob jung oder alt, hat ein Lächeln auf den Lippen. Und auch sehr auffällig: Die meisten kleinen Kinder, und das sind in Pakistan extrem viele, winken den Reisenden zu, sobald, sie den Zug erblicken.

Cricket ist in Pakistan der Volkssport Nummer 1. In Städten wird wirklich jede freie Fläche für den Sport genutzt
Cricket ist in Pakistan der Volkssport Nummer 1. In Städten wird wirklich jede freie Fläche für den Sport genutzt

Wir verlassen am Nachmittag die Provinz Balochistan und durchqueren die Provinz Sindh. Bis dato hat die Polizei bei jeder Station geschaut, ob es mir gut geht. In Sibi hat sich die Polizei meine Platznummer notiert und diese Nummer immer an die folgenden Stationen weitergegeben. Nun schaut keiner mehr rein. Doch da mittlerweile der ganze Wagen weiß, dass ein kostbarer Gast an Bord ist, übernehmen meine Mitreisenden diese Schutzfunktion. Das macht sich z.B. dann bemerkbar, als ein Händler im Zug meine Fotos auf der Kamera sehen möchte. Er hat wirklich keine bösen Absichten, doch ich habe keine Lust ihm meine Bilder zu zeigen. Da er hartnäckig bleibt, schreiten nun freundlich einige Mitreisenden ein und bitten ihn, mich in Ruhe zu lassen.

Es wird dunkel und ich frage mich, ob ich die Nacht nun im Sitzen verbringen muss. Ein anderer Fahrgast aus dem hinteren Teil des Waggons bietet mir seine Liege an – zumindest für die Hälfte der Nacht. In der zweiten Hälfte hocke ich wieder auf meinem angestammten Platz. In dem Fenster vor mir gibt es keine Glasscheibe mehr. Das ist mir tagsüber, als es warm war, nicht aufgefallen. Stattdessen wurde die Metalljalousie heruntergezogen. Es zieht wie verrückt, der Zug fährt nun auch wieder relativ schnell. Ich wickle mich in alle möglichen Sachen ein. Und merke, wie ich durch den aufgewirbelten Staub, der dann durch das Fenster hereingetragen wird, regelrecht versande. Die Pakistaner begegnen der Kälte übrigens ganz geschickt: Die meisten nutzen keine Jacke, sondern wickeln sich in Tücher ein. Gleichzeitig übernehmen diese Tücher die Funktion eines Kissens oder auch mal die eines Taschentuchs.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, erblicke ich grüne Felder, auf denen vorwiegend Reis und Mais angebaut wird. Ich bin in der Provinz Punjab angekommen. Diese Provinz besitzt das umfassendste Bewässerungssystem der Welt und wird u.a. durch den Indus gespeist. Gegen 9 Uhr erreiche ich die Millionenstadt Lahore. Bis Rawalpindi bzw. Islamabad sind es noch weitere 5 Stunden, die sich ganz schön ziehen, da die Landschaft nun auch nicht mehr mit so viel Sensationellem aufwartet. Schließlich, gegen 15 Uhr fahre ich in Rawalpindi ein. 30 Stunden Zugfahrt für 1500 Kilometer bei teilweise offenem Fenster liegen hinter mir. Ich und meine Sachen sind von oben bis unten eingestaubt. So dreckig war ich noch nie nach einer Zugfahrt.

2 thoughts on “Von Quetta nach Rawalpindi bzw. Islamabad

  1. Wirklich interessante Einblicke in deine Abenteuer im Osten! Ich freue mich auf neue Geschichten 🙂 hoffentlich hast du eine Gelegenheit zum Entsanden gefunden! Grüße vom ZOB Berlin (ganz ohne Polizeieskorte)

  2. Hey Banana Joe. Habe mir gerade mal deine letzten Abenteuer angeschaut ‚macht Spass beim lesen auch wenn ich mir diese Erfahrung selbst wohl sparen werde.Ansonsten nörgle nicht so viel mit deinem Sonderstatus,wenn die „Scheiben“ schon mal so gut geputzt sind,genieße einfach die Aussicht.
    VG aus Puerto Varas,
    Carina & Basti

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