Von der iranisch‐pakistanischen Grenze nach Quetta

Categories Große Asienreise, Pakistan

Soviel vorweg: Von allen Reisen, die ich bislang unternommen habe wird dieser Tag als der abenteuerlichste eingehen (wohlwissend, dass es noch viele weitere, potenziell abenteuerliche Tage auf meiner Reise geben wird).

Um 6.30 Uhr werden wir von unseren Weckern und den (Levies-)Polizisten aus dem Schlaf gerissen. Es dämmert und ist arschkalt. Ich ziehe so viel wie möglich an: 2 Hosen, 3 T‐Shirts, Pullover, Jacke, Schal, Mütze, Handschuhe. Der Pickup läuft bereits warm. Robert lädt sein Fahrrad auf, verstaut seine Fahrradtaschen, ich meinen Rucksack. Wir nehmen auf der Ladefläche des Pickups Platz. Wir haben keine Ahnung, wie die Fahrt nach Quetta genau vonstatten gehen wird. Wir wissen nur, dass

  • es bis Quetta über 600 Kilometer sind,
  • wir meist durch Wüste fahren werden,
  • die Straßenverhältnisse schlecht sind (man stelle sich vor, von München nach Berlin schlechte Landstraße fahren zu müssen),
  • wir entlang der afghanischen Grenze fahren – immer im Abstand von 30 bis 80 Kilometern,
  • uns die (Levies-)Polizei bis Quetta fahren wird.
Auf dem Weg von Taftan nach Quetta - noch ziemlich am Anfang der Strecke
Auf dem Weg von Taftan nach Quetta – noch ziemlich am Anfang der Strecke

Nach einem kurzen Tankstopp in Taftan starten wir mit Vollgas in die Wüsteneinöde. Vorne rechts sitzt unserer Fahrer (Pakistan hat Linksverkehr!), links unser Beschützer mit der MG, wir auf der Ladefläche des überdachten Pickups. Wir sind etwas enttäuscht, dass kein Beschützer mit uns die Ladefläche teilt. Es zieht wie Hechtsuppe. Wir sind uns unschlüssig, was wir denken sollen. Entweder: „Cool, jetzt wirds richtig abenteuerlich!“ Und: „Pickupfahren macht richtig Spaß!“ Oder: „Ach du Scheiße, wie halten wir das 600 Kilometer durch? Das Gerumpel bei der hohen Geschwindigkeit geht ganz schön auf die Knochen.“ Ich spüre schon nach 40 Kilometern deutlich das rechte Bein. Die Kilometersteine erinnern regelmäßig daran, dass es noch sooooo weit ist: 589, 588, 587… Für etwas Entspannung sorgen in unregelmäßigen Abständen die Kontrollposten: Aussteigen, Händeschütteln, in ein Notizbuch den Namen eintragen, sowie Passnummer, Vaternamen, Start‐ und Zielort, Visanummer und unterschreiben. Da dieses Notizbuch keinen Datenschutz kennt, sehen wir auch, welche Ausländer in den letzten Wochen diese Straße genutzt haben. Wir sind erstaunt: Grob alle vier Tage kommt hier doch ein Ausländer vorbei – aus der Türkei, Russland, Ukraine, Malaysia.
Nach etwa 120 Kilometern erreichen wir den ersten Ort und fahren zur Leviesstation. Die Polizisten geben uns zu verstehen, dass wir das Fahrzeug wechseln müssen. Weil der Pickup anders aufgebaut ist, nehmen wir diesmal in der Fahrerkabine Platz. 130 Kilometer sind es bis zum nächsten Ort, zwischendurch werden die Formalia aufgenommen, dann wechseln wir erneut das Fahrzeug. Nun erschließt sich uns das Prinzip: Die Levies sind immer für ein Straßensegment verantwortlich und so werden wir von Segment zu Segment weitergereicht. Dabei erwarten uns immer wieder neue Gesichter, immer freundlich und meist lustig. Von Gefahr ist bislang keine Spur.

Einer unserer Bodyguards auf dem zweiten Abschnitt
Einer unserer Bodyguards auf dem zweiten Abschnitt

Unser dritter Pickup ist wieder anders aufgebaut und etwas klappriger: Ich quetsche mich neben den Fahrer und einen unserer Beschützer samt MG in die Fahrerkabine, Robert liegt mit zwei weiteren Beschützern auf der Ladefläche. Bis Dalbandin, der größten Stadt zwischen Taftan und Quetta sind es etwa 50 Kilometer. Die Straße ist gut ausgebaut. Wir sollten also gut vorankommen. Nach etwa 20 Kilometern überholen uns zwei Toyota‐Pickups und werden vor uns etwas langsamer. Wir überholen. Die zwei Pickups überholen erneut. Unsere Beschützer werden nervös, entsichern ihre MG, mein Beschützer kurbelt das Fenster herunter und gibt den Beschützern auf der Ladefläche, sowie über Funk auch der Zentrale, Zeichen. Unser Fahrer drückt das Gaspedal ordentlich durch und überholt erneut die beiden Toyota‐Pickups. Sie fallen zurück und sind nicht mehr in Sichtweite. Das Gaspedal bleibt trotzdem durchgedrückt, die MG entsichert. Noch 20 Kilometer bis Dabandin, noch 15 Kilometer bis Dalbandin. „Manchmal können 20 oder 15 Kilometer ganz schon lang sein“, denke ich. Zugegeben geht meine Pumpe ganz schön. Dann kommen die beiden Pickups wieder, überholen uns, fahren ein ganzes Stück weiter und bleiben dann stehen. Die Beschützer bleiben angespannt, das Gaspedal bleibt ebenfalls durchgedrückt. Wir nähern uns mit ca. 120 km/h den Pickups. Sie stehen immer noch. Ein Mensch ist zu erkennen. Wir rauschen vorbei. Die Motorhaube des einen Pickups ist offen. Vermutlich Panne. Dalbandin ist in Sichtweite. Unsere Beschützer sichern ihre Waffe und schließen das Fenster. Wir fahren in den Ort und in die Leviesstation – nun heißt es wieder Fahrzeug wechseln – und durchatmen.
Mit der Ankunft in Dalbandin sind wir das erste Mal in der Zivilisation. In der kleinen Wüstenstadt herrscht buntes Treiben. Vermutlich alle hier lebenden Menschen sind Balutschen. Jeder, der uns erblickt hat sofort ein Lächeln auf den Lippen und grüßt auf irgendeine Weise. Neben dieser Freundlichkeit fällt uns noch auf: Die Frauen und Mädchen fehlen (in der Öffentlichkeit). Auf unserer Stadtdurchfahrt sehen wir nur eine junge Frau.
Die 300 Kilometer bis Quetta werden weniger zum Nervenkitzel. Vielmehr liegen entlang der Strecke einige landschaftliche Schönheiten.

Weitere liebe Bodyguards - der Junge rechts gehört aber nicht dazu, sondern war nur auf dem Heimweg von der Schule
Weitere liebe Bodyguards – der Junge rechts gehört aber nicht dazu, sondern war nur auf dem Heimweg von der Schule

Wir fahren zunächst durch eine richtige Sandwüste. Die Dünen bedecken teilweise über drei Viertel der Straße. Dies könnte auch ein Grund dafür sein, dass die Strecke am Vortag blockiert war. Plötzlich zeigt der Polizist auf etwas in der Wüste, sagt „Pakistani Train“ und dazu eine Bewegung, die wie nach‐etwas‐graben aussieht. Aha, wir haben also den Zug, den ich gestern gehört habe und den ich eigentlich nehmen wollte, eingeholt. Er ist in einer Düne stecken geblieben ist. Ich bin nun doch froh, dass ich nicht mit dem Zug gefahren bin (bzw. nicht fahren dürfte), denn sonst wären aus den 35 Stunden Fahrt von Taftan nach Quetta wahrscheinlich 50 und mehr Stunden geworden.

Kurz hinter Dalbandin auf dem Weg nach Quetta
Kurz hinter Dalbandin auf dem Weg nach Quetta

Es ist nun etwa 14 Uhr als wir das Fahrzeug wechseln. Die neue Levieseskorte macht richtig Druck: ”Go, go!“ Wir setzen uns wieder auf die Sitzbank der Ladefläche des Pickups – diesmal mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Kaum haben wir Platz genommen drückt der Fahrer richtig aufs Gaspedal. Das Einzige woran wir noch denken ist: „Bloß nicht den Griff loslassen!“ Wir rasen mit etwa 120 km/h, bleiben ab und zu plötzlich stehen (ich hätte gar nicht gedacht, dass man so schnell anhalten kann) und beschleunigen wieder. Einmal werden wir ganz langsam. Wir fahren an einem total demolierten Auto vorbei, drumherum steht eine Traube von Menschen und bestaunt den Unfall. Ah, bestimmt kommt auch unser Fahrer jetzt zur Besinnung. Kaum haben wir die Unfallstelle passiert, sind wir auch wieder auf Höchstgeschwindigkeit. Irgendwie kommen die Schutzengel doch hinterher und wir erreichen nach ca. einer Stunde unsere nächste Wechselstation. Wir merken, dass die Sonne nun langsam nachlässt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir in die Dunkelheit kommen, denn vor uns liegen noch gut 150 km. Um weitestgehend im Hellen zu fahren (vom Fahren im Dunkel wird abgeraten) hat der Fahrer wahrscheinlich so auf die Tube gedrückt.

Bahnübergang 200 km vor Quetta (Strecke Taftan-Quetta)
Bahnübergang 200 km vor Quetta (Strecke Taftan‐Quetta)

Die Straße führt nun in die Berge und schlängelt sich hoch hinauf und wieder hinab, die afghanische Grenze ist etwa 30 Kilometer entfernt. Aus wahrscheinlich diesen Gründen sind die jeweiligen Abschnitte der Levies kürzer. Wir müssen sehr häufig das Fahrzeug wechseln und bekommen immer wieder neue Bodyguards. Und mit allen haben wir großen Spaß – und die mit uns. Wir amüsieren uns köstlich. Uns werden verschiedene Sachen geschenkt. Das Auf‐ und Abladen von Roberts Fahrrad und unserem Gepäck wird auch bei den verschiedenen Bauweisen der Pickups zur Routine. Außer einmal. Bis dato wartete fast immer beim Umsteigen das nächste Fahrzeug bereits auf uns. Nun stehen wir da, mehrere Polizisten nehmen uns in Empfang, aber kein Fahrzeug ist da. „Wird schon kommen“, denken wir und vergnügen uns mit dem uns neugierig anschauenden Hund. Dann geben uns die Polizisten zu erkennen, dass wir nun losfahren. Aber womit? Wir erblicken am Straßenrand zwei Mopeds. Und die Polizisten meinen das ernst. Ich halte fest: Zu befördern sind: 3 Polizisten (davon 2 mit MG), 2 verrückte Urlauber, 4 Fahrradtaschen, 1 kleiner Rucksack, 1 großer Rucksack und 1 Fahrrad. Zunächst verstauen wir die Taschen irgendwie auf den Mopeds, Robert radelt nebenbei bzw. ziehen wir ihn. Da wir aber doch zu langsam vorankommen, „satteln“ wir um und zwei Polizisten nehmen das Fahrrad auf ihr Moped. Vor uns türmt sich ein Gebirge auf und ich versuche in der Dämmerung auszumachen, welchen Weg die Straße um dieses Gebirge herum machen wird. Nein, die Straße führt über das (kleine) Gebirge hinüber! Und so knattern wir mit doch nicht unbeträchtlicher Geschwindigkeit das Gebirge hinauf. Auf dem Pass heißt es wieder umsteigen, diesmal jedoch in einen Pickup. Mittlerweile ist es dunkel und wir sind sehr erschöpft. Der Verkehr, insb. der Schwerlastverkehr, nimmt deutlich zu. Die Luft wird immer schlechter. Aber Quetta ist weiterhin nicht in Sicht. Die Strecke zieht sich hin. Erneut passieren wir einen Pass. Wir wechseln noch unzählige Male die Fahrzeuge. Nun sehen wir CNGs (Rikshaws) – wir sind endlich in Quetta. 606 Kilometer Landstraße in 13 Stunden. Eigentlich gar nicht so schlecht. Der letzte „Höhepunkt“ des Tages ist, als wir nicht mit einem Pickup, sondern mit einem Panzerauto durch Quetta gefahren werden. Die Polizei fährt uns bis in das Hotel und geht auch ganz sicher, indem sie uns bei der Rezeption abgibt.

Circa 120 km vor Quetta: Anstelle eines Pickups werden wir mit Mopeds befördert
Circa 120 km vor Quetta: Anstelle eines Pickups werden wir mit Mopeds befördert

2 thoughts on “Von der iranisch‐pakistanischen Grenze nach Quetta

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