Die letzten 24 Stunden im Iran

Categories Große Asienreise, Iran

Als ich aufwache, ist es schon hell draußen. Wo bin ich? Ein Blick nach draußen – kaum möglich, denn von der obersten Liege im Nachtzugabteil lässt sich das Umfeld des Zuges nur schwer erkennen. Mit noch müden Gliedern schwinge ich mich herunter – gar nicht so einfach. Mit mir sind noch fünf weitere Iraner im Abteil untergebracht. Sie sind schon putzmunter. Ihre Frauen und weitere Familienmitglieder sind im Nachbarabteil untergebracht. Der 2‐jährige Sohnemann eines Mitreisenden turnt bereits herum.

Nun sehe ich auch mein Umfeld: Wüste. Kein Ort in der Umgebung, der mir einen Anhaltspunkt liefern könnte. Mein Zug ist am Vortag gegen 13 Uhr in Tehran losgefahren. Am frühen Morgen sollten wir die Stadt Bam passiert haben. Bam ist bekannt durch die Argh‐e‐Bam und war auf meiner ersten Iranreise 2013 der östlichste Punkt. Die Landschaft ist mir nun unbekannt, deswegen gehe ich davon aus, dass wir tatsächlich Bam passiert haben. Eine halbe Stunde später nähern wir uns einem Gebirge und nach Abgleich mit meiner Karte verrät mir der Streckenverlauf, dass ich richtig liege. Mein Zug fährt nach Zahedan, der Hauptstadt der Provinz Sistan‐o Baluchestan, die gleichzeitig die östlichste Großstadt im Iran ist und gut 500.000 Einwohner leben. Aus Sicherheitsgründen wird in Reiseführern ausländischen Autofahrern empfohlen, ab Bam in Richtung Osten im Konvoi zu fahren. Auch unter Iranern besitzt Zahedan nicht den besten Ruf. Man sagt, es gäbe dort einen Waffenbazar und regelmäßig würden Banken überfallen. Im Grenzgebiet zu Afghanistan und Pakistan gibt es tatsächlich nicht nur liebe Menschen, sondern auch Drogenschmuggler und sunnitische Extremisten, die den iranischen Staat bekämpfen. Im Zug ist die Stimmung gut: Ich bin – wie so oft – der einzige Ausländer, werde von den Iraner und den Balutschen freundlich gegrüßt. Von Gefahr keine Spur. Pünktlich um 12 Uhr läuft der Zug in Zahedan ein. Ich verabschiede mich von meiner mitreisenden Familie und laufe ins Stadtzentrum.

Blick auf Zahedan
Blick auf Zahedan

Die Stadt ist alles andere als iranisch. Das Einzige, was einen offensichtlichen Hinweis auf den Iran geben könnte sind die Saipa‐Autos – made in Iran. Die Menschen sehen anders aus: Schwarze, längere Haare. Volles Haar. Bei den Frisuren denke ich an Ami‐Filme aus den 70igern und 80igern. Außerdem tragen die Männer luftige Stoffanzüge mit Schürze, die mich konsequent an Schlafanzüge erinnern. Frauen sieht man nur wenige auf der Straße. Eine Nacht bleibe ich in Zahedan.

Die Route und das Reisedatum habe ich bewusst gewählt. Vor etwa 6 Jahren wurde die Eisenbahnstrecke von Tehran über Bam nach Zahedan verlängert und in Zahedan mit der aus Pakistan kommenden Strecke verbunden. Somit ist es möglich, auf dem Schienenweg von Istanbul nach Pakistan und weiter nach Indien bzw. Bangladesh zu reisen. Testweise wurden kurz nach Streckeneröffnung Güter von Pakistan nach Istanbul ausschließlich auf der Schiene transportiert. Derzeit beschränkt sich jedoch der Transport bzw. die Beförderung sowohl im Güter‐ als auch im Personenverkehr auf einzelne Streckensegmente. So verkehrt zwei Mal im Monat ein Güterzug mit Personenbeförderung von Zahedan nach Quetta, Pakistan. Für die rund 700 Kilometer braucht der Zug rund 35 Stunden. Wegen der sich ständig ändernden Sicherheitslage in Pakistan und abhängig vom Güteraufkommen fährt der Zug – oder er fährt nicht. Bei meiner Ankunft in Zahedan frage ich am Bahnhof nach, ob der Zug wie geplant am folgenden Tag, dem 3.11.2015, verkehrt. Der Beamte meint, er fahre nicht. Da ich mich jedoch nicht darauf verlassen möchte, schaue ich einfach selbst am nächsten Tag nach. Und tatsächlich: Der Bahnhof ist abgesperrt, es fährt kein Zug.

Gut, bis zur Grenze sind es etwa 100 Kilometer. Ich suche mir eine Mitfahrgelegenheit Richtung Mirjaveh, dem letzten iranischen Ort. Kurz hinter dem Ortsausgang von Zahedan stoppen wir an einem Kontrollposten. Der Beamte blättert in meinen Pass, hält Rücksprache mit den Kollegen und sagt etwas Unverständliches. Daneben steht ein schwer bewaffneter Soldat. Jedenfalls lässt mich der Beamte nicht sofort gehen. Spätestens jetzt wird mir klar, dass ein großes Abenteuer beginnt.
Schließlich fahren wir weiter. Die nächsten Kilometer ragen links und rechts unglaublich schöne Berge auf. „Pakistan Terminal“ noch 80 Kilometer. Das Tal weitet sich. Linker Hand taucht eine Burg auf – nein, keine Ritterburg, sondern eine Burg in Tarnfarben, durch einen Stacheldrahtzaun zusätzlich geschützt. „Pakistan Terminal“ noch 50 Kilometer. Die Berge sind nicht mehr ganz präsent. Die Straße führt die ganze Zeit entlang der pakistanischen Grenze. Mein Pick‐up rast mit ca. 110 km/h weiter. Noch 20 Kilometer. Eine weitere Kontrolle. Dann sind wir da. Ich durchschreite das Tor für die Zollkontrolle. Auf dem Boden des Geländes sitzen viele nicht iranisch‐aussehende, sondern viel dunkler und anders bekleidete Menschen und warten auf die weitere Beförderung. Mein erster Kontakt zu Pakistanern. Ich betrete das iranische Kontrollgebäude. Es wirkt sehr aufgeräumt. An den Schaltern drängen sich jedoch hundert und mehr aufgewühlte Pakistaner mit viel Gepäck. „Das kann ewig dauern“, denke ich. Da ich jedoch gelesen haben, dass Touristen einer „besonderen“ Kontrolle unterzogen werden, drücke ich mich an das Kontrollhäuschen heran und werde tatsächlich zur Seite gewinkt. Iranische Passkontrolle. Nach 10 Minuten habe ich meinen iranischen Ausreisestempel. Ich verlasse das iranische Kontrollgebäude, durchschreite einen ca. 50 Meter langen Zauntunnel und bin in Pakistan. Wie? Ich bin schon in Pakistan? Doch wo ist eigentlich die pakistanische Passkontrolle?

Vor dem Grenzübertritt wird nochmal kräftig mit Kanistern nachgetankt, denn Sprit ist in Pakistan wesentlich teurer als im Iran
Vor dem Grenzübertritt wird nochmal kräftig mit Kanistern nachgetankt, denn Sprit ist in Pakistan wesentlich teurer als im Iran

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