Erste Etappe: Von Dresden nach Tehran

Categories Große Asienreise, Iran, Türkei

Durch meine Iranreisen in den letzten zwei Jahren ist schon etwas Routine in die Fahrten zwischen Dresden und Tehran gekommen. Dadurch beginnt der spannende Teil dieser Asienreise eigentlich erst im Iran und so entschließe ich mich, auf möglichst direktem Weg nach Tehran fahren. Los gehts Mitte Oktober mit dem EuroNight „Metropol“ nach Budapest, dann mit dem EuroCity nach Belgrad, mit einem Nachtzug bis nach Sofia und anschließend mit Lokalzug und Bus an die bulgarisch‐türkische Grenze.

Ankunft des EuroNight "Metropol" in Budapest
Ankunft des EuroNight „Metropol“ in Budapest

Da Istanbul derzeit nicht mit dem Zug von Europa aus zu erreichen ist, nehme ich ab der ersten türkischen Stadt (Edirne) den Bus, der mich über Istanbul hinaus gleich weiter nach Ankara bringt. Ankara erreiche ich nach gut zwei Tagen Fahrt von Dresden. Im sehr komfortablen türkischen Nachtzug „Van Gölu Ekspresi“ gehts weiter nach Elaziğ und von dort mit dem Bus über Muş und um den Van‐See herum nach Van. Da der türkisch‐iranische Grenzübergang bei Dunkelheit schließt, verbleibe ich im letzten größeren Ort vor der Grenze mit dem eher österreichisch oder schweizerisch anmutenden Namen „Özalp“. Am nächsten Tag passiere ich den in atemberaubender Gebirgslandschaft gelegenen Übergang Kapıkoy/Razı. In Tabriz lege ich doch nochmal einen Zwischenstopp ein und erreiche Tehran mit einem Nachtzug „Made in GDR“ nach etwa fünfeinhalb Tagen von Dresden.

Trotz dieser eben angedeuteten „Routine“ reist trotzdem ein seltsames Gefühl mit: Denn, diese erste Etappe ist der Ritt durch die komplette aktuelle Tagesschau!

1. Das Gefühl beginnt schon in Dresden – ohne überhaupt den Zug bestiegen zu haben. Durch mittlerweile regelmäßige Hetz‐Aufmärsche ist Dresden zum Sinnbild von Fremdenfeindlichkeit geworden, das mittlerweile in der ganzen Welt bekannt ist. Alle gut gemeinten Aktionen, das Gegenteil der Welt zu zeigen, sind leider (noch) nicht in der Welt angekommen. Mittlerweile vermeide ich zu sagen, dass ich aus Dresden komme, denn zu groß ist die Angst zu hören: „Aren’t all people in Dresden Nazis?“ – so geschehen auf eine kleinen iranischen Insel im persischen Golf im April 2015.

Van Gölü Ekspresi in Ankara
Van Gölü Ekspresi in Ankara

2. Den meisten nur aus den Nachrichten bekannt, doch er ist Realität: Der Zaun an der ungarisch‐serbischen Grenze. Das Tor öffnet sich, mein Zug fährt durch, das Tor wird geschlossen. Alles wird streng bewacht. Menschlich ist das eine Tragödie: Es wird in Kauf genommen, dass Menschen vor diesem Zaun krepieren. Ökonomisch ist das ebenso eine Tragödie: Wie viele Millionen Euro/Forint wurden für den Bau des Zauns versenkt? Wie viele Baufirmen haben sind eine goldene Nase verdient? Und welche Wirkung hat der Zaun? Stattdessen hätten sicher mehrere tausend Flüchtlinge über den Winter gebracht werden können.

3. Sind wir, nur weil wir einen deutschen Pass haben, mehr wert? Ich gehe mit meinem deutschen Pass in der Hand über die bulgarisch‐türkische Grenze (EU‐Außengrenze). Wenn der Weg zwischen den Kontrollhäuschen nicht so weit gewesen wäre, wäre die Prozedur nach etwa 10 Minuten erledigt. Wenige Kilometer entfernt musste ein Flüchtling vor wenigen Tagen für den illegalen Grenzübertritt mit seinem Leben bezahlen – vermutlich, weil er „nur“ einen syrischen Pass hatte.

4. Ankara, Bahnhofsvorplatz. Abgesehen davon, dass Ankara ohnehin sauber ist, ist der Bahnhofsvorplatz besonders sauber. Alle Steinchen in den Blumenbeeten sind frisch gesetzt, Blumen sind frisch gepflanzt. An zwei Stellen sind viele Nelken abgelegt, dazu ein Plakat mit rund hundert Namen, der bei dem Anschlag (vermutlich von der IS) vor gut einer Woche getöteten Personen.

5. Mein bereits oben erwähnter „Van Gölu Ekspresi“ von Ankara fährt eigentlich bis ins kurdische Tatvan, wegen Anschlägen von kurdische Separatisten auf die Strecke allerdings nur bis Elaziğ. Der einmal wöchentlich verkehrende „Transasia“ Ankara‐Tehran verkehrt wegen Anschlägen auf den Zug voerst gar nicht. Als ich durch das Gebiet reise, scheint alles so friedlich. Unvorstellbar, dass im nur rund 150 Kilometer entfernten Cizre sich vor wenigen Tagen kurdische Rebellen und türkische Soldaten ein Katz‐ und Maus‐Spiel geliefert haben.

Auf der Fahrt von Ankara nach Elaziğ
Auf der Fahrt von Ankara nach Elaziğ

Und nun zu allerletzt: Im Kleinbus um den Van‐See von Ercis nach Van zwängt sich ein dunkelhäutiger, junger Mann, der mir auf den ersten Blick nicht ganz sympathisch erscheint, auf den Platz neben mir. Durch die körperliche Nähe kommen wir jedoch schnell ins Gespräch. Sein lückenhaftes Englisch tut dem kein Abbruch. Eher im Gegenteil: Wir zeichnen, beschreiben mit Händen und Füßen und verbal. Er ist 20, Kurde, Lehrer in der Grundschule. Wir unterhalten uns Familie in Deutschland und der Türkei, über den Beruf, über Politik und warum die Kurden nicht zur Türkei gehören. Und dann kommen wir zu seinen Träumen – und da werden seine großen, braunen Augen noch größer: Er möchte mal was anderes sehen als den Weg zwischen seinem Elternhaus in Ercis und seiner Schule in Van (ca. 80 km). Ja, wenn er dann mehr Geld hat (und das ist als türkischer Lehrer nicht so ganz realistisch), dann möchte er unbedingt nach Paris. Und nach London…

Aus dieser kurzen Begegnung mit dem Kurden Latif leite ich zwei Erkenntnisse ab. Erstens: Pauschalisieren und Vorurteile können uns ganz schön in die Irre führen. Wäre ich meinem „Nicht‐sympathisch‐Stempel“ gefolgt, dann hätte ich gar nichts über Latif und das Leben eines Kurden erfahren. DEN Kurden – oder übetragen auf unsere aktuelle Situation in Deutschland – DEN Flüchtling – gibt es gar nicht – jeder ist doch anders. Der eine vielleicht mehr nett, der andere weniger – doch hat er vielleicht andere Stärken. Zweitens: Uns fast selbstverständliche Dinge (wie z.B. die Reise nach Paris) sind für andere Menschen das höchste Glück oder ein Lebensziel.

Zwei einfache Erkenntnisse, zu der es gerade einmal einer viertägigen Reise in den Osten der Türkei bedarf. Ich wünschte mir, dass sich mehr Menschen – insb. diejenigen, die montags mit irgendwelchen schwachsinnigen Parolen auf die Straße gehen, diesen geistigen Spiegel vorhalten würden.

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