Die Ausreise aus Pakistan kann kaum glamouröser sein. Und das kommt so: Wir sind etwas spät in Lahore aufgebrochen, kommen nur schwer durch den Verkehr und erreichen die Grenze erst gegen 15.10 Uhr. Wir unken schon: Hoffentlich ist die Grenze nicht geschlossen. Wir sind zuversichtlich, dass wir es schaffen, denn die Zeremonie zur Schließung beginnt ja auch erst gegen 16 Uhr. Am ersten Check ca. 1 Kilometer vor dem eigentlichen Grenzübergang gibt uns der Beamte jedoch zu verstehen: Die Grenze ist seit 15 Uhr geschlossen! Der ganze Weg von Lahore nach Wagha (ca. 30 Kilometer) umsonst? Er lässt uns dennoch zum nächsten Kontrollpunkt ziehen. Nächster Check. Die Beamten sagen, die Grenze wird um 15.30 geschlossen. Wenn wir uns beeilen, dann schaffen wir es noch. Der Marathon beginnt. Im Gegensatz zum Vortag, als wir die Zeremonie besucht haben, entfallen für uns Grenzpassierer glücklicherweise die zeitraubenden Sicherheitskontrollen des Gepäcks. Schnell zur Passkontrolle, Formulare ausfüllen und Stempel in den Pass.

Zahlreiche Pakistaner sind bereits für die Zeremonie angereist und haben ihre Plätze in der Arena eingenommen, in der die Border‐Ceremony stattfinden wird. Laute Musik schallt durch die Arena, um Stimmung für die Zeremonie zu machen. Die Guards machen sich bereit für ihren Auftritt. Das Tor zu Indien ist am anderen Ende der Arena. Somit müssen wir durch die Arena an den vielen Menschen vorbei. Das gibt uns die Gelegenheit, uns nochmal richtig von den Pakistanern zu verabschieden: Ein Wink in die Menschenmenge. Die Pakistaner jubeln zurück. Das Grenztor zu Indien öffnet sich für uns nochmal. Wir stehen auf der weißen Linie, die die Grenze von Pakistan und Indien markiert. Tschüss, Pakistan.

Mein Rückblick zu Pakistan
Fahre ich nach Pakistan? Oder fahre ich nicht nach Pakistan? Die Entscheidung fiel mir bei der Vorbereitung meiner Reise nicht leicht. Über das Land finden sich im Internet nur wenig verlässliche Informationen und kaum aktuelle Reiseberichte. Ein deutsch‐tschechisches Pärchen, das ich 2014 getroffen hatte, schwärmte von Land und Leuten. Und vielleicht gab das den Ausschlag, ebenfalls das Land zu besuchen.
Zwei Wochen hatte ich für Pakistan eingeplant – viereinhalb Wochen sind es geworden. Zusammenfassend: Es hat sich absolut gelohnt, dieses Land zu besuchen. Diese viereinhalb Wochen haben mir einen Einblick in ein Land gegeben, den mir kein Zeitungsartikel, kein Internetbericht und keine Fernsehsendung jemals vermitteln würde: ein vielfältiges Bild von Pakistan – und nicht nur ein von Terrorismus geprägtes. Diese Vielfalt wird durch die Menschen getrieben. Pashtunen, Panjubis, Sindhis und viele mehr, die ich auf der Straße traf und die mir einen angenehmen und sicheren Aufenthalt ermöglichten. Die Gastfreundlichkeit, die mir bzw. generell Gästen – egal ob Ausländer oder Nachbar – entgegengebracht wurde/wird, ist unglaublich. Mein erster Gastgeber, Jahandad aus Islamabad, sagte zu mir: Damit die Gäste nicht hungrig bleiben, schlachtet der Gastgeber auch seine letzte Ziege – und nimmt damit in Kauf, am nächsten Tag selbst zu verhungern. Diesen Grundsatz habe ich tagtäglich erfahren. Einige Beispiele:

  • Ganz spontan hat sich im ländlichen Sher Garh ein Vater von 10 Kindern und Ehemann von 2 Frauen dazu entschlossen, mit mir einen 6‐stündigen Ausflug zu unternehmen, die Busfahrten und das Essen zu bezahlen. Die Ausgaben hierfür lagen deutlich über dem Tageseinkommen eines Normal‐Pakistaners.
  • Bei meinem Stadtspaziergang durch Multan wurde ich kurzerhand mit einem Stadtführer ausgestattet, mit dem Moped durch die Stadt chauffiert und zum Essen eingeladen und wieder pünktlich am Bahnhof abgesetzt. Und natürlich wurde im weiteren Verlauf meiner Reise nachgefragt, ob ich sicher am Zielbahnhof angekommen sei.
  • Bei einem Tagesausflug in Karachi verlangte ein Polizist nicht nur meine Ausweiskopie, sondern auch den Nachweis meines Visums, den ich aber an diesem Tag nicht dabei hatte. Mein Gastgeber nahm sich kurzerhand von der Arbeit frei, holte von zu Hause meinen Reisepass ab und reichte diesen bei den Behörden ein. Ohne Probleme hätte ich auch bis abends warten können, sobald er ohnehin frei gehabt hätte. Für ihn war sein Handeln wie selbstverständlich.
  • Bei meiner Fahrt nach Abbottabad kam ich im Zug mit einem 20‐jährigen Mann ins Gespräch, der auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz, einem Bahnhofskiosk, war. So richtig Lust auf eine Konversation an diesem Sonntag Morgen hatte ich nicht. Auf der Rückfahrt einige Tage später traf ich ihn wieder. Sein Englisch war nicht gut, aber irgendwie verstanden wir uns doch prächtig. Er stieg ein paar Stationen vor mir aus – und damit ich auf der Weiterfahrt nicht verhungere, besorgte er schnell am Bahnhof eine Coke und Chips.

Die Tage in Pakistan waren gespickt mit vielen Erfahrungen dieser Art.

Pakistan den Status eines vollständig sicheren Reiselands zu geben und als Reiseziel für Jedermann zu empfehlen wäre nicht angemessen. Ganz falsch ist jedoch, zu behaupten, dass Reisende sofort von Terroristen entführt werden. Oder gar die Behauptung, dass alle Pakistaner Terroristen seien – wie so oft behauptet. Pakistan ist sehr vielfältig, angefangen bei den verschiedenen Völkern und Kulturen über die zahlreichen Naturschönheiten bis zur tatsächlichen Sicherheit für den Reisenden. Wer weiß, vielleicht werden wir in zukünftigen Berichterstattungen auch weitere Facetten Pakistans – und zwar die abseits des Terrorismus – kennenlernen. Den Pakistanern wäre es zu wünschen.

3 thoughts on “Tschüss, Pakistan

  1. Hallo Ferry, welch tolle Schilderungen! So sehr ich deine beeindruckenden Ausführungen nachvollziehen kann und es stark finde, was dir in Pakistan so alles widerfahren ist, bin ich dennoch irgendwie froh, dass du unbeschadet durch Quetta und co. gekommen bist. o:-) Ich hoffe der Tenor deiner Blogeinträge bleibt auch in den nächsten Wochen und Monaten der gleiche. In diesem Sinne: Enjoy India! Grüße aus dem bibbernd kalten Deutschland!

  2. Hei Ferry, kam in der letzten Zeit nicht dazu, deinen Blog weiter zu verfolgen und holen das jetzt nach, weil ich für ein paar Wochen in Thailand bin. Pakistan war echt interessant und spannend!!! Bin gespannt, wir es weiter geht!

  3. Hi Ferry, wow! Eine Gastfreundlichkeit in diesem Maße kennen wir aus Europa kaum. Es freut mich, dass es dir gut geht. In einer Woche geht es auch für mich nach Indien – zu einer Hochzeit. Viele Grüße aus New Zealand!

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